Im Flug über die Wüste Lut
Iran - Oman

Iran – Eine Expeditionsreise in die Wüste

„Was kannst du eigentlich?“
Was soll ich darauf antworten? Dass ich Excel-Tabellen konstruieren kann, für deren Ausdruck man Tapetenrollen in den Drucker spannen müsste? Nein, die Antwort würde hier im Zagros-Gebirge von den Hirten, die in kärglicher Landschaft mit ihren Schafen umherziehen, nicht verstanden.

Hirten in Iran

Hirten in Iran

„Ich kann mit Blitzlicht fotografieren.“ „Zeig das mal.“ „Okay, dann stellt euch mal zusammen.“ Und „klick“ schon ist ein Bild geknipst.

Zuvor hatten sie uns eine beeindruckende Show geboten, balancierten ihren Hirtenstock minutenlang mit dem Zeigefinger in der Luft, vollführten einen Salto aus dem Stand und trafen mit einem Steinwurf so weit entfernte Ziele, die ich nicht mal mit einer Zwille treffen würde.

Sabine reicht mir eine große Kanne frisch gebrühten Tee, den ich an die fünf Hirten ausschenke. Dann müssen sie auch schon los, sich um ihre Schafe kümmern und wir blicken in den Sternenhimmel unserer ersten Nacht in Iran.

Verkehr ohne Regel

Am nächsten Morgen sind wir früh unterwegs, fahren auf der Autobahn von Tabris nach Teheran. Die aufgehende Sonne spiegelt sich in den getönten Gläsern Sabines Sonnenbrille. „Welcome to Iran“, ruft mir der Maut-Kassierer aus dem Häuschen zu, Geld will er von Touristen keines annehmen. Das Fernstraßennetz ist gut ausgebaut, die wichtigen Überlandstraßen sind alle vierspurig.

Mercedes Rundhauber

Mercedes Rundhauber

Alte amerikanische Trucks aus den 70igern prägen das Straßenbild und – besonders schön anzusehen – Mercedes Rundhauber, die heute noch in Lizenz im Khodro-Werk in Teheran gefertigt werden. Aus dem gleichen Werk stammen die kleinen, blauen Pickups, die von Handwerkern, Händlern und Bauern gefahren werden und für Iran so typisch sind wie die Perser Teppiche. Oft völlig überladen schaukeln sie als Verkehrshindernis von einem Ort zum nächsten.

Dabei ist der Verkehr nicht schnell, alle Autos sind nach westlichem Standard als untermotorisiert zu bezeichnen. In den Städten wird es chaotisch, jeder fährt so gut er kann, auch wenn es keiner Regel entspricht.

iran verkehr

Überladene Fahrzeuge gehören zum Straßenalltag

Die Iraner fahren nicht aggressiv, nutzen aber jede Lücke, in die man sich hineindrängeln kann. Dabei haben sie das Handy am Ohr und eine Zigarette zwischen den Fingern und auf dem Beifahrersitz turnt die Kinderschar, nicht angeschnallt, versteht sich. Ein deutscher Polizist brächte täglich zum Schichtende einen Wäschekorb voll Führerscheine mit zur Wache.

Weite Teile Irans sind landwirtschaftlich geprägt. Jetzt im Herbst ist Erntezeit, überall sieht man Männer, Frauen und Kinder auf den Feldern, die Tomaten, Kartoffel, Zwiebeln, Äpfel, Karotten und was weiß ich alles in Kisten verpacken und hoch auf Pickups verladen. Fotografieren ist überhaupt kein Problem, immer wird uns lachend zugenickt und „Welcome to Iran“ zugerufen, wenn wir mit fragendem Blick den Fotoapparat zeigen. Sofort wird Tee ausgegeben und eine kleine Pause eingelegt. „From where?“ „Tourist from Germany.“ „Ah, Mercedes, Germany Maschine good.“ Wassermelonen oder Granatäpfel werden aufgeschnitten, wir holen frisch gebackenes Brot und Käse aus dem Auto. Reisen kann so schön sein.

Isfahan

In der Hauptstadt Teheran ist die ländliche Ruhe vorbei, im Schritttempo fahren wir in dichtem Smog an riesigen Plakatwänden religiöser Führer vorbei. Auf einer der unzähligen Umgehungsstraßen der Millionenmetropole finden wir den richtigen Abzweig nach Süden und nähern uns jener Stadt, die von Abbas I., Schah von Persien im Mittelalter, zur prächtigsten und reichsten Stadt des Orients ausgebaut werden sollte – Isfahan.

Isfahan

Isfahan, eine der schönsten Städte in Iran

Prägender Mittelpunkt der Stadt ist der „Platz des Imam“ oder Königplatz, wie er früher hieß. Mit einer Länge von 560 Metern und 160 Metern Breite war er lange Zeit der größte Platz der Welt und ist heute in der Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.
Umgeben wird der Platz von mehreren monumentalen Bauwerken wie der Königs-Moschee, die mit ihren türkisfarbenen Kuppeln und kostbaren, schimmernden Kacheln das Sinnbild für Isfahan ist.
In den frühen Abendstunden sitzen wir auf dem Rasen der parkähnlichen Grünanlagen an einem riesigen Wasserbecken mit Springbrunnen in der Mitte. Der Händler des nahen Teppichladen bringt einfach mal so zwei Gläschen Tee: „Welcome to Iran“.
Hier lässt sich Geschichte spüren. Leicht können wir uns vorstellen, wie zur Blüte des Handels zwischen Orient und Okzident, hier die Karawanen mit Seide aus China und Gewürzen aus Indien durch die großen Stadttore zogen und nicht nur Ware, sondern auch Kultur und handwerkliche Fähigkeiten mitbrachten.

Teppichweber

Traditionelle handwerkliche Fähigkeiten sind in Iran weit verbreitet

Diese handwerklichen Fähigkeiten haben sich bis heute erhalten. Wer in den Arkaden, die den Platz umsäumen, auch mal in die kleinen Gassen geht, sieht wie Kessel aus Kupferblech mit feinen Mustern gedengelt, Tischdecken traditionell bedruckt, Teppiche geknüpft, Delikatessen aus Zucker und Vasen aus blauer Keramik geformt werden, wie man sie nur in Isfahan findet.

Händler liest den koran

Keramikhändler im Basar studiert den Koran

Aber Iran hat nicht nur eine jahrtausendealte Kultur und Zivilisation zu bieten, sondern auf einer Fläche die viereinhalb mal so groß ist wie Deutschland, auch faszinierende Landschaften.
Zum Beispiel die Wüste Lut.

Expedition in die Wüste Lut

Auf der Landkarte ist sie nicht zu übersehen, doch Informationen sind kaum zu finden. Im Reiseführer wird sie nur mit zwei, drei Sätzen erwähnt, in Reiseberichten findet man so gut wie nie eine Beschreibung.
Unser Steyr ist bis an seine Grenzen beladen. In Kerman, der Provinzhauptstadt mit allen Versorgungsmöglichkeiten ergänzten wir alle Vorräte und sind so für etwa vier Wochen autark.
Eine hauchdünne Rußfahne und das Pfeifen des Turboladers zeugen von der Anstrengung, die Fuhre mit 900 Liter Diesel und 300 Liter Wasser in Serpentinen über das Kuhpaye-Gebirge zu bringen. Das Thermometer fällt von 26°C in Kerman runter auf 4°C, während auf dem GPS 2678 Höhemeter angezeigt werden. Das Gebirge umgrenzt die Dascht-e Lut. Dascht bedeutet „Wüstenebene“ und Lut übersetzt man einfach mit „leer“. Diese leere Wüste im iranischen Hochland ist das Ziel unserer kleinen Expedition.

Wüste lut

Die Wüste Lut bietet eine einzigartige Landschaft

Die Asphaltstraße führt hinab in die Ebene, mit jedem Meter abwärts steigt die Temperatur merklich. Verkehr ist kaum vorhanden und als wir kurz vor Shahdad auf die Straße nach Nehbandan abbiegen, wird es einsam um uns. Wind weht feinen Sand über den rauhen Teer. Irgendwo im nirgendwo verlässt ein kleines Spurenbündel den Asphalt in Richtung Nord-Ost, aber nach wenigen Kilometern verlieren sich die Spuren, der ständige Wind verwischt die Zeugnisse früherer Exkursionen innerhalb von Tagen.
Dieser stetig aus einer Richtung wehende Wind ist auch der Grund für diese fast einmalige Landschaft. Der mitgeführte Sand schmiergelt bizarre Strukturen aus dem Untergrund heraus, lässt schichtenstufige, langgezogene, schmale Monumente endstehen, die bis zu 100 Metern Höhe erreichen können.

Felsformation in der Lut

Felsformationen in der Lut

Der sandige, teils kiesige Boden ist oft weich, doch mit auf 1,8 bar reduziertem Luftdruck stellt er uns vor kein unlösbares Problem. Einen Übernachtungsplatz zu finden dagegen schon. Während der Fahrt speichert Sabine an jedem „Traumplatz“ die Koordinaten, notfalls könnten wir ein paar Kilometer zurück fahren, doch hier liegen die Punkte auf einer Kette mit 500 Metern Abstand.
Einmalig schön, nein nicht ganz, es gibt ähnlich ausgeprägte Strukturen in der Sahara, sie sind zwischen Hoggar, Aïr und Adrar des Ifoghas zu finden.
Im Gegensatz zur Sahara ist die Wüste Lut menschenleer. Es wurden auch keine Funde gemacht, die eine frühere menschliche Besiedlung bezeugen. Nicht einmal Fossilien oder andere Hinweise auf früheres Leben finden sich hier.

Sanddünen in der Wüste Lut

Sanddünen in der Wüste Lut

Die Lut ist eine der lebensfeindlichsten Wüsten des Planeten, kein Wunder, sie ist mit Oberflächentemperaturen von bis zu 70,7°C der heißeste Ort der Erde.

Wüstenfuchs in der Lut

Wüstenfuchs in der Lut

Abends, der Wind ist fast zum Erliegen gekommen, sitzen wir noch lange vor unserem Mobil. „Hör mal, da ist doch ein leises Piepsen.“ „Vielleicht eine Wüstenmaus?“, vermute ich, doch im Schein der Taschenlampe entdecken wir einen Wüstenfuchs. Unserem ausgelegten Lockmittel, ein Ei, kann er nicht widerstehen und schleicht sich ins Scheinwerferlicht der Kamera.
In den nächsten Tagen verschwindet die groteske Landschaft im Rückspiegel. Stundenlang steht die Tachonadel bei der 50iger Marke und wir ziehen eine gerade Linie in nordöstliche Richtung auf die weite Schotterebene. Am späten Nachmittag des vierten Tages erscheinen die ersten Sanddünen am Horizont. Hier ändern wir die Richtung auf Nord und folgen den teils über 400 m hohen Dünen. Atemberaubend schön und einfach zu befahren, denn der Sand an der Luv-Seite ist fest wie Beton.

Wüste Lut

Wüste Lut

In der Nähe von Nehbandan erreichen wir wieder das Asphaltband. 780 Kilometer sind auf dem Zähler hinzugekommen seit wir den Asphalt verlassen haben. Die Kalouts in der Wüste Lut sind ein Geheimtipp, der fast schon die Reise in den Iran rechtfertigt. Für Wüstenfans auf jeden Fall.

Saryazd Castle

Und da wir schon einmal bei Geheimtipps sind, fahren wir zur Ruine Saryazd.

Burg Saryasd

Iran, die Burg Saryazd

Obwohl die Burg Saryazd eine der schönsten und größten Verteidigungsfestungen der iranischen Zentralwüste ist, kennt sie kaum jemand. Selbst die Mitarbeiterin der Touristeninformation in Yazd, der knapp 30 Kilometer entfernten Stadt, konnte uns den Weg nicht beschreiben. Ohne Koordinaten wird es schwer, N 31°36.093‘ O 54° 31.731‘.
Die Burg selbst, Experten schätzen das Alter auf etwa 1.700 Jahre, wurde entsprechend der traditionellen Wüstenarchitektur aus Lehm und ungebrannten Lehmziegeln erbaut.
Die Verteidigungsanlagen, wie Zugbrücke, Blockaden, Wachtürme etc. sind gut zu erkennen. Innerhalb des Mauerrings befinden sich Räume für vorübergehende Aufenthalte, Lebensmittellager und Scheunen.

Iran – Nicht nur schön

Aber der Iran ist nicht nur schön, er hat zwei Gesichter. Je sensibler man unterwegs ist, umso mehr wird man es spüren. Der Iran ist ein Überwachungsstaat, der seine Bürger kontrolliert und bevormundet, Pressefreiheit gibt es nicht. Ganz offensichtlich wird das bei der Nutzung des Internets. Die Seiten der Süddeutschen Zeitung, der FAZ und andere Nachrichtenmagazine sind gesperrt. Gleiches gilt für soziale Netzwerke wie z.B. Facebook. Die Iraner sind aber nicht dumm, bedienen sich VPN-Diensten, die ihre IP-Adresse verschleiern und nutzen sehr wohl die Informationsquellen der westlichen Welt. Kontakte zu Iranern via Facebook sind so durchaus möglich.

Geheimdienst in Iran

Wir erleben die fiese Fratze des Geheimdienstes bei der Ausreise:
Ein freundlicher Herr bittet uns in sein Büro. Tee und Gebäck wird serviert und interessiert fragt er: „Hat euch Iran gefallen? Gab es irgendwelche Probleme?“ Die Fragen gehen weiter, werden bohrender: „Habt ihr mal bei Iranern übernachtet? Könnt ihr die Telefonnummern oder Adressen hier auf den Zettel schreiben? Steht ihr mit Iranern per Facebook in Kontakt? Mit wem? Telefonnummer oder Adresse bitte.“ Auf meine Gegenfrage, wozu dies wichtig sei, bekomme ich die Antwort: „Wenn andere Reisende mal Schwierigkeiten hätten, könne man diese Personen kontaktieren, da diese ja schon Erfahrungen mit unserer Mentalität hätten.“ Der stark gesüßte Tee schmeckt langsam bitter.

„Habt ihr Iraner über eine Dating Portal kennengelernt? Nutzt ihr Couchsurfing um im Iran Übernachtungsmöglichkeiten zu finden?“ Und immer die Frage nach Adressen oder Telefonnummern. Sein Zettel bleibt leer, Freunde auf Geheimdienstlisten zu schreiben, ist wahrlich nicht unsere Mentalität.
Schade, dass ein solches Juwel wie der Iran einen solch hässlichen Schatten wirft, dabei haben wir noch nicht den Bericht von Amnesty International erwähnt, der 794 Hinrichtungen von Jan-Juni 2015 auflistet. (Zum lesenswerten Amnesty-Bericht)
Der Iran ist ein einzigartiges Land. Aufgeschlossene, gebildete, interessierte, freundliche Menschen, mit einer Gastfreundschaft, die wir immer als ehrlich und aufrichtig, nie als aufdringlich oder berechnend erfahren haben. Mit einer Jahrtausend alten Kultur, dazu einmalige, grandiose Landschaften und leider einer Regierung, die ihrer eigenen Bevölkerung misstraut.
Es bleibt nichts anderes übrig, als sich sein eigenes Bild zu machen und hin zu fahren.

Die Reiseinfos zu Iran findest du hier: Infos Iran

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

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