Simbabwe Victoria Falls
Südliches Afrika

Zimbabwe

Die gute Teerstraße endet genau an der Grenze zwischen Botswana und Zimbabwe. Man hatte uns gewarnt: „Nehmt genug zu Essen mit und tankt randvoll, in Zimbabwe gibt es nichts.“
Andere formulierten drastischer: „Seit ihr wahnsinnig, jetzt nach Zimbabwe zu fahren? Wollt ihr euch die korrupten Polizisten antun? Die Leute plündern doch euer Auto aus, die bringen euch wegen einer Tüte Mehl um.“
Wir wollen uns unser eigenes Bild machen und fahren los.

Grenzabfertigung

Das Gebäude der Grenzabfertigung, wir haben den kleinen Grenzübergang Pandamatenga gewählt, ist in gutem Zustand, die Schreibpulte aus edlem Holz mit Marmoreinlagen. Hatten wir so nicht erwartet. Die Beamten sind höflich, freuen sich geradezu, Touristen begrüßen zu können. Unser Auto wird gründlichst durchsucht und natürlich entdeckt man unseren großen Lebensmittelvorrat mit all den Köstlichkeiten, von denen er seit Jahren nur träumen kann, aber keine Beanstandung, nicht ein einziges Wort des Bettelns. (Später erfahren wir, dass dies daran lag, dass wir Europäer sind. Autos mit südafrikanischem Kennzeichen haben erheblich mehr Probleme, da viele Südafrikaner die Lage im Land für Schmuggelgeschäfte nutzen.)
Gebühren werden fällig, 30 US-Dollar Carbon-Tax fürs Auto, 10 USD Road-Tax, alles gegen Quittung und amtlichem Sticker, der an der Windschutzscheibe befestigt werden muss.
Lediglich beim Visum gibt es ein kleines Problem. Die Visa-Aufkleber für Single-Entree sind ausgegangen, schon vor Monaten, daher kann er uns nur ein Visum für die zweifache Einreise ausstellen, dies kostet jedoch statt 30 USD pro Person 45 USD.
Im Zollgebäude hängt ein neuer Aushang, dass staatliche Behörden und Einrichtungen ab sofort ihre eigene Währung nicht mehr akzeptieren, gezahlt werden muss in US-Dollar.
Ich frage den Zöllner: „Wirst du jetzt auch in US-Dollar bezahlt?“
„Nein, ich bekomme nur viertrillionenzweibillionenachthundertfünfzig-milliardenundfünfhundertmillionen Zimbabwe-Dollar und muss davon meine Familie durchbringen. Wie soll ich das machen? Das viele Geld reicht gerade für 12 kg Mehl.“

Liebenswerte Menschen

Die Schwarzmarktkurse explodieren, die offizielle Inflationsrate liegt bei 18.000 Prozent, aber die Zahl ist geschönt, in Wirklichkeit kann kein Afrikaner die Prozente ausrechnen. Morgens gibt es auf dem Schwarzmarkt 83 Billionen für einen USD und Nachmittags sind es schon 88 Milliarden mehr.
Wir fahren auf brauchbarer Erdstraße, sehen Giraffen und Antilopen. Dass die Einheimischen die Wildtiere abgeschossen und gegessen haben, wie oft behauptet wird, ist wohl falsch. Wir fahren an kleinen Siedlungen vorbei und sind überrascht, wie gepflegt die Anwesen um die Rundhütten sind. Alles ist sauber, gefegt und aufgeräumt. Tiere haben kleine Ställe mit Schattendach. Die Menschen winken uns zu, sind freundlich und zurückhaltend.
Trotz ihrer Not werden wir nur selten angebettelt (Ausnahme: Victoria-Falls, aber hier schmeißen die Touristen mit Geld um sich). Wir haben einige Kilo Mehl und Kartoffeln dabei und geben den Notleidenden. Zu spüren ist echte Dankbarkeit, anders als in anderen afrikanischen Ländern, wo sofort die Forderung nach mehr gestellt wird und die Gabe als das Mindeste angesehen wird, was man als Weißer zu geben hat. Die Zimbabwer sind von ihrer Art einfach liebenswert.
Nachts schlafen wir im Busch und hören Löwengebrüll, ganz nah.

Diesel „No“

Die Versorgung ist schlecht

Die Versorgung ist schlecht

Unser Ziel ist Victoria-Falls, die Touristenstadt an den gleichnamigen Wasserfällen.
Es sind kaum Touristen hier, alles spielt sich auf der gegenüberliegenden Seite in Sambia ab.
Restaurants sind geschlossen, genau wie viele Souvenirläden, Boutiquen und Supermärkte. Zu kaufen gibt es dennoch alles, Voraussetzung: US-Dollar.

Läden sind geschlossen

Läden sind geschlossen

Auf Dollarbasis sind die Lebensmittel etwas teurer als in den Nachbarländern, denn alles wird von dort (vor allem aus Sambia und Botswana) herbei geschafft.
Insgesamt macht die Infrastruktur einen guten Eindruck, Wasser und Strom funktionieren, die Straßen und öffentlichen Gebäude sind okay, deutlich besser als in der DDR vor ihrem Zusammenbruch. Einkaufszentren aus Stahl und Glas, es könnte die City-Galerie in deiner Stadt sein, aber die Geschäfte sind leer. Es fehlt an allem, besonders an Diesel. Aus dem gleichen Grund werden keine Verbrechen verfolgt, die Polizeiwagen sind trocken. In den staatlichen Krankenhäusern gibt es nichts mehr, es fehlen selbst einfache Verbandsmaterialien. Die Schulen sind geschlossen, weil die Lehrer nicht mehr kommen.
Am Abend ist in unserem Hotel (wir können auf der Wiese am Pool für 10 USD campen) eine große Fete. Die Unterzeichnung der Regierungsverträge zwischen Mugabe und Tsvangirai wird mit viel Bier gefeiert. Wir lernen den Vertreter der MDC kennen, es ist der Konsul von Victoria Falls und haben ein interessantes Gespräch. Der Konsul und ich sind die einzigen Nichtbetrunkenen. Auf mich macht er einen sehr guten Eindruck. Sehr gebildet, wissbegierig und er kennt die Probleme der afrikanischen Mentalität ganz genau. Mich überrascht, wie durchdacht die Lösungen der Probleme sind, die in naher Zukunft auf sein Land zukommen werden, z.B. ausländische Investoren, große Geldvolumen internationaler Hilfsorganisationen und damit auch die Verführung zu Korruption und Vetternwirtschaft.

Wahlkampf in Simbabwe

Hoffen auf einen neuen Präsidenten, aber der Diktator tritt nicht ab.

Aber wirklich überrascht hat mich sein Abschiedssatz auf meine Frage, wie man mit den jetzigen Machthabern (Mugabe-Clan) und deren Schargen umgehen wird, ob es eine Versöhnung geben wird oder ob es zu einem Bürgerkrieg kommen könnte.
„Es wird keine Versöhnung und Entschuldigung geben, wir werden jetzt noch eine gute Mine machen, aber in einem halben Jahr werden wir alle Macht haben und dann werden die Straftaten abgerechnet. Das wissen auch die Mugabetreuen, wenn sie clever sind werden sie die Zeit nutzen und das Land verlassen. Wir werden niemanden töten, aber alle die Unrecht getan haben, werden vor Gericht kommen und inhaftiert werden. Wir lesen sehr viel über die deutschen Prozesse nach der Nazizeit.“
Noch eine kleine Frage zum Schluss: „Wie kann man in Anbetracht der Bilder, die um die Welt gingen, auf denen weiße Farmer von ihren Angestellten mit Macheten verstümmelt und ermordet wurden, davon ausgehen, dass wieder Weiße in Zimbabwe investieren?“
„Das Bild, dass die Welt von den Zimbabwern hat ist falsch. Es waren in den wenigsten Fällen die eigenen Angestellten. Vielmehr war es eine Mördertruppe, von Mugabe ins Leben gerufen, die durchs Land zog und Unheil brachte. In Wirklichkeit sind viel viel mehr Schwarze auf den Farmen umgebracht worden als Weiße.“

Im Supermarkt

Im Supermarkt

Der Farmer

In den nächsten Tagen lernen wir einen Mann (ca. Mitte 40 Jahre alt) kennen, der eine Farm in Sambia betreibt. Im Gespräch stellt sich raus, dass er eine Farm in Zimbabwe in der vierten Generation hatte und diese innerhalb von drei Stunden verlassen musste. Ich gebe ein Bier aus und lasse ihn erzählen:
„Wir hatten alles, Maisfelder, Weizen, Gemüse, 5000 Rinder. Wir hatten 200 Angestellte, die wie in Afrika üblich, natürlich mit ihren Familien auf der Farm lebten. So hatte ich Verantwortung für etwa 1.200 Menschen. Jede Familie hatte ein Haus aus Stein, Wasseranschluss, eigene Toilette, Stromanschluss und einen eigenen kleinen Garten für Gemüse und ein paar Hühner. Mein Haus lag etwas abseits davon auf einer Anhöhe mit großen schattenspendenden Bäumen, gepflegtem Rasen, Pool, Garagen und zwei kleinen Häuschen, in dem unser Gärtner und Hauspersonal wohnte.
Wir hatten eine eigene Werkstatt für die Traktoren und Fahrzeuge, einen eigenen Schlachthof, wir haben Ziegelsteine selbst gemacht.
Ich habe die Kommune unterstützt. Wenn der Schulleiter kam und sagte, er braucht einen weiteren Klassenraum. Kein Problem, ich habe meine Maurer geschickt, habe die Steine und Holzbalken geliefert und die Bauleitung gemacht. Das Einzige was die Schule zahlen musste, war der Zement und den habe ich noch von meinem Fahrer mit Traktor und Anhänger abholen lassen. Die Brücke über den Fluss habe ich der Gemeinde gebaut, dass einzige was heute noch steht.“
“Und dann haben plötzlich die Arbeiter die Farm besetzt?“, will ich wissen.
„Nein, es ging schleichend. Es wurden neue Gesetze erlassen. Es war untersagt, den Weizen frei zu verkaufen, wir mussten zu festgeschriebenen Preisen an eine zentrale Stelle liefern. Der Preis fiel rapide, obwohl die Weltmarktpreise konstant blieben. Irgendwann war es nicht mehr wirtschaftlich, Weizen anzubauen. Mit Mais ging es ganz genau so. Dann durften wir unsere Milch nicht mehr frei an die Molkereien verkaufen. Die wirtschaftliche Lage wurde schwierig. Irgendwann kamen Beamte, die unsere Farm geschätzt haben, nicht den Ertragswert, sondern den Vermögenswert und natürlich war die Farm einiges Wert, denn alle Investitionen konnten vorher als Betriebsausgaben gebucht werden und reduzierten so die Bemessungsgrundlage der Ertragssteuer, also hat jeder Farmer viel investiert. Wir hatten neue Traktoren, eine moderne Siloanlage und ein Mahlwerk für Mais und alles war sehr gut instandgehalten. Darauf waren jetzt Steuern zu zahlen. Gleichzeitig wurde vorgeschrieben, was wir anzubauen hatten. Profitabel war es nicht mehr. Mugabe wurde in dieser Zeit übrigens einer der reichsten Männer, denn die Differenz zwischen Weltmarktpreis und der Bauernvergütung wanderte in den Staatshaushalt und damit in seine eigene Tasche.
Meinen Mitarbeitern ging es schlechter. Früher habe ich die guten Arbeiter bei Krankheit zu meinem Arzt gebracht, Behandlung und Medikamente gezahlt, ich wollte nicht, dass sie zu irgendeinem schwarzen Quacksalber gehen, der da rum pfuscht. Dafür fehlte jetzt das Geld. Ich konnte auch die Gemeinde nicht mehr unterstützen und ich konnte auch keine neuen Maschinen mehr kaufen. Es war schwierig. Dann kamen plötzlich Beamte und verlangten, dass wir alle Vorräte abliefern. Wir hatten natürlich einige hundert Tonnen Maismehl und Bohnen in der Lagerhalle, aber ich war verantwortlich für 1.500 Menschen und das waren die Vorräte für ein ganzes Jahr. Ich musste liefern. Jetzt konnte ich meine Arbeiter nicht mehr ernähren, diese sollten sich laut Regierung ihr Maismehl teuer auf dem Markt kaufen. Die Gewerkschaften forderten nun deutlich höhere Löhne und das auch zu recht, aber wie sollte ich diese zahlen. Ich durfte meinen Arbeitern kein Maismehl mehr schenken, früher war es auf den Farmen üblich, dass jeder Maismehl, Öl, Wohnung, medizinische Versorgung von seinem Arbeitgeber gestellt bekam, folglich begannen die Arbeiter Maismehl zu klauen.
In den Medien wurde den Menschen eingeredet, die weißen Farmer seien Schuld, dass nun die Preise steigen. Die Weißen beuten das Land aus, das Land der Schwarzen. Der Diebstahl nahm immer mehr zu, es fehlte jedes Unrechtbewusstsein und von der Regierung wurden sie noch bestätigt. Es gehört alles euch.
An einem Freitag kamen dann plötzlich zirka 50 Schwarze auf die Farm, bewaffnet mit Axt und Macheten, die meisten kannte ich nicht, ein paar von mir wegen Sauferei, Schlägerei, Diebstahl oder was auch immer entlassene Arbeiter waren darunter. Sie setzten sich in meinen Garten, fällten zwei Bäume und machten ein Lagerfeuer auf dem Rasen. Dann wurden zwei Bullen geschlachtet und gegrillt. Wir hatten 40 Zuchtbullen, jeder Bulle hatte ein Wert von 15 bis 20.000 US-Dollar. Die wussten gar nicht, was sie da anrichten, dass sie soeben 40.000 Dollar verspeisten. Die Reste wurden einfach in den Pool geworfen. Am nächsten Tag verschwanden sie. Bei der Polizei wurde meine Anzeige gar nicht aufgenommen, ich wurde ausgelacht und rausgeworfen.
Am nächsten Wochenende das Gleiche. Später kamen sie mit Bussen und Mannschaftslastwagen der Regierung und der Polizei, bis zu 500 Schwarze. Etwa 50 Schwarze siedelten auf meinem Rasen im Vorgarten, schlachteten nach Belieben Rinder und nahmen sich, was sie wollten. Jetzt machten auch viele meiner Arbeiter mit. Statt aufs Feld zu gehen, setzten sie sich ans Feuer und aßen die Rinder auf. Sie glaubten, das könne ewig so weiter gehen. Die Rinder vermehren sich von alleine und man brauche nur zu schlachten, wenn man Hunger hat.
Eines Tages standen 4 Männer in Uniform mit Maschinengewehren vor der Tür, dahinter die Menge mit Äxten und Macheten, bisher sind sie nie in unser Haus gekommen, und sagten wir hätten drei Stunden Zeit, die Farm zu verlassen. Alles sei beschlagnahmt und gehöre nun dem Staat, sollten wir irgendetwas einpacken, was nicht ganz persönlicher Natur sei, wäre das Diebstahl von Staatseigentum und würde hart bestraft, wir hätten uns an die Gesetze zu halten. Wir haben dann das Land nach Sambia verlassen und dort ganz neu angefangen.“
„Wie ging es mit der Farm weiter, hast du noch Kontakt zu deinen ehemaligen Arbeitern?“
„Nein, meine Arbeiter wurden auch von der Farm vertrieben. Fremde Schwarze haben das Land bekommen. Meine Arbeiter wären vielleicht in der Lage gewesen, die Farm zu betreiben, nicht auf dem hohen Ertragsniveau, aber so, dass sie hätten überleben können. Die neuen Besitzer haben von moderner Landwirtschaft überhaupt keine Ahnung. Sie haben auch keinen Ackerbau mehr betrieben, sondern weideten ihre Ziegen. Im ersten Jahr lief es noch ganz gut, es war ja alles da. Im zweiten Jahr war der Dieselvorrat im Tanklager aufgebraucht und kein Geld für Diesel da, um die Traktoren zu betanken. Zwei Traktoren haben sie verkauft und davon haben sie sich einen neuen Mercedes gekauft, die anderen Traktoren sind wegen Spritmangel oder kleinster technischer Defekte einfach auf dem Feld stehen gelassen worden und stehen dort immer noch als Wracks. Die Förderanlage der Silos funktioniert nicht mehr, die Rinder sind geschlachtet. Im dritten oder vierten Jahr haben sie begonnen, das Saatgut zu essen.“
„Aber man könnte die Farm doch schnell wieder in Betrieb nehmen, wenn man nach der Zeit Mugabes ausländisches Kapital und Know-how ins Land holen würde. Würdest du zurück gehen?“
„Nein, man kann die Farmen nicht mehr in Betrieb nehmen. Sicher, die Technik wäre in kürzester Zeit wieder repariert, aber jetzt leben auf dem Gelände etwa 30.000 Menschen, die man auf der neuen Farm nicht beschäftigen könnte. Die Regierung gab jedem 5 ha Land, d.h. sie haben sich überall auf dem Farmland niedergelassen mit ein paar Ziegen und Hühner und haben Hütten gebaut. Die kann man doch nicht vertreiben. Die Farm ist Geschichte.“
„In einem Buch habe ich gelesen, dass in Zimbabwe etwa zwölf Millionen Menschen leben und den 4.000 weißen Farmern gehörte vor der Enteignung durch Mugabe über 75 % des fruchtbaren Bodens. Ist das nicht ungerecht und musste zu einer Landreform führen?“
„Ja, das hört sich ungerecht an, aber die Weißen haben den Boden erst fruchtbar gemacht und im übrigen, wir haben damals das Land gekauft. Heute wird es so dargestellt, als hätten wir das Land geraubt. Als meine Urgroßeltern nach Zimbabwe kamen, war das kein rechtsfreier Raum. Sie haben sich ein Stück Land gesucht, in dem es außer Strauchwerk und Busch nichts gab. Mein Urgroßvater hat dann ein Stück Land abgesteckt und dafür dem Stamm Geld gezahlt. Die damalige Regierung musste dem Landverkauf zustimmen. Wir haben einen Vertrag über den Landkauf und die Bestätigung der damaligen Regierung.
Das Land wurde gerodet. Mein Urgroßvater hat einen Damm gebaut um den Fluss aufzustauen, dann wurden mit Hacke und Schaufel Bewässerungsgräben angelegt und Ochsenkarren voller Steine vom Acker gelesen. Jetzt ist das Land fruchtbar und ertragreich, und gehört natürlich den Weißen, aber ohne die Weißen wäre es heute noch Steppe und Busch.“

Victoriafalls

Victoria Fälle stürzen in den afrikanischen Graben

Victoria Fälle stürzen in den afrikanischen Graben

Die Victoriafälle gehören zu den sieben Weltwundern der Erde. Der Sambesi stürzt hier auf einer Länge von etwa 1,5 km Länge in einen ca. 100 Meter tiefen Graben. Der Wasserfall ist damit der größte und imposanteste der Erde, bei Hochwasser kann man sein Grollen fast 60 km weit hören. Aber lassen wir das, die Fakten könnt ihr in jedem Reiseführer nachlesen.
Die Schlucht ist gleichzeitig die Grenze zwischen Zimbabwe und Sambia. Die beste Sicht hat man von der zimbabwischen Seite, nur traut sich hier wegen der politischen Lage kaum jemand hin. Dabei ist dies völlig unbegründet. Die Lage ist ruhig, der Ort lebt vom Tourismus und er ist eine Hochburg der Opposition. Hier hat man wirklich nichts zu befürchten, zudem ist der Eingang zum Nationalpark gleich hinter dem Grenzhäuschen, man braucht noch nicht mal in die Kleinstadt hinein, wenn man sich nicht traut. Wer sich die Fälle nicht von der zimbabwischen Seite anschaut, hat wirklich was verpasst.

Gleichzeitig ist hier das Mekka der Adrenalin-Fun-Sportarten: Bungeejumping von der über 100 Meter hohen Brücke oder Rafting auf dem tobenden, durch die Schlucht rauschenden Sambesi, blaue Flecken garantiert, oder ein Angel-Fly.
Eisenbahnbrücke Ich bin aber auch so schon dem Herzinfarkt nahe, als ich die Preise höre. 100 (in Worten einhundert) USD um einmal von der Brücke zu springen, die spinnen. Das gleiche Dollarscheinchen wird fällig für 15 Minuten Helikopterflug, oder Gummiboot fahren und da muss man auch noch mitrudern.

Hwange Nationalpark

Da ist der Hwange Nationalpark schon eher unser Ding. Wir haben den ganzen Park für uns allein und der ist größer als Rheinland-Pfalz. Es sind keine anderen Touristen unterwegs. Klasse. Bei jeder Campsite lebt ein Wildhüter, der für Sauberkeit und Feuerholz sorgt. Obwohl ihre jetzige Lage mehr als schlecht ist, wurden wir nie angebettelt. Nicht vorstellbar, wenn solche Zustände in Kamerun herrschen würden.
Josef der Wildhüter erzählt: „Früher kamen hier viele Touristen, aber seit den Problemen mit unserer Regierung kommt keiner mehr. Früher habe ich 200 Zim-Dollar im Monat verdient, das war soviel, dass ich sogar Bier kaufen konnte. Heute bekomme ich 500 und ganz viele Nullen hinten dran, aber die Busfahrt zu meiner Familie kostet schon 700 und dass sind nur 60 Kilometer. Ich fahre alle zwei Monate nach Hause und kaufe dann von dem Restgeld Maismehl, aber ich habe neun Kinder, das Mehl ist viel zu wenig und das letzte Bier habe ich vor vier Jahren getrunken.

Wir können direkt an den Wasserlöchern übernachten. Morgens früh beobachten wir Zebras und Impalas, Mittags kriechen vier Krokodile aus dem Tümpel an Land und sonnen sich. Nach dem Nachmittagskaffee sehen wir riesige Elefantenherden aus der Ferne auf uns zu kommen. Gigantisch. Nach dem Schlammbad der Elefanten ist es auch schon Zeit für einen kleinen Amarula-Sundowner und dann wird Feuer gemacht, um Kartoffeln zu braten und Steaks zu grillen. So vergehen die Tage und schwups, schon läuft das 30 Tage Visum ab und wir machen uns auf den Weg nach Südafrika.

Hungernde Kinder

„Wenn ihr runter nach Bulawayo fahrt, guckt euch mal das Hospital St. Luke an, und bestellt Dr. Schales schöne Grüße“, hatte uns Alessandro bei den Victoria-Falls empfohlen.
Die weiß getünchten Häuser des Hospitals stehen unter grünen, schattenspendenden Bäumen. Eine Schwester bringt uns zu Dr. Schales: „Schade, ich muss gerade weg und komme erst heute Abend wieder.“ „Kein Problem, wir haben Zeit und können warten.“
„Das wäre gut. Gleich kommt Gerhard, ein deutscher Bauer, der sich um unsere Versorgung kümmert, wir dreschen gerade unseren eigenen Weizen. Gerhard kann euch bestimmt viel erzählen, tschüß bis heute Abend.“

Gerhard hatte ich mir anders vorgestellt, einen Bauern, der zwei Kilo Bratkartoffel mit´nem halben Dutzend Spiegeleier zum Frühstück verspeist, mit einem Händedruck, dass ich eine halbe Stunde lang die Computertastatur nicht bedienen kann, stattdessen betritt ein weißhaariger, alter, schlanker Mann den Raum, dass ich aufpassen muss, meinen Händedruck nicht zu kräftig auszuüben.
Mit leiser, ruhiger Stimme erzählt er seine Geschichte. Vor 54 Jahren kam er nach Südafrika und zog zwei Jahre später nach Zimbabwe. Inzwischen ist er 79 Jahre alt, 48 Jahre mit einer Einheimischen verheiratet und hat mit ihr sieben Kinder groß gezogen. Er erzählt von seiner Tätigkeit als Berater auf den großen Farmen, erzählt von seinem Engagement für den Befreiungskampf, seine Zeit im Gefängnis, weil ihn die Weißen für einen Kollaborateur der Schwarzen hielten. Von den Machenschaften Mugabes, wie sich der Diktator die Zweidrittel- Mehrheit im Parlament erschlich, dann die Verfassung änderte und nur noch Ja-Sager um sich gruppierte.
Von seiner staatlichen Rente kann er heute keine zwei Tomaten mehr kaufen, sie ist nichts mehr wert, deshalb muss er noch arbeiten. Für den DED (Deutscher Entwicklungsdienst) hat er bis letztes Jahr gearbeitet, einen Bewässerungskanal gebaut und die jungen Farmer in natürlicher Düngung unterrichtet.
Der DED hat letztes Jahr seinen Vertrag nicht mehr verlängert, in Deutschland würde man nicht glauben, dass ein 78jähriger noch richtig arbeiten kann. Hier im Hospital kümmert er sich um den Garten und hofft, bis zu seinem Lebensende sein Essen verdienen zu können.
Inzwischen hat er unsere Namen wieder vergessen, aber die Erinnerungen an die Zeit von 1960 bis 2000 sind hell wach.
„Wie war das mit der Landenteignung 2000?“, frage ich.
„Es kann doch nicht sein, dass die weißen Farmer in überheblicher Manier die Schwarzen auf ihren Farmen behandelten wie Sklaven. Die mussten schuften und bekamen einen Sack Mehl dafür. Die Weißen hatten alles fruchtbare Land, hatten natürlich durch ihr Können Hektarerträge, die weltweit zu den höchsten zählten, und die Schwarzen, die nicht auf den Farmen Arbeit gefunden haben, lebten im Busch, ohne Strom und Wasser, ohne die geringste medizinische Versorgung, auf Böden, die mit viel Arbeit vielleicht einen spärlichen Ertrag lieferten, sofern der Regen in ausreichender Menge kam. Eine Landreform musste sein, doch nicht so, wie sie durchgeführt wurde.
Es gab viele politische Diskussionen, viele Round-table Gespräche, doch es scheiterte immer an den weißen Farmern, mit ihnen war keine Einigung möglich. Sie wollten keinen Deut von ihren Privilegien abgeben. Sie wollten weiterhin dumme, ungebildete Schwarze, die auf ihren Farmen für einen Sack Mehl arbeiteten. Es musste in Kampf und Gewalt enden. Dies nicht zu erkennen, nicht zu erkennen, dass die Zeit der Unterdrückung und Bevormundung zu Ende geht, das war die größte intellektuelle Fehlleistung der Weißen, nicht nur in Zimbabwe, im ganzen südlichen Afrika. Die Landreform begann zunächst mit dem Prinzip: „Williger Verkäufer, williger Käufer“ d.h. Weiße konnten kein Land mehr kaufen und wenn ein Weißer verkaufen wollte, musste er es an einen Schwarzen verkaufen.
Den zweiten großen Fehler machten die Weißen Farmer, als sie sich im Jahr 2000 offen hinter die neu gegründete Opposition stellten. Mugabe schäumte vor Wut: „Ich habe die 20 Jahre machen lassen, als Dank hetzen sie das Volk gegen mich, jetzt werde ich denen zeigen, wer hier der Boss ist.“ Die dann einsetzenden Farmenteignungen ohne Entschädigung waren ein reiner Racheakt. Veteranen aus dem Befreiungskampf wurde eigenes Land versprochen, sie brauchten es sich nur von den weißen Farmern zu nehmen. Die Folge sieht man jetzt. Es waren keine Bauern, die das Land bekamen, es waren Soldaten, die von Landwirtschaft nicht die geringste Ahnung hatten und die Minister und der Mugabe-Clain nahmen sich die schönsten und besten Stücke.“

Am nächsten Morgen zeigt man uns das Hospital. „Ohne die Hilfe aus Deutschland könnten wir hier gar nichts machen“, erzählt Dr. Schales. „Der Verein „Afrikaprojekt“ spendet jährlich fast eine halbe Millionen Euro, so sind wir das einzige Krankenhaus im Land, das noch notdürftig funktioniert, aber die Menschen kommen nicht mehr zu uns, oder zu spät, es fehlt an Transportmittel und an Diesel. Sehen sie hier die jungen Frauen, alle in diesem Zimmer haben das gleiche Schicksal, das Kind steckte im Geburtskanal fest und starb. Vier, fünf Tage litten die Frauen Höllenqualen, bevor man sie zu uns brachte, wir können das tote Kind entfernen, aber aufgrund der langen Dauer sind irreparable Schäden die Folge. Wahrscheinlich werden die Frauen nie mehr Urin und Stuhl halten können, wenn sie das Ganze überhaupt überleben.“ Wir gehen ins nächste Zimmer. „Hier sehen sie unsere mangelernährten Kinder. Der kleine Junge hier ist 18 Monate alt und wiegt 5.800 Gramm. Draußen im Busch ist die Situation noch viel schlimmer, was dort an Leid geschieht, wie die Menschen hungern und qualvoll sterben, ist unvorstellbar.“ Wir gehen ins nächste Zimmer. „Hier sind unsere AIDS-Kranken, da werden wir nicht mehr viel tun können. Ich weiß nicht, wie die offiziellen Zahlen zustande kommen, wir haben hier eine Quote von 90 % HIV-Positiv von denen, die sich freiwillig testen lassen.“ Wir haben noch weitere Zimmer betreten, jedes voll mit unvorstellbarem Leid. Aber Dr. Schales und das „Afrika-Projekt“ kümmert sich nicht nur um die Kranken, so wird z.B. auch 600 Kindern trotz der schwierigen Umstände ein Schulunterricht ermöglicht.
Wir haben bisher viele Hilfsprojekte in Afrika gesehen, vom DED und GTZ, von UN und Weltbank und von vielen privaten Initiativen. Bei allen haben wir uns gewundert, wie leichtfertig mit Spendengeld oder Sachleistungen umgegangen wird, oder wie ganz offen in die Kasse gegriffen wird. Das „Afrikaprojekt“ ist der erste „Verein“, bei dem wir davon ausgehen, das sehr effektiv geholfen wird. Ich habe leider Dr. Schales nicht nach betriebswirtschaftlichen Kennzahlen gefragt, denke aber, dass die Verwaltungs- und Overhead-Kosten sehr günstig sein müssen, da alle Mitarbeiter beim „Afrikaprojekt“ ehrenamtlich tätig sind. Bevor ihr nun zur Weihnachtszeit mit Bettelbriefen bombardiert werdet und ihr euch wirklich mit dem Gedanken tragt, jemandem ein klitzekleines Stück von eurem Glück, in Deutschland geboren worden zu sein, abzugeben und mit diesem klitzekleinen Stück ein Menschenleben lebenswert machen wollt, dann guckt doch mal auf die Homepage von Dr. Schales unter www.afrikaprojekt-schales.de

Ich habe meinen Fotoapparat im Auto gelassen, als wir uns das Krankenhaus angeschaut haben. Ich wollte das Leiden nicht gaffend fotografieren, so fehlen mir jetzt die Bilder verhungernder Kinder, die man üblicherweise zur Spendenaufforderung braucht.

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

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