Empfangsgebäude des lost place Bahnhof Canfrance
Lost PlacesSpanien - Pyrenäen

(K)ein Lost Place Bahnhof mit interessanter Geschichte

Als Jugendlicher interessierten mich Bahnanlagen und alles was mit Bahnverkehr zusammen hängt. Bahnhofsgleispläne, Betriebswerke, Fahrpläne mit den dazugehörigen Lok- und Wagenumlaufplänen, Streckenführungen, Signaltechnik und natürlich Lokomotiven.

Auch heute suche ich entlang unserer Route nach guten Fotostandorten, um z.B. die Trans-Sibirische Eisenbahn abzulichten oder die längsten Erzzüge der Welt in Mauretanien in Szene zu setzen.
In den Pyrenäen gibt es ebenso ein paar interessante Objekte. Der „kleine gelbe Zug“ von Cerdanya beispielsweise, dazu später mal mehr, oder der Bahnhof von Canfranc, den wir uns vor ein paar Tagen angesehen haben.

Lost Place – Bahnhof in den Pyrenäen

Sucht man im Internet nach Bahnanlagen und Lost Place wird man schnell den Bahnhof finden und die Bilder lassen jedes Fotografenherz höher schlagen. Doch leider sind diese Bilder Geschichte und heute so nicht mehr einzufangen.

Historie des Bahnhofs Canfrance

Der Bahnhof wurde als Durchgangsbahnhof konzipiert und stellte zur Zeit der Inbetriebnahme den Knotenpunkt für die Bahnstrecken Pau–Canfranc und Zaragossa–Canfranc dar. Er ist Grenzbahnhof zwischen Frankreich und Spanien. Das Schienennetz Frankreichs ist üblicherweise in Normalspur ausgeführt, 1.435mm Spurbreite, wie in Deutschland auch. Das spanische Schienennetz hat(te) eine Spurbreite von 1.668mm, eine sogenannte Breitspur. (Seit 2007 wird das gesamte spanische Schienennetz auf Normspur (1.435mm) umgebaut. 2020 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein.)
Folglich war ein einfaches Länder überschreitendes Durchfahren nicht möglich. An den Grenzbahnhöfen mussten alle Passagiere umsteigen und ebenso mussten alle Güter umgeladen werden.

Die alten Krananlagen zeugen von der regen Umladetätigkeit, die der Spurwechsel mit sich brachte.

Die alten Krananlagen zeugen von der regen Umladetätigkeit, die der Spurwechsel mit sich brachte.

Die Bauarbeiten an der spanischen Strecke Canfranc–Zaragossa begannen im Jahr 1902. 25 Jahre später war die Strecke fertiggestellt. Die Franzosen brauchten etwas länger, sie hatten einen 8 Kilometer langen Tunnel in den Fels zu sprengen, was alleine eine Bauzeit von 11 Jahren bedeutete. Ursprünglich sollte der Grenzbahnhof auf der Nordseite des Pyrenäenhauptkammes gebaut werden, doch der Platz reichte für die umfangreichen Bahnanlagen nicht aus und so entschied man, den Bahnhof nach Süden zu verlegen und auf einem Plateau der spanischen Seite zu bauen. Gleichzeitig mussten Wohnungen für Bedienstete erstellt werden, Hotels, Restaurants und alles was man an einem Grenzbahnhof braucht. Der Ort Canfranc entstand.

Am 11. Juli 1928 wurde die Strecke in Anwesenheit des spanischen Königs und des französischen Staatspräsidenten eröffnet. Zu diesem Zeitpunkt war der Bahnhof mit einer Länge von 241 m der größte Bahnhof in Spanien und der zweitgrößte in Europa.

Doch die Strecke wurde von Reisenden kaum genutzt. Durch Steigung und Kurven war die Verbindung zu langsam, um sich im internationalen Reiseverkehr durchzusetzen. Der Güterverkehr blieb ebenso weit hinter den Erwartungen zurück, die Planungsfehler wurden immer offensichtlicher. Von 1936–1940 war der Zugverkehr infolge des Spanischen Bürgerkriegs unterbrochen.

Am 15. März 1940 wurde der Übergang wieder geöffnet, er war nach der deutschen Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg zunächst eine wichtige Fluchtroute und hatte bald auch ein umfangreiches Güterverkehrsaufkommen. Bis zur Befreiung Frankreichs 1944 wurden über die Strecke aus Spanien kriegswichtige Rohstoffe an das Deutsche Reich geliefert, insbesondere Eisenerz aus Teruel und Wolframerz aus Galicien. In der anderen Richtung liefen Transporte mit so genanntem Raubgold über die Strecke, 86,6 Tonnen Goldbarren. Im Sommer 1944 wurde die Strecke von französischen Widerstandskämpfern mehrfach punktuell zerstört und die Spanier vermauerten den Grenztunnel.

Vier Jahre später, im Jahr 1948 wurde die Strecke wieder eröffnet, doch verkehrten bis zu einem schweren Unfall 1970 nur zwei gemischte Züge täglich.

Der Unfall 1970

Am frühen Morgen des 27. März 1970 um 6:45 verließ ein mit 320 Tonnen Mais beladener Güterzug den Bahnhof von Bedous in Richtung Canfranc. Wie üblich wurde der Zug von zwei elektrischen Lokomotiven (BB4227 und BB4235) aus dem Jahr 1925 gezogen. Die vorangegangene Nacht war kalt, Reif bedeckte die Landschaft. Die Trafostation von Urdos war in der Nacht abgeschaltet worden und lieferte keinen Fahrstrom. Deshalb lagen auch nur 1000V, statt der benötigten 1500V an der Fahrleitung an. Zusätzlich waren unglücklicherweise auch die Sandbehälter der beiden Lokomotiven leer.

Der Zug blieb auf halber Strecke liegen. Das Personal versuchte noch, diesen an der Steigung notdürftig zu sichern, doch er setzte sich talwärts in Bewegung. In der Nähe der Ortschaft L´Estanguet hatte der unbesetzte Zug geschätzte 140km/h erreicht, als er auf einer kastenförmigen Gitterbrücke entgleiste. Die Wagen verkeilten sich auf der Brücke und stürzten mit der Stahlkonstruktion in die Tiefe. Durch glückliche Umstände kam dabei kein Mensch zu Schaden.

Der Betrieb wurde seit dem auf der französischen Seite nicht mehr aufgenommen.

Der Bahnhof

"lost place" Bahnhof in Canfrance. Seit ein paar Jahren wird renoviert.

“lost place” Bahnhof in Canfrance. Seit ein paar Jahren wird renoviert.

Das 250 Meter lange, aus Stahlbeton errichtete Empfangsgebäude liegt parallel zu den Gleisen, zwischen der spanischen Breitspur und der französischen Normalspur. Reisende sollten aussteigen, die Grenzformalitäten im Empfangsgebäude erledigen und auf der anderen Seite sofort wieder in den anschließenden Zug einsteigen können. Im Gebäude gab es außerdem ein Hotel, Restaurants sowie Büroeinheiten für die jeweiligen spanischen und französischen Abteilungen der Bahn, der Grenzpolizei und des Zolls.
Die Gebäudemitte und die seitlich abschließenden Pavillons werden durch Kuppeln betont.

Erhaltungszustand

Im Verfall befindlichen Ringlokschuppen stehen Wagen, die vor sich hin rosten und von Vandalen zerstört wurden.

In dem im Verfall befindlichen Ringlokschuppen stehen Wagen, die vor sich hin rosten und von Vandalen zerstört wurden.

Nach Aufgabe des grenzüberschreitenden Verkehrs verfielen seit 1970 Bahnhof und Bahnanlagen zusehends, Ausstattungsgegenstände wurden geplündert. Im Gleisfeld stehen einige alte Waggons, die zwar für Museumszwecke hier zusammengezogen wurden, aber größtenteils verrotten. Auch andere Eisenbahnanlagen haben sich erhalten, ein Kran zum Umladen von Gütern, der Ringlokschuppen und mehr. Das prächtige – und fast völlig leerstehende – Empfangsgebäude war eine Attraktion für Eisenbahnfans und Lost-Place-Fotografen.

Doch damit ist es seit ein paar Jahren vorbei. Die Bahnstrecke soll wieder in Betrieb genommen werden. Seit 2008 wird auf der französischen Seite daran gearbeitet, 2020 soll wieder ein durchgängiger Zugverkehr möglich sein. Das Bahnhofsgebäude in Canfranc wird derzeit saniert, Das Dach ist bereits komplett neu gedeckt. Das Gelände darf von Fotografen nicht mehr betreten werden. Auf illegalem Weg ist es noch von der Rückseite möglich. Hier führt eine Straße in den nahen Wald und der Zugang zum Ringlokschuppen ist nur durch ein Absperrband verhindert.
Leider verhindert dies auch nicht den Zugang von „Andenkensammlern“, Vandalen und Sprayern.

Historische Wagen verrotten auf den Abstellgleisen.

Historische Wagen verrotten auf den Abstellgleisen.

 

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

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