Albanien - Offroad nach Theth
Albanien

Theth

Mit dem Geländewagen auf staubigen Pisten atemberaubende Landschaften zu erkunden, ist nur noch selten möglich. Eines der letzten Offroad-Paradiese findet sich im Süd-Osten Europas, in Albanien.

Der Polizist lenkt seinen Streifenwagen mit den Knien, dabei hält er in der linken Hand das Handy ans Ohr und in der rechten eine Bierdose. Sein Beifahrer deutet zum Anhalten. Ich bin mir keiner Schuld bewusst, aber darum geht es auch gar nicht, er will mir nur ein Adresskärtchen seines Cousins in die Hand drücken, dieser betreibt ein kleines Café in Theth und dort müssen wir unbedingt einkehren. Wenn schon Polizisten Werbung machen, muss es dort wohl ganz schön touristisch zugehen, doch die Sorge ist unbegründet. Albanien ist kein Touristenland, an der Küste vielleicht, aber nicht in den abgelegenen Bergdörfern der Albanischen Alpen.

Freies Campen in Albanien

Das schmale einspurige Asphaltband gewinnt langsam an Höhe, führt durch kleine Ortschaften in denen Männer beim Bier zusammen sitzen und uns zuwinken. Bevor die Straße in steilen Serpentinen den Pass erklimmt, drängt sich rechter Hand ein wunderschöner Nachtplatz geradezu auf. Über eine abgemähte Wiese steuere ich den Galloper an den Waldrand und parke so, dass wir aus dem Dachzelt einen herrlichen Blick auf das Bergpanorama haben. Ein Feuer ist schnell entfacht, bald darauf riecht es nach Bratkartoffeln und frischer Grillwurst. Ein eiskaltes Bier aus der Kühlbox besiegelt das Ende eines perfekten Tages. Wir ahnen es, aber gewiss ist es erst am Ende der Offroadreise, sieben Wochen später. Albanien ist ein Traumland zum freien Campen.

Freies campen in Albanien

Freies campen in Albanien

Während wir mit der Tasse Kaffee in der Hand den Segelflug eines Milans beobachten, trocknet die Morgensonne den Tau auf unserem Zelt.
In engen Serpentinen windet sich der Teerbelag auf dem Gipfel. Hier endet der Asphalt und wir rumpeln über eine unbefestigte Fels- und Schotterpiste auf gleicher Höhe bleibend durch die Berge. Bis knapp 2700 Meter hoch ragen die Zacken der Felswand in die Höhe und liefern eine eindrucksvolle Kulisse.
In einer 180 Grad Kehre bietet sich ein phantastischer Ausblick, der ideale Platz für eine Rast.
Ab jetzt geht es über grobe Steine bergab. Hier ist die Bodenfreiheit eines Geländewagens erforderlich, selbst mit vorsichtiger Fahrweise ließe sich ein Aufsetzen mit einem Pkw nicht vermeiden.

Weiter nach Theth

Theth nimmt man als Ort kaum wahr, es ist eine Streusiedlung die sich an den Hängen des Flusses entlang zieht. Im Winter ist der Ort oft monatelang nicht zu erreichen, der Pass den wir genutzt haben,  ist in dieser Zeit zugeschneit und die weiterführende Piste durchs Tal ist noch beschwerlicher und abenteuerlicher als die Passüberquerung. Wegen der schlechten Infrastruktur haben viele Bewohner ihre Häuser verlassen. Wir passieren die inzwischen renovierte Kirche, die zur kommunistischen Zeit als Krankenstation genutzt wurde und dadurch wohl der völligen Zerstörung entkam.

Kirche in Theth

Kirche in Theth

Ab hier wird es abenteuerlich. Gerade einmal fahrzeugbreit lehnt sich die Schotterpiste an die Felswand und folgt der wild-romantischen Schlucht des Shales-Flusses. Wolken ziehen auf und kurz darauf entladen sich Blitze mit ohrenbetäubendem Donnergebrüll. Bevor der Regen auf uns niederprasselt, suchen wir einen Platz für die Nacht, auf einer ebenen Wiese.
Das Timing ist perfekt. Der Kaffee ist gerade fertig, schnell die Hecktür und das Zelt verschlossen und schon trommelt der Regen aufs Autodach. Die Scheiben beschlagen von heißen Kaffee und trüben die Sicht. Aber genau das ist es, was das Leben entschleunigt, einem Zeit gibt und zur Ruhe kommen lässt.

In der Nacht ziehen einige Gewitter über uns hinweg. Am folgenden Tag rauschen die sonst kleinen Rinnsale als Bäche über die Piste und erhöhen den Fahrspaß.

Felsbrocken liegen auf der Piste, ermöglichen aber so eben noch einen Durchschlupf für unseren Offroader. Es ist heute wie Weihnachten, hinter jeder Biegung präsentiert die Natur ein neues Geschenk. Das Tal weitet sich, die sonst schnelle Strömung wird ruhiger und es finden sich Badestellen im türkis-blauen Wasser. Über alte, kaum noch instand gehaltene Brücken werden Kühe auf kleine Weideflächen getrieben.

Offroad durch die albanischen Alpen

Offroad durch die albanischen Alpen

Raki

Wir durchfahren ein kleines Dorf. Alte Frauen jäten Unkraut auf den Feldern, die Jüngeren erledigen die schweren Arbeiten; mit dem Pferdepflug Furchen ziehen oder mit der Sense Heu für den Winter schneiden, das in Handarbeit mit Hilfe eines Holzkastens zu Heuballen gepresst wird. Im ländlichen Albanien könnte man einen Film drehen, der zur Zeit von Jesu Geburt spielt.
Wir geben den Weg für einen mit Stroh beladenen Esel frei. Sein Treiber, ein Mann um die 50, spricht im Befehlston in gebrochenem Deutsch: „Mitkommen, Haus, Kaffee, Raki, Essen.“ Seinem Lächeln können wir nicht widerstehen, zwei Minuten später parkt unser Galloper neben dem Esel vor seinem Haus.

Einladung zu Kaffee und Raki

Einladung zu Kaffee und Raki

Ein starker Kaffee wird nach türkischer Art gekocht und ein Wasserglas selbstgebrannter Pflaumenschnaps ausgeschenkt. Seine Hände und die seiner Frau sind von der harten Feldarbeit rau und gezeichnet, seine Haut von der Sonne gegerbt. Ihr ältester Sohn übersetzt, er war ein paar Monate in Deutschland. „Asyl“, sagt er laut lachend als habe er einen guten Witz gemacht. „Hat nicht geklappt, kein Asyl, keine Arbeit und keine Frau, die mich heiraten wollte. Dann bin ich zurückgegangen.“ Seine Mutter gibt ihm einen dicken Kuss auf die Wange und wir spüren ihre Freude, dass er wieder zu Hause ist. Einem weiteren Wasserglas voll Schnaps kann ich nur entgehen, indem ich das leere Glas nicht mehr aus der Hand gebe. Den Rest des Tages fährt Sabine unseren Allradler.

Landleben in Albanien

Landleben in Albanien


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Offroad-Reiseführer-Albanien

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Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

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