VW-Syncro in Marokko
Fahrerische Missgeschicke

Abenteuer mit dem VW-Syncro

Fahrzeug: VW-Syncro T4
Schauplatz: 
Marokko – Irgendwo südöstlich von Tan Tan
Ziel: Ein französisches Fort nördlich des Oued Draa
Der Weg dorthin: Auf keiner Karte verzeichnet

von Anna Büchel und Bernd Chodera

Die Teerstraße nördlich von Tilemsoun führte uns zunächst ein Stück in Richtung Westen und dann linkerhand auf eine Piste durch eine wunderschöne Hügellandschaft. Palmen säumen immer wieder kleine Wasserläufe. Kein Mensch, kein Tier – so einsam war Marokko irgendwie noch nie. Einfach grandios. Nach einer Nacht in absoluter Stille arbeiteten wir uns durch ein Netz aus schmalen und breiteren Pisten in Richtung Norden. Einige Pisten endeten sang und klanglos im Nichts, einige verwandelten sich  in schmale Pfade. Mehrmals mussten wir umkehren und das Glück von Neuem versuchen.  Plötzlich hatten wir panzerähnliche Spuren vor uns, die uns noch bestens in Erinnerung geblieben waren.  Die Pistenkuh muss hier gewesen sein … Die Spuren,  führten den einzigen, möglichen Weg hinab in ein sehr  schmales, steiles Oued, welches direkt ins Oued Draa münden sollte.

VW-Syncro sitzt fest, aber es kommt noch schlimmer

Hier passierte es. Ähnlich wie auch im Cirque de Jaffar im Hohen Atlas kamen wir auch hier mit unserem Fahrzeug aufgrund ungenügender Bodenfreiheit an unsere Grenzen. Die großen rundgeschliffenen Felsen im Oued, über die die Pistenkuh an dieser Stelle sicherlich relativ sorglos hinweg gefahren war, sorgten dafür, dass wir ein wenig länger an diesem wunderschönen Ort verweilen durften.

Es war eigentlich keine besonders schwierige Stelle. Wir hatten das rechte Vorderrad mit Steinen unterbaut, damit wir mit dem linken Hinterrad gerade so mit vollständig nach links eingeschlagener Lenkung um einen Felsen herum zirkeln konnten, ohne mit dem Unterboden aufzusetzen. Das Ganze natürlich in Zeitlupe und mit viel Gefühl – alles prima. Plötzlich verlor das linke Vorderrad unerwartet den Grip im feinen Kies.  Das Fahrzeug rutschte nach rechts von den Steinen herunter und saß innen, neben dem rechten Vorderrad mit der Motorschutzwanne auf dem Felsen auf. Zu allem Überdruss tropften gleichzeitig größere Mengen an Hydrauliköl der Servolenkung herunter. Ich konnte nicht sehen was genau passiert war und stellte vorsichtshalber erst einmal den Motor ab, um nicht das gesamte Öl in kurzer Zeit zu verlieren. Da die Situation noch nicht unlösbar aussah, entschied ich mich, einfach nur einen halben Meter gerade zurück zu fahren, um die Motorwanne frei zu bekommen. Auf die Vorderachse konnte ich dabei nicht zählen, da ja das linke Rad nach wie vor ohne Grip war. Aber die Hinterachse hatte ja Grip und obendrein konnte ich diese im Gegensatz zur Vorderachse auch sperren. Also habe ich auch längs gesperrt, um das Fahrzeug mit der Hinterachse vom glatten Stein zu ziehen.

Dabei hatte ich aber offenbar die Belastbarkeit der für die Straße gefertigten PKW- Allradtechnik grundlegend überschätzt. Beim Versuch die 2,8 Tonnen vom Fels zu ziehen, brach der vordere Halter des Hinterachsgetriebes ab. Das Getriebe senkte sich vorn ab und die Gelenkscheibe zur Kardanwelle zerfetzte in zwei Hälften. Dabei brach auch die Zentrierhülse der Kardanwelle aus.  Damit hatte ich nicht gerechnet.

Schaden am Antriebsstrang

Schaden am Antriebsstrang

zerfetzte Gelenkscheibe

zerfetzte Gelenkscheibe

Somit hatten wir nun zwei Schäden am Antrieb und obendrein eine auslaufende Servolenkung. Und das alles auf einer Piste, die ohne Allrad kaum zu meistern war.  

Welche Optionen gab es?

Zurück? Weiter nach unten? Was kommt dort noch? Wo geht es wieder hoch? Wie geht es wieder hoch? Geht das überhaupt? Was wird aus der Servolenkung? Fahren ohne Servounterstützung -okay, aber Fahren mit defekter Servopumpe ? – Unmöglich. Was ist kaputt? Fragen über Fragen, die vorerst alle unbeantwortet blieben.

 Der Plan war schnell geschrieben  – Auto bergen, Ausweg aus dem Tal suchen, Antrieb demontieren, Servo reparieren, und viel Glück haben.

Bleche und Hi-Jack im Einsatz

Bleche und Hi-Jack im Einsatz

Nachdem wir das Auto mit dem Hi-Lift und Felgenkrallen auf die mit Steinen unterbauten Sandbleche gestellt hatten, gingen wir die gesamte Piste zu Fuß ab. Jede nennenswerte Stelle wurde beurteilt, um am Ende ein Fazit ziehen zu können. Dieses hieß – alles machbar bis auf die letzte Steigung. Diese erschien uns zu steil bei viel zu losem Untergrund mit grenzwertiger Verschränkung. Aber was blieb uns übrig? Zurück hätten wir es nicht geschafft, da dort eine noch steilere Passage gewartet hätte, welche wir noch in Erinnerung hatten.

Zentrierhülse des VW-Syncro gebrochen

Als wir nach drei Stunden zurück waren, wurde es bereits dunkel. Mit der Stirnlampe versetzte ich den Antrieb in einen fahrbaren Zustand. Das Getriebe wurde mit einem Spanngurt am Rahmen befestigt und das hintere Segment der Kardanwelle  wurde gänzlich ausgebaut. Dabei zeigte sich, dass die Zentrierhülse der Welle ebenfalls ausgebrochen war, wodurch die Welle zerstört wurde.

Die gebrochene Zentrierhülse des VW-Syncro

Der gebrochene Getriebehalter des VW-Syncro

Bei der Servolenkung hatten wir riesiges Glück, denn beim Aufsitzen hatte sich nur die Hohlschraube des Druckschlauchs gelöst, von der ich dachte, sie wäre womöglich gebrochen. Problematisch war nun immer noch, dass nahezu das gesamte Hydrauliköl ausgelaufen war. Ein wenig davon konnten wir zwar mit einem Topf auffangen, es war aber so sehr mit Sand und Schmutz versetzt, dass die Wiederverwendung den sicheren Tod der Pumpe bedeutet hätte. Zur Verfügung standen somit Getriebeöl, Motoröl oder Olivenöl. Da Getriebeöl ähnlich riecht, dachte ich mir, konnte es nicht so falsch sein. Allerdings hielt das kreischende Geräusch der Pumpe weiterhin an, was nicht unbedingt zur Zufriedenheit beitrug.

Keine erholsame Nacht

Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass die Nacht erholsam war. Ganz im Gegenteil. Kreisende Gedanken brachten den Pulsschlag auf Höchstwerte. Ständig der Blick zum Himmel. Waren die Sterne noch zu sehen? Bitte kein Regen …  Und morgens , nach vielleicht ein oder zwei Stunden Schlaf waren dann doch feine Tropfen an den Scheiben, es war bewölkt und nebelig …  Hoffentlich nur die morgendliche Bewölkung. Keine Zeit verlieren … 

Über Nacht konnte sich die mittlerweile zu Schaum geschlagene Hydrauliklüssigkeit der Servolenkung so weit setzen, dass die Pumpe am nächsten Morgen wieder geräuschlos lief. Zum Glück!

Ok, Motor läuft, Servo ist dicht und macht keine Geräusche mehr, das Schaltgetriebe funktioniert und das Winkelgetriebe der Vorderachse scheint unversehrt zu sein. Los geht´s

Für die folgende Strecke bis hinauf zur letzten, steilen Steigung benötigten wir etwa vier Stunden. Allerdings haben wir auch sehr genau darauf geachtet, keinen weiteren Fehler zu machen. Die teils selbst für unser Fahrzeug extrem schmalen Passagen durch scharfkantigen Fels hindurch konnten wir oft nur mit Hilfe der Bleche absolvieren, weil immer wieder eines der Vorderräder die Haftung verlor. Auch bei den sandigen Passagen gingen wir kein weiteres Risiko ein und arbeiteten uns mit vier Blechen hindurch. Evtl. wäre es auch mit viel Schwung gegangen, wir hatten aber keine wirkliche Lust auf weitere Abenteuer. Anna erwies sich wiederholt als hervorragender Einweiser, und auch wenn es anfangs schwer fiel, gewöhnt man sich daran nur noch das zu machen was der Einweiser sagt. Auch das ist eine Erfahrung, die einen irgendwie weiterentwickelt.

Schließlich erreichten wir das letzte, steile Stück, das uns große Sorgen machte. Wir nahmen den Schwung der vorangegangenen Bergaufpassage mit und versuchten es gleich zu Anfang aufs gerade Wohl. Aber wie erwartet begann das Auto nach etwa zwei Dritteln der Steigung vorn zu „scharren“. Ok, Abbruch, neuer Versuch. Wir ließen uns etwas Zeit und versuchten die Trasse etwas günstiger zu formen. Faustgroße Steine in die Löcher und das feine Geröll mit der Schaufel zur Seite schippen war die Aufgabe.

Dann reduzierte ich den Luftdruck vorn auf 1,5bar und erhöhte ihn hinten auf 3 bar. Sämtliches Werkzeug, der HiLift, die Bleche, Anna und alles was schnell zu entladen ging, blieben erst mal unten.

Und dann war es tatsächlich so, dass der Wagen quasi auf letzter Rille, mit scharrenden Rädern gerade so über den Buckel gekratzt ist. Anders kann man das eigentlich gar nicht beschreiben. Auch wenn wir noch nicht wussten was uns nach der Anhöhe erwartet, war unsere Freude über den ersten Teilerfolg unglaublich groß.

Die Abenteuer-Reise geht weiter

Anschließend ließen wir es uns auch nicht nehmen noch bis zum Fort zu fahren, um das Ziel am Ende auch wirklich erreicht zu haben.

Die gebrochene Zentrierhülse des VW-Syncro

Einsamer Übernachtungsplatz an der Piste in Marokko

Unsere Fahrt ins Oued Draa setzten wir dann erst mal nicht fort. Wir versuchten auf schnellstem Weg über die N1 nach Guelmim zu kommen, um Hydrauliköl zu besorgen, weil ich die Servopumpe nicht ruinieren wollte. Auf einem Camingplatz in Tighmert  richteten wir das Auto soweit es ging wieder her  und einen Tag später ging die Tour dann auf einfachen Pisten weiter in Richtung Assa und später zurück in den Anti Atlas. Der VW-Syncro hielt durch bis wir zuhause waren.

Ironie des Schicksals – Der Reifenschaden von Sabine und Burkhard, mit dem sie noch nach Mauretanien fuhren, kam wohl auch genau auf dieser Piste zustande.


Über uns

Mit dem VW-Syncro unterwegs zu neuen Abenteuer

Anna und Bernd mit ihrem VW-Syncro unterwegs zu neuen Abenteuern

Anna und Bernd haben es sich zum Ziel gesetzt, abseits des normalen Arbeitslebens und mit begrenzter Reisezeit,  ferne Länder zu bereisen. Die Abenteuer der Pistenkuh lockten sie sowohl nach Vorderasien, als auch mehrfach nach Marokko, wo diese Geschichte entstand. Als Alleinreisende versuchen sie in unwegsamem Gelände immer wieder die Grenzen des Machbaren auszuloten.

Als Fahrzeug nutzen sie einen VW-Syncro T4. Der höher gelegte Ex Multivan mit Wohnmobilausbau wird von einem mechanisch gesteuerten 2,4 Liter, 5 Zylinder Turbodiesel  mit 110 PS angetrieben. Das Fünfgang Schaltgetriebe wurde um einen sechsten Gang erweitert und in der Übersetzung modifiziert. Anstelle der Viscokupplung arbeitet im Antriebsstrang eine elektrisch zuschaltbare Haldexkupplung, die für jede Fahrsituation manuell einstellbar ist. 


Ergänzung von Pistenkuh:
Es ist richtig vermutet, genau an der Stelle haben wir unsere Reifen ruiniert.

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

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