Straßenverkehr in Moskau
Russland - Mongolei

Russische Fahrweise – So fährt der Russe

Ich habe mit allem gerechnet, aber nicht damit. Horrorgeschichten über die russische Fahrweise, zu lesen in Autobild.de  „Autofahren in Russland: Regeln gibt es, aber keiner hält sich dran“ und Focus.de „Darwinismus auf russischen Straßen“ oder “Der tägliche Irrsinn auf Russlands Straßen” gibt es zu Hauf im Netz.
Nichts trifft zu. Dabei ist mein Maßstab nicht mit der Fahrweise in Teheran, Kairo oder Jaipur geeicht, sondern ich nehme mal das Fahren in Deutschland als Richtwert.

Russland ist groß, 2.000 Kilometer in Nord-Süd- und 9.000 Kilometer in West-Ost-Richtung, bisher kenne ich nur den europäischen Teil. Ich beschreibe einfach ein paar Erlebnisse und Beobachtungen, diese sind natürlich nicht allgemeingültig.

Typischer Fernverkehr auf russischen Landstraßen

Typischer Fernverkehr auf russischen Landstraßen

Das Fahren auf den Fernverkehrsstraßen und Autobahnen ist relaxt. Das Tempolimit für PKWs liegt bei 110 km/h und die Dichte der Radarkontrollen mit mobilen Einheiten ist extrem hoch. In keinem anderen Land habe ich bisher eine solche Präsenz von Geschwindigkeitsmessungen gesehen. Folglich wird kaum jemand die 120iger Marke knacken. Die Fernlastzüge, größtenteils moderne Zugmaschinen von MAN, Mercedes, DAF, Scania und Volvo, machen einen verkehrstüchtigen Eindruck und fahren zwischen 80 und 90 km/h. Das Fahren auf den Schnellstraßen und Autobahnen empfinde ich als entspannt.
Interessant fand ich das Verhalten im Stau. An einer Brückenbaustelle reduzierte sich der Fernverkehr auf eine Spur und wurde mit einer Ampelanlage geregelt. Bedingt durch das Nadelöhr staute sich der Verkehr auf rund 10 Kilometer Länge, wir brauchten dafür etwas mehr als drei Stunden. Keiner, auch die PKWs nicht, scherte aus um zu drängeln, obwohl es dazu genug Möglichkeiten gab. Niemand nutze Parkplätze oder Tankstellen, um mit einem Durchfahren eine bessere Position zu erlangen. Jeder blieb in der Reihe. An Steigungen wurde die Kriechspur für LKW nicht genutzt, weder um die Warteschlange auf zwei Spuren zu verteilen noch um über diese zu überholen. Jeder behielt seinen Platz in der Reihe. Eine Disziplin, die ich bei uns im Stau noch nie beobachtet habe.

Zebrastreifen

Fast nirgendwo auf der Welt gelten Zebrastreifen, in Russland schon. An Zebrastreifen wird angehalten.
Okay, ich würde mich nicht zu 100% darauf verlassen, aber ein erstaunlich hoher Teil der russischen Autofahrer stoppt, wenn Fußgänger die Fahrbahn überqueren wollen.

Russische Fahrweise in Moskau

Verkehr in Moskau

Verkehr in Moskau

Moskau ist eine besondere Stadt, der Verkehr ebenso. Das Straßennetz ist völlig überlastet, insbesondere in den Morgen- und Nachmittagsstunden zur Rush Hour geht es nur noch im Schritttempo über die Stadtringe und Tangenten.  Eigentlich bleibt auch hier jeder in seiner Spur. Ein kleiner Teil der besonders Eiligen wechselt und nutzt jede Lücke, die sich bietet. Der Moskauer nimmt es gelassen. Hupen und Aufregen kommt nicht vor. Um die Spur im dichten Stau zu wechseln gibt es zwei Möglichkeiten, von denen der Moskauer nur die erste kennt.
1. Man drängelt sich in die Spur hinein. Keine Angst, es wird gut gehen, einer wird bremsen. Unfälle passieren in Anbetracht des dichten Verkehrs relativ selten und auch der Moskauer möchte seinen Cayenne oder X6 nicht verbeult in der Garage abstellen.
2. Man gibt Handzeichen zum geöffneten Fenster hinaus und bittet, vorgelassen zu werden.
Der Moskauer selbst nutzt diese Möglichkeit nicht, aber fast jeder hat meinen kurzen Gruß erwidert und mich vor gelassen.
Keine Angst vor dem Verkehr in Moskau, er ist nicht vergleichbar mit dem Chaos in Kairo.
Man schiebt sich einfach im Schritttempo in dichtem Stau, in dem eine Hand voll Leute durch die Stadt Rennen fahren,  das war’s.

Straßenbahn

Zum Schluss noch ein Erlebnis mit der Straßenbahn in Moskau.
Die Straßenbahn hat oft ihre Trasse in der Mitte der vierspurigen Stadtstraße. Bahnsteige an den Haltepunkten gibt es nicht. Bei der ersten Fahrt dachte ich, dass der Tag im Krankenhaus enden wird. Wie soll man am Straßenrand wartend über eine vielbefahrene Straße gelangen, wenn die Bahn in der Straßenmitte hält? Und noch viel schlimmer, wie soll man das überleben, wenn man aus der Bahn aussteigen will und direkt, ohne auch nur 10 Zentimeter Platz zu haben mitten auf die Stadtstraße tritt? Kaum zu glauben, wenn die Straßenbahn hält, stoppt der ganze Verkehr hinter der Bahn. Niemand fährt an der haltenden Straßenbahn vorbei. Absolut niemand.
Beim Aussteigen aus der Bahn verlor Sabine ihr Halstuch auf der Straße. Wir waren schon auf der Straßenseite, die Bahn fuhr los. Autofahrer hupten und zeigten auf das Tuch, auf der dritten Fahrspur liegend. Niemand fuhr los bis ich das Tuch geholt und wieder sicher am Straßenrand angekommen war. Für mich absolut beeindruckend. In Kairo läge ich nach so einer Aktion vier Meter lang ausgewalzt wie ein Bettvorleger auf der zweiten Spur.

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

This article has 1 comment

  1. Uwe

    ich kann das bestätigen, ich fand die russische fahrweise in St. Petersburg sowie im chaotischen Verkehr von Kaliningrad (wegen der vielen Baustellen und fehlenden Brücken) auch völlig ok. Leidglich hinter der finnischen Grenze Nuijamaa nahmen es die Russen mit der Geschwindigkeitsbegrenzung nicht so genau.

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