Marokko

Korruption in Marokko

Ich, der Komplize der Korruption in Marokko

Marokko ist korrupt, klar, dazu braucht man nur einen Blick in die Korruptionsstatistik werfen, auf der Marokko an 82. Stelle landet, korrupter als Burkina Faso oder Ghana nicht ganz so korrupt wie Albanien oder Algerien  https://www.laenderdaten.de/indizes/cpi.aspx

Ich will hier nichts schreiben von der großen Korruption auf hohen und höchsten Ebenen. Der marokkanische Regierungschef schätzt, dass der Volkswirtschaft Marokkos jedes Jahr ein Schaden von rund 7 Mrd. Euro durch Korruption entsteht, ein Betrag mit dem man 300 Krankenhäuser bauen könnte, aber darum geht es hier nicht.

https://www.maghreb-post.de/politik/marokko-regierungschef-beziffert-schaden-durch-korruption/

Es geht auch nicht um die Korruption in Marokko die für illegale Migranten das Tor zu Europa öffnet, sondern um den kleinen Teil, mit dem man als Reisender in Kontakt kommt.

Als Traveller hat man es in Marokko leicht, es sind keine Meldepflichten zu beachten, keine Genehmigungen einzuholen, man kann sich frei im Land bewegen und hat normalerweise, wenn die Einreiseformalitäten abgeschlossen sind, keinen Kontakt mehr zu Behörden und Beamten, wären da nicht die Verkehrspolizisten.
Die Grenzbeamten sind nach meiner Erfahrung korrekt, nicht der leiseste Versuch einer Vorteilnahme. Die Verkehrspolizisten habe ich bis heute auch als korrekt kennengelernt, anders als noch vor 25 Jahren. Daher wollte ich es auch nie glauben, wenn Reisende mir erzählen, dass sie bei korrektem Verhalten plötzlich eine Strafe wegen Geschwindigkeitsüberschreitung begleichen sollen.
Ich habe dies nie erlebt.

Heute jedoch eine blöde Situation.
Die Landstraße ist gerade und sie ist frei, kein Gegenverkehr, keine Ortschaft. Das Begrenzungsschild mit der schwarzen 60 im roten Kreis sehe ich wohl, bleibe aber auf dem Gas. 80 zeigt die Tachonadel.
Leichter Bogen, Parkplatz, Polizist, rote Kelle, rechts ran, Motor aus.

Umgerechnet 35 Euro sind fällig, die Einheitsstrafe für zu schnelles Fahren. Meinen Fehler brauchen wir nicht diskutieren, ich bin einsichtig und akzeptiere die Strafe ohne Diskussion.
„Ist hinten am Auto eine Kamera?“ Die Frage hat mir noch nie ein Polizist gestellt.
„Nein“, antworte ich knapp.
„Bitte aussteigen und mit nach hinten.“

Hinter dem Steyr eröffnet er mir einen Deal: „400 Dirham offiziell, 200 Dirham ohne Quittung.“
„Okay, machen wir 100 ohne.“ „150.“ „Sabine, gib mir mal 100 Dirham, ich habe mich geeinigt.“

„150“, wiederholt der Polizist seine Forderung. Ich gebe ihm 100 Dirham und die Sache ist erledigt. Handschütteln, Abreise.

Dieser kleine Verbrecher in Uniform, denkt nur an seinen eigenen Vorteil zu Lasten der Allgemeinheit, denke ich, während die Landschaft wieder mit 80 Sachen an mir vorüber zieht.
Und der kleine Traveller ist genauso widerlich wie der Polizist, keinen Deut besser, schadet der Allgemeinheit indem er das Angebot annimmt. Scheiße, jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, wegen gesparten 25 Euro.
Es war das letzte Mal, dass ich mich zum Komplizen der Korruption mache!

Doch so einfach ist es nicht, was wäre wenn die Summen höher werden, wenn mein Vorteil in deutlich mehr als 25 Euro besteht? Ich müsste gegen den inneren Schweinhund ganz schön kämpfen.
Der Kampf gegen Korruption, so einfach ist er nicht zu gewinnen.

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

This article has 7 comments

  1. Dagmar

    Hallo Burkhard,
    das kennen wir. Vor fünf Jahren haben wir bei unserer ersten Marokkoreise ebenfalls den Preis runtergehandelt. Von 400 auf 200 Dh.
    Letztes Jahr habe ich diskutiert – und gewonnen.
    Ähnliche Situation, bei durchgezogener Linie überholt. Der Polizist, der übrigens sehr freundlich war, wollte 400 Dh.
    Ich machte ein ziemlich entsetztes Gesicht, gab aber mein Vergehen zu. Und ihm das Geld. Lächelte und sagte ihm dann, dass ich nur das gemacht hätte, was alle Marokkaner machen. Mir ein Vorbild an ihnen genommen hätte. Lächelte immer noch.
    Er lächelte zurück, lächelte breiter und gab mir das Geld zurück.
    Mir schien, beide waren wir ziemlich happy.
    Okay, jetzt kann man sagen, dass die 400 Dh in der Staatskasse gute Verwendung gefunden hätten. Vielleicht, siehe deine Links.
    So aber sind wir mit einem breiten Lächeln weitergefahren und waren uns einig: Marokko ist besonders. Und seine Polizisten auch.

    lg
    Dagmar

  2. Oschi

    Die Polizei in Marokko weiß auf jeden Fall, wo sie sich hinstellen muss. Mich zogen sie raus, weil ich beim Wiedereinscheren nach dem Überholen eine durchgezogene Linie überfuhr. Der Polizist wollte Cash, aber wir waren leider gerade blank. Visa nahm er nicht. Also wollte er Führerschein und Fahrzeugpapiere (bzw. das, was er dafür hielt 😁 …) behalten. Joah, is gut… und wollte weiterfahren. Er bot mir dann an, mich aufs Revier mitzunehmen. Joah, komme ich mit. Gibt bestimmt ne tolle Story. 🤗 Das wurde ihm dann zu doof, also gab’s die Papiere (bzw. das, was er dafür hielt 😁 …) zurück, weiterfahren.

  3. Rolf Schettler

    ABZOCKE ? – KORRUPTION ? – ZUBROT ?

    Vor vielen Jahren war man als Individual-Reisender oftmals in Marokko – wie in vielen anderen Ländern dieser Welt – konfrontiert mit ungerechtfertigten Unterstellungen von Verkehrspolizisten (innerstädtisch wäre man mit einem großen Wohnmobil mit über 70 km/h durch einen engen Kreisverkehr geheizt oder ein Oldtimer-LKW mit maximaler Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h sei 100 km/h schnell gewesen).

    Diese Erlebnisse würde ich eindeutig als “Abzocke” bezeichnen. Diese Art ist zum Glück in Marokko Vergangenheit!

    Vor einigen Jahren hatte ich dann das Gefühl, jeder 2. Streifenpolizist habe zum Jahreswechsel eine Radar-Pistole geschenkt bekommen. Das Ergebnis ist jedenfalls eine ziemlich flächendeckende Verkehrsüberwachung, die mit Sicherheit primär eine erzieherische Wirkung haben soll. Als Nebeneffekt ist auch das herausgekommen, was Burkhard unter der Fragestellung “Korruption” behandelt.

    Ein ähnliches eigenes Erlebnis, aber auch die Feststellung, dass Marokkaner an Check-Posten den Polizisten ( der Verkehrspolizei, der Gendarmerie Royale oder teilweise Militärpolizei ) “Trinkgelder” gaben und zwar nicht nur, wenn sie mit Treibstoff beladenen Toyotas aus dem Süden kamen, haben mich dazu gebracht, diese Situation bei einem langjährigen marrokanischen Freund zu thematisieren.

    Seine Interpretation basierte auf der Erkenntnis, dass knapp die Hälfte der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeitet, aber noch nicht einmal 20% zum BIP beiträgt. Auch Touristen gäben einen Großteil ihres Geldes im Land auf Märkten, an Essenständen, bei Andenkenhändlern und Campingplätzen aus, ohne dass dadurch der Staat wegen eines nicht optimierten Steuersystems Einnahmen generieren könne. Dementsprechend sei der Landeshaushalt unterfinanziert und somit stiege die Staatsverschuldung. Deshalb wären die Gehälter der Staatsbediensteten extrem niedrig. Insbesondere Polizisten, die aus Nord-Marokko in den Süden versetzt würden, müßten nicht nur ihre Familie zu Hause unterstützen, sondern selbst an ihrem Einsatzort für Unterbingung, Ernährung und Kleidung unverhältnismäßig viel ausgeben.

    Diese Situation der subjektiven oder objektiven Unterbezahlung würde somit den Drang der Generierung eines Nebenverdienstes begünstigen.

    Dementsprechend definierte mein Freund diese Verhaltensweise nicht als Korruption, sondern des kreativen Versuchs für ein “Zubrot”, die sicherlich weniger ausgeprägt wäre, wenn Marokko auskömmlichere Gehälter zahlen könnte. De facto wären die Direktzahlungen der Reisenden somit auch eine Art der Staatsfinanzierung.

    Ich selbst habe dazu eine differenziertere Meinung.

    Ich bin aber froh, dass Marokko in den letzten Jahren schon einen deutlichen Schritt im Kampf gegen die Korrruption voran gekommen ist. So wurde ich bei der letzten Einreise aus Mauretanien nach dem Scannen des Reisemobils und der Erledigung aller anderen Formalitäten noch einmal von einem Offizier befragt, ob ich etwas an der Zoll-Abfertigung zu kritisieren habe und ob einer der Beamten versucht habe, einen persönlichen Vorteil zu erwerben.

    Rolf

  4. Reiner

    Lieber Burkhard,

    vielen Dank für Eure wunderschön bebilderten Reisegeschichten, die mich stets begeistern. Der Artikel über Korruption in Marokko ist nun der erste Text, der mich unangenehm berührt.

    Zum einen liegt das an der zur Schau gestellten Selbstkasteiung, mit der Du Dich in Bild und Text darstellst. Zum anderen habe ich Marokko auf zahlreichen Reisen als wunderbares Land erlebt, das sich meiner Meinung nach auch Ungereimtheiten leisten darf.

    Nein, ich will hier nicht der Korruption das Wort reden. Ich will lediglich das Augenmerk darauf lenken, dass Menschen in dem einen Land den sozialen Systemen durch Korruption Schaden zufügen, im anderen, zum Beispiel in Deutschland, auf breiter gesellschaftlich akzeptierter Front, durch Steuerhinterziehung.

    Lassen wir die Reise-Welt doch einfach menschlich sein – ohne mit ” mea culpa” öffentlichkeitswirksam eigene Fehler aufzubauschen, oder einen Polizisten, dessen Umfeld und Beweggründe wir nicht kennen, als “Verbrecher in Uniform” zu diffamieren.

    Ich freue mich auf viele weitere Artikel der Pistenkuh.

    Beste Grüße

    Reiner

  5. Philip Seddon

    A well written thought provoking article, travel gives us both the opportunity and space to examine ourselves and others. In my experience also it’s often me who comes up short, but we live and learn. Thanks. Phil

  6. Bruno

    Ist mir auch schon 2 x im Marokko bei Verkehrskontrollen passiert. Zu schnell an einer Schule vorbei, die irgendwo zwischen zwei Orten steht. Wer diskutieren kann zahlt weniger und bekommt halt dann keine Quittung. Und dann ist man mit drin in der Spirale: Zum eigenen Vorteil wird was gedreht.
    Danke für dieses Bewußtmachen!
    Was ich trotzdem sagen muß: Mir ist in Marokko noch nie ein Polizist ungut gekommen. Immer freundlich und auch hilfsbereit (ich muß jetzt dazu sagen, daß ich ca. 10 Worte Französisch kann!). Wir hatten nie den Eindruck, wir werden abgezockt oder es wurde uns ungerechtfertigt was unterstellt. Es läuft halt ein ‘wenig’ anders als bei uns. Wer richtige ‘Abenteuer’ mit der Polizei erleben will, braucht nur in den Senegal fahren (das ist jetzt ironisch gemeint).
    Viele Grüße

  7. Roland

    Im letzten Jahr auf der Schnellstraße nach Marokkos Süden bin ich wohl etwas zu schnell gefahren. Habe das 60 Schild beim Überholvorgang nicht gesehen. Wurde auch gleich von einem Polizisten gestoppt. Er hat mir auf Französisch, was ich nur rudimentär beherrsche, irgendetwas sagen wollen von zu schnell gefahren. Er merkte, dass ich nichts verstand und holte einen freundlichen englisch sprechenden Kollegen. Nachdem er mir das erklärt hatte, wollte er die Papiere sehen. Die waren aber im Safe. Das hat ihm alles zu lang gedauert und auf Nachfrage, wie uns Marokko gefällt, hat er uns weiter fahren lassen. Ich wollte ihm ein “Trinkgeld” geben, aber er hat einen Schritt zurück gemacht und die Annahme verweigert! Das gibt es also auch! Ich war beeindruckt.
    Viele Grüße

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