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Ein Gespräch auf der Fähre

Kurz vorab: Das Beitragsbild wurde mit Hilfe von KI erstellt. Ich habe meinen Gesprächspartner nicht fotografiert.

Helsinki, die finnische Hauptstadt im Süden des Landes ist gleichzeitig das Ende unserer Finnlandreise. Hier setzen wir mit der Fähre nach Estland über, wo die Reise weiter geht.
Im Hafen ist wenig Betrieb, eine handvoll Autos wartet vor den Einfahrtterminals.
Wartezeit ist immer Smalltalk-Zeit mit anderen Reisenden. Gleich hinter uns reiht sich ein Wohnmobil mit deutschem Kennzeichen ein. Das erleichtert die Verständigung.
Der allein reisende Herr interessiert sich für unser Mobil und unterliegt der gewohnten Fehlansicht: „Damit kommt man ja überall hin“ und es folgt die Story, wie er sich vor einigen Jahren am Strand in Griechenland mit seinem frontgetriebenen Wohnmobil festgefahren hat.
Das Boarding beginnt und eigentlich bin ich ganz froh, dass das Gespräch damit beendet ist und ich nicht die Fragen nach Verbrauch und ob wir damit auch schon in der Wüste waren, beantworten muss.

Üblicherweise verbringen wir die kurzen Fährüberfahrten in der Cafeteria des Schiffes, so auch dieses mal.
Er findet uns und aus Höflichkeit biete ich einen Platz an und lade zu einem Kaffee ein.
Und sofort wird das Gespräch spannend:
„Ich reise erst seit ich 75 Jahre alt bin.“
„Wie alt sind Sie denn?“, frage ich verblüfft, denn ich habe ihn auf 70 geschätzt.
„Ich bin 85.“
Alter Schwede, Respekt, mit 85 Jahren allein im Wohnmobil einmal um die Ostsee. Und dann erzählt er sein Leben.

„Ich bin erst seit 10 Jahren unterwegs. Ich habe bis 75 gearbeitet, dann ist meine Frau gestorben und ich habe das Geschäft verkauft und ein Wohnmobil gekauft. Ich war selbstständig, hatte einen Imbissbetrieb und habe mit Hühnerfleisch gehandelt.“
„Den Betrieb haben Sie geerbt?“ frage ich nach.
„Nein, zu meiner Zeit hatten nur die wenigsten geerbt, man musste sich das selbst aufbauen. Ich habe mit 15 Jahren eine Ausbildung als Werkzeugmacher bei einer Eisenbahnfabrik begonnen, aber als Geselle im 4. oder 5. Jahr gemerkt, dass ist nichts für mich. Das Klingeln des Weckers bestimmt wann ich aufstehe, die Sirene im Betrieb bestimmt wann ich mein Pausenbrot esse, wann ich nach Hause gehen darf und die Glocken bestimmen wann ich beten muss. Nein, das war nichts für mich.
Ich habe dann als Verkaufsfahrer für Frischfleisch angefangen. Morgens laden und dann Restaurants beliefern. Feierabend ist, wenn der Wagen leer ist. Das war mein Ding. Will ich früh nach Hause, unterhalte ich mich mit den Wirten nur kurz und mache keine Pause. Habe ich Zeit, kann ich zwischendrin einfach mal so einen Kaffee trinken ohne das der Meister mich ermahnt.
Ich weiß nicht was mich dann geritten hat, das Geld war es nicht, vielleicht waren es die Reklamationen, das Knochensplitter im Fleisch sind, das Fleischstücke falsch ausgezeichnet wurden und der Koch Schmorfleisch statt ein Kurzbratstück in der Pfanne hatte. Jedenfalls dachte ich, dass kann ich besser. Gewerbe angemeldet, eine kleine Metzgerei gepachtet und einen kleinen Kühllieferwagen gebraucht gekauft, alles mit Kredit.“
„Keine Angst gehabt?“
„Nein, ich war überzeugt, dass es klappt. Und wenn es schief geht, dann arbeite ich und zahle die Schulden ab. Ich war ja erst Ende 20. Ich hatte mehr Angst, meine Chance nicht genutzt zu haben.
Es lief gut und immer besser. Ich habe einen zweiten Metzger eingestellt, dann einen dritten. Wir haben uns vergrößert, sind umgezogen, es hat Spaß gemacht.“
„Und damals schon Urlaub mit dem Wohnmobil?“
„Nein, ich habe nie Urlaub gemacht. Keinen einzigen Tag. Aber ich habe mich immer für Wohnmobile interessiert und mir sogar eines in Amerika gekauft und importiert. Das habe ich nach 37 Jahren mit ganz wenig Kilometern verkauft. Ich hatte dafür keine Zeit.
Anfang der 1970iger Jahre habe ich als einer der ersten Kunden einen Hymer gekauft. Ich habe damals alles gelesen was es gab. Die ersten Bücher von Leuten die mit Hanomags nach Indien gefahren sind, mit alten Benzin-Unimogs durch die Sahara, ich habe die Leute bewundert, das war immer mein Traum.“
„Und nie daran gedacht, einen Geschäftsführer einzustellen und mal eine Auszeit zu nehmen, einen Hanomag zu kaufen und einfach los nach Afghanistan oder Mali?“
„Ich war im Hamsterrad ohne es zu merken. Ich hatte mir das Rad ja selbst gebaut und es ist ein großes Rad geworden und ich hab es schnell gedreht. Je größer das Rad und je schneller es läuft, um so schwieriger ist es, daraus auszusteigen. Ich war so verrückt und habe mein Wohnmobil vermietet, weil ich keine Zeit hatte, es selbst zu nutzen. Habe dann das neuste Modell von Dethleffs gekauft bzw. geleast und auch vermietet. Die Wohnmobile waren mein Hobby. Ich hatte zum Schluss 42 Mobile in der Vermietung, das nächste große Rad. Geld gebracht hat die Vermietung nicht. Da geht schon viel kaputt bei der Vermietung und die Mietpreise waren nicht immer kostendeckend.“
„Wirtschaftliche Fehlschläge gab es auch oder war das eine Einbahnstraße nach oben?“
„Falsche Entscheidungen lassen sich nicht vermeiden und große Räder dreht man nicht allein, wenn man da den Partner falsch einschätzt, wird es teuer. Ich hatte die verrückte Idee, eine Hühnerschlachtstraße in Rumänien aufzubauen und dort ausschließlich Pekingenten für den chinesischen Markt zu produzieren.“
„Das geht?“ frage ich skeptisch.
„Nein, das geht nicht, wusste ich aber erst, als das Geld weg war. Man braucht einen Partner in Rumänien und einen in China. Ich will mich da gar nicht so genau dran erinnern, ist schon lange her und war sicher auch mein Fehler, vielleicht habe ich doch einige rote Ampeln nicht gesehen oder nicht sehen wollen. Aber das meine ich, wenn man sich auf Partner nicht verlassen kann. Naja, jedenfalls das Gebäude steht heute noch in Rumänien, ich war vor ein paar Jahren dort und habe nochmal geguckt.“
„Und jetzt wird gereist?“
„Ich war 75 als meine Frau verstorben ist. Das war so einschneidend, da habe ich aufgehört zu arbeiten, ich habe alles verkauft oder einfach nur abgewickelt. Mir mein Wohnmobil gekauft und bin los gefahren. Im Winter nach Marokko, im Sommer in den Norden.“
„Immer alleine?“
„Ja, zu zweit wäre viel schöner, aber das ist nicht so einfach. Mit 85 eine Frau zu finden, die das mitmacht. Wo und wie soll ich die finden?“
„Rückblickend, was würden Sie im Leben anders machen?“
Er überlegt eine Weile.
„Ich weiß es nicht, mein Leben hat mir immer Spaß gemacht, mir ist viel gelungen, bis auf die Peking-Enten für China. Mmh.“ Er überlegt. „Ich würde weniger saufen. Mein Gehirn ist durch den Alkohol kaputt. Ich bin nach der 8. Klasse aus der Hauptschule in die Lehre gegangen, habe nie Englisch gelernt. Das wollte ich vor ein paar Jahren nachholen. Das wäre unterwegs sicher nützlich, wenn man Englisch sprechen könnte. Meine Tochter hat mich zu einem Intensivkurs angemeldet. Aber ich war der Schlechteste im ganzen Kurs. Ich kann mir die Vokabeln nicht merken. Am nächsten Tag sind sie weg. Aber ich mache das jetzt mit Übersetzungsapps. Mit dem Handy ist es das gleiche. Meine Tochter zeigt mir die Funktionen und wie das alles geht und wenn ich die neue Funktion ein paar Tage nicht nutze habe ich vergessen, wie es geht. Das liegt daran, dass ich früher viel gesoffen habe. War normal. Man liefert Fleisch in den Keller der Wirtschaft und schreibt am Tresen den Lieferschein. Immer stellt der Wirt ein Bier und einen Schnaps auf den Tisch. Wenn man nicht nein sagt, hat man nachmittags um 4 Uhr schon 10 Bier und 10 Schnaps drin und das jeden Tag. Ich trinke heute gar keinen Alkohol mehr.“
„Am Anfang habe ich Sie auf 70 geschätzt, mit einem Alter von 85 hätte ich nie gerechnet. Machen Sie Sport oder eine besondere Ernährung?“
„Ich esse bewusster. Ich war Fleischverkäufer und habe auch ausgesehen wie ein Fleischverkäufer. Ich habe 35 Kilo abgenommen. Mein Problem sind Süßigkeiten. Wenn die auf dem Tisch stehen, esse ich die Packung leer. Die Schokolade ist bei mir im Außenstaufach. Ich esse immer nur ein Stück. Wenn ich abends beim Fernsehen ein Stück Schokolade essen will, muss ich aufstehen, mir die Schuhe anziehen und raus. Dann nehme ich ein Stück, wirklich nur ein Stück mit rein und manchmal gehe ich abends auch ein zweites Mal raus.
Ich gehe jeden Morgen noch vor dem Frühstück eine Stunde spazieren. Egal wo, egal was für ein Wetter. Und ich übe balancieren. Das ist meine größte Angst, hinzufallen und mir etwas zu brechen.
Ich binde mir die Schuhe, indem ich auf einem Bein stehe und balanciere.“
Das Schiff erreicht die Hafenmole von Tallinn, die Zeit verging schnell.
Die See ist ruhig, dennoch schwankt das Schiff leicht. Er beugt sich nach vorn, öffnet den Schnürsenkel des rechten Schuhs und steht auf. Auf einem Bein stehend zieht der 85-Jährige sein Knie an die Brust und bindet den Schuh. Beeindruckend.
Seitdem binde ich mir auch meine Schuhe auf einem Bein balancierend.
Ich kenne seinen Namen nicht, weiß nicht wo er wohnt, dennoch wird mir das kurze Gespräch lange in Erinnerung bleiben.

This article has 1 comment

  1. siggi seeling

    schöne geschichten die man unterwegs von
    völlig fremden aus ihrem leben so erfährt !

    ich wünsche euch weiterhin solche geschichten
    von fremden leuten und viel spass…….

    s.seeling

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