Künstlerin Hadjar
Marokko

Mal schnell etwas versprochen

Die Geschichte ist schnell erzählt: In der West-Sahara gibt es einen imposanten Wasserfall, weniger wegen der Wassermenge, sondern wegen der tief ausgearbeiteten Schlucht und dem fast trichterartigen Talkessel. Diesen Wasserfall wollen wir fotografieren, doch irgendwie funktioniert die Bildübertragung von der Kamera am Fluggerät auf den Kontrollmonitor des Piloten nicht. Zwei Tage probieren wir alles Mögliche aus und letztendlich kann es nur am HDMI Kabel zwischen Kamera und Bildwandler liegen.

HDMI unbekannt

Die nächst größere Stadt ist Tan-Tan, etwa 150 Kilometer entfernt. Der Budenmarathon strapaziert unsere Nerven, von Fotoladen zu Fotoladen, von Elektrogeschäft zu Elektrogeschäft, Treppe rauf, Treppe runter, telefonieren, Tee trinken, nächster Fotoladen. HDMI ist unbekannt und dass es drei unterschiedliche Stecker gibt, erst recht.
Der Spezialist in Tan-Tan betreibt ein kleines unscheinbares Internetcafe und repariert Fernseher. Ein Blick auf das Kabel genügt: „Das ist ein HDMI, so etwas werdet ihr hier in Tan-Tan nicht finden. Vielleicht in Agadir, ja bestimmt in Agadir.“
Seine Tochter Hadjar, die nahezu perfekt Englisch spricht und uns den Rat ihres Vaters übersetzte, fragt, ob wir nicht mit in die hinter dem Geschäft liegende Wohnung kommen möchten, um einen Tee zu trinken und uns ihre Bilder anzusehen, sie ist Künstlerin.
Ich habe andere Sorgen, als mir jetzt Bilder an zu sehen und Tee zu trinken, ich will nach Agadir, das verflixte Kabel suchen. „Ach, bitte, ich würde mich so freuen, wenn ihr euch meine Bilder mal ansehen würdet.“ Wer kann da schon nein sagen.
Wir zwängen uns an zur Reparatur abgestellten Fernsehgeräten vorbei zur Tür, die den Wohnbereich abtrennt. „Wow, hier bin ich genau richtig“, geht es mir durch den Kopf, die Türen und die Wände sind violett gestrichen. Im Wohnzimmer der Familie steht eine Staffelage und an der Wand hängen Bilder unterschiedlicher Stilrichtungen von Hadjar.

Künstlerin Hadjar in Tan-Tan

Künstlerin Hadjar in Tan-Tan

Ihre Mutter kocht Tee und will, dass wir unbedingt zum Couscous Essen bleiben. Ich habe von Kunst so viel Sachverstand wie von Quantenphysik, wenn man mir sagt, das ist Kunst, dann ist das wohl so. Ich kann die Bilder nicht beurteilen, kann ihr nur sagen was mir gefällt und was nicht. Das Couscous Essen biegen wir ab. Ich bin nicht entspannt, ich denke nur an das HDMI-Kabel. Aber wir versprechen, in zwei oder drei Wochen wieder vorbei zu kommen, wenn ich mein Luftbild im Kasten habe und mich dann völlig relaxt auf das Sofa setzen und Tee trinken kann.

Tee trinken

Drei Wochen später sitze ich auf dem Sofa und trinke Tee, in der Küche duftet es nach Couscous. Unterwegs getroffene Bekannte, Benedikt und Corinna, haben wir gleich noch mit angeschleppt.
Hadjar hat in den drei Wochen an einem Porträt von Sabine und mir gezeichnet, jeden Tag zwei Stunden. „Ich freue mich so, wenn ihr das Bild mit nehmt, dann wäre ein Bild von mir in Deutschland.“

Künstlerin Hadjar in Tan-Tan

Künstlerin Hadjar mit einem Bild von uns

Während Hadjar das Bild einrollt und mit einer Schleife bindet denke ich, wie groß die Enttäuschung gewesen wäre, wenn wir nicht ein zweites Mal vorbei gekommen wären. In Agadir überlegten wir kurz, ob wir wirklich für ein einziges Luftbild 350 Kilometer zurück fahren sollten. Als wir dann Benedikt und Corinna trafen, wollten wir schon fast am Haus vorbei fahren.
Mir fallen hundert Gründe ein, nicht auf die Bremse zu treten, was ist schon eine daher gesagte Absichtserklärung unter einer Zufallsbekanntschaft, die morgen schon vergessen ist? Wie oft wird versprochen Bilder zu senden, Briefe zu schreiben oder was weiß ich.

Jetzt, wo ich die Freude in Hadjar’s Gesicht sehe, bin ich richtig froh, hier zu sein. Ihre Mutter gießt den dritten Tee ein. Auf die Gesundheit und auf die Freundschaft!

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

This article has 1 comment

  1. Bruno Charbonnier

    Ist es nicht das, was reisen ausmacht? Die Dinge, von denen du noch nach Jahren erzählst?
    Wo hängt diese schöne Zeichnung jetzt?

    Seid gegrüßt
    Bruno

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