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Marokko – Dunkle Wolken am Horizont

In den letzten Tagen häufen sich Fragen in unseren Postfächern, die so klingen:

„Hey ihr seid ja gerade in Marokko unterwegs, wir planen nächstes Jahr mit mehrere Autos nach Marokko zu fahren.
Wir habe aber schon öfters gehört und gelesen, dass Marokko gerade sehr unsicher sei, da es ja z.B. auch keine Deutsche Botschaft mehr gibt. Da ihr ja vor Ort seid, würde es mich sehr interessieren wie ihr die Lage einschätzt?“

„Wir möchten mit eurem Buch nach Weihnachten nach Mauretanien aufbrechen, jetzt stellt sich uns die Frage, ist die Westsahara sicher?“

„An alle, die derzeit mit dem eigenen Fahrzeug in Marokko unterwegs sind: Marokko stellt die Flugverbindungen in immer mehr Länder ein . Habt ihr Sorgen, dass die Fährverbindungen nach Sete (F) und Genua (I) auch eingestellt werden und überlegt ihr euch jetzt, das Land vorzeitig auf den Seeweg zu verlassen?“

Ich habe die Fragen alle nur kurz beantwortet und darauf verwiesen, dass ich mal ausführlicher meine Sicht der Dinge schreibe. Also los:

Deutsche Botschaft in Marokko

Die deutsche Botschaft in Rabat ist NICHT geschlossen. Die Mitarbeiter arbeiten nach wie vor. Turnusmäßig wechselt alle 3-4 Jahre der Botschafter, so war der Wechsel des Botschafters planmäßig in 2021. Wir haben den Botschafter nicht abgezogen. Der neue Botschafter/in muss von Marokko akkreditiert werden und das wird nach meinen Informationen derzeit von Marokko verweigert. Akkreditierung bedeutet im diplomatischen Dienst die Zulassung eines Mitglieds einer diplomatischen oder konsularischen Vertretung durch das Gastland.
Die nicht erfolgte Akkreditierung ist die Spitze des Eisberges. Sie zeigt, wie ernst und tief die diplomatische Krise zwischen Deutschland und Marokko ist. Die Hintergründe sind vielschichtig, der Konflikt der Westsahara ist ein großer Teil davon aber nicht der Einzige. Ein weiteres Problem ist der Youtuber Hajib. Siehe hier: https://www.tagesschau.de/investigativ/swr/youtuber-hajib-marokko-101.html

Was bedeutet das für uns Reisende?

In der Regel hat man als Reisender nichts mit der Botschaft zu tun. Die konsularische Abteilung arbeitet, das heißt, dass nach wie vor Deutschen geholfen werden kann, wenn man beispielsweise Ersatzpapiere braucht, weil der Reisepass verloren gegangen ist.
Hilfe wäre aber dann eingeschränkt, wenn man inhaftiert würde, z.B. infolge eines Verkehrsunfalls mit Todesfolge. Hier wird die Botschaft nur noch Übersetzer und Anwalt vermitteln können.
Mit den politischen Spannungen zwischen den beiden Ländern geht in Marokko eine unfaire und hetzerische Presse gegenüber Deutschland einher. Das führt dazu, dass bei denjenigen, die den politischen Teil der Zeitungen lesen, das Ansehen Deutschlands und auch der Deutschen sinkt. Betroffen sind davon wohl mehr diejenigen, die in Marokko leben oder hier Geschäftsinteressen wahrnehmen. Der Gemüsehändler, Tankwart, Campingplatzbetreiber, Restaurantbetreiber also jene Personen, mit denen man es als Reisender überwiegend zu tun hat, ist politisch nicht sehr interessiert und wir haben bisher keinerlei Reserviertheit gegenüber uns gespürt. Im Gegenteil, jeder freut sich, endlich wieder ein Touristenfahrzeug auf der Straße zu sehen.
Unterm Strich ist die politische dunkle Wolke nicht schön, kann für uns im Extremfall (schwerer Unfall) auch nachteilig sein, allerdings würde ich deswegen nicht auf eine Marokko-Reise verzichten.

Westsahara-Konflikt

Der Konflikt um die Westsahara existiert seit 45 Jahren. Trump hat kurz vor Ende seiner Amtszeit Fakten geschaffen, in dem er defacto anerkannte, dass das Gebiet zu Marokko gehört. Die genaue politische Formulierung müsste man noch mal nachlesen.
Dies führte dazu, dass die Polisario nochmals ihre Kampfbereitschaft für einen eigenen Staat bekräftigt hat und kürzlich Unbeteiligte vorsorglich darum gebeten hat, das Gebiet zu verlassen. Die Wolken über der Westsahara haben sich damit deutlich verdunkelt. Mich würde es nicht wundern, wenn demnächst schwarzer Rauch und Pulvergestank den Himmel über der Westsahara weiter eintrübt. 
Dennoch würde das mich jetzt nicht davon abhalten, die Westsahara im Transit auf der Hauptstrecke zu durchfahren.
Die Grenzsituation Marokko/Mauretanien ist derzeit wechselhaft, mal offen, mal geschlossen. Aktuell ist sie wohl für Marokkaner und Mauretanier offen, für Ausländer ist die Grenze nur einseitig offen, man kann also aus Marokko nach Mauretanien ausreisen, aber nicht von Mauretanien kommend nach Marokko einreisen. Diese Einbahnstraße macht damit eine Reise nach Mauretanien unmöglich, sofern man nicht weiter nach Südafrika fahren oder sein Fahrzeug aus dem Senegal zurück verschiffen möchte.
Wer nur in Marokko reisen will, sollte das Gebiet der Westsahara meiden. 
Ich persönlich würde wegen des Westsaharakonflikts nicht auf eine Marokkoreise verzichten.

Pandemische Lage

Die neue SARS CoV-2 Variante (Südafrika) ist für uns ein deutlich höheres Risiko als der Konflikt der Westsahara oder der fehlende Botschafter.
Marokko agiert in der pandemischen Lage schnell und hart. Das Land hat auch keine andere Wahl, denn die intensivmedizinische Versorgung ist aus europäischer Sicht mangelhaft.
Reisebeschränkungen werden angekündigt und innerhalb von Stunden umgesetzt.
Wir sahen es, als Deutschland auf die B-Liste gesetzt wurde (Länder mit besonders hoher Inzidenz) und am gleichen Tag ab 24:00 Uhr keine Direktflüge aus Deutschland mehr landen durften. 
Gleiches hat vor ein paar Tagen Frankreich getroffen. Folglich ist ab Mitternacht der Flugverkehr mit Frankreich eingestellt worden und ebenso der Fährverkehr.
Die Schiffsverbindung Sete – Tanger ist nicht mehr möglich.
Da Marokko mit Spanien im Streit liegt, (wie eigentlich mit allen seinen Nachbarn) und schon seit längerem keine spanischen Personenfähren in marokkanischen Häfen anlanden dürfen, ist es derzeit für Fahrzeug-Reisende nur mit der italienischen GNV möglich, nach Marokko zu kommen (Genua – Barcelona – Tanger).
 
Daraus ergibt sich für uns folgendes Risiko:
Sollte die Inzidenz in Italien steigen und Italien auf die B-Liste kommen, wird Marokko wahrscheinlich gleich agieren und den Flug- und Schiffsverkehr wenige Stunden später einstellen. Im schlimmsten Fall wäre der Rückweg mit dem Fahrzeug nach Europa versperrt. Hilfe durch die Deutsche Botschaft, beispielsweise mit der Organisation von Sonderfähren wie im Frühjahr 2020, nicht möglich.
Aus Marokkoreise-Foren bekommen wir mit, dass einige der Wohnmobil-Reisenden sich auf den Weg zum Hafen machen und ihre Reise abbrechen, um hier nicht mit ihren Fahrzeugen fest zu sitzen.
Welche Maßnahmen Marokko ergreift, wenn die neue südafrikanische Variante sich in Europa ausbreitet, ist nicht abzusehen. Es wird im Vorfeld nichts kommuniziert. Aus der Vergangenheit kann man aber wohl ein schnelles, konsequentes Handeln ableiten. 
Ich will keine Angst machen, will aber darauf hinweisen, dass nach meiner Sicht, sich die Wolken am Reisehorizont in den letzten 14 Tagen für uns verdunkelt haben. 

Was macht Pistenkuh?

Sabine und ich werden in Marokko bleiben. Unseren Plan, nach drei Monaten Aufenthalt mit der vielleicht dann wieder fahrenden Fähre nach Südspanien überzusetzen, werden wir wohl anpassen müssen. Wir gehen derzeit davon aus, (Plan B) dass wir mit der GNV Ende  Januar nach Barcelona fahren werden. Zudem beschäftigen wir uns gedanklich mit Plan C, dass es Ende Januar keine Möglichkeit gibt, mit dem Fahrzeug das Land zu verlassen.

Lieben Gruß aus der Sonne Marokkos
Sabine und Burkhard
 

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

This article has 9 comments

  1. Bernd+Tesch

    Liebe Sabine mit Burkhard (Koch), von Bernd (Tesch. Jetzt 80,4 Jahre) in Hammer / EIFEL 28.11.2021

    > ich bin Euch SEHR dankbar für Euren NEWSletter! Auch besonders für die aktuellen Informationen zu Marokko und Verbindungen. Besonders für Deine persönlichen Beurteilung hinsichtlich der Reisenden. Vor Ort sieht das immer anders aus als aus der Sicht der „PRESSE“.

    > Ich hoffe SEHR, dass Du/Ihr mitbekommen habt, dass der jüngste deutsche und auch international jüngste Motorrad-Komplett-Weltumrunder (in 2015 war er 21, mit 23 war er solo rundum gereist), Thomas Kintzinger, JETZT solo per Motorrad Transafrika reisen will. Z.Zt. noch in Frankreich. Danach langsam auf dem Wege Germany > F > Spanien > Marokko > Westafrika irgendwie > Nigeria > Kamerun > Congos > Angola > Namibia > Südafrika.- Es wäre so sehr schön, wenn Ihr jemand getroffen habt oder kennt, der ziemlich zeitnah diese Route befahren hat.
    – Was ich und Thomas (28) zukünftig für die und Deine intern. TRAVEL-Gemeinschaft leisten könnten, wären aktuelle Rückmeldungen an Dich/Euch. Auch das Promoten Deiner/Eurer Seiten und Bücher.
    – Ich kenne z.Zt. leider niemand, der in dieser Rtg mit einem Fahrzeug unterwegs ist: Weder von unten nach oben noch von oben nach unten.

    – Thomas braucht auch noch ein paar Anlaufstellen in Spanien, später in Marokko und in den kommenden Staaten. Ich kenne Thomas seit 2014 und beurteile ihn als einen sehr bescheidenen, höflichen, zuverlässigen, netten jungen Mann, der für seine Gastgeber auch gerne kocht und für sie arbeitet; also nicht nur nimmt!!! – Er ist über facebook zu erreichen mit der Suche InsUnbekannte . Wer mich ( berndtesch@gmail.com ) anschreibt, bekommt auch seine email-Adresse.

    – Noch etwas in eigener Sache. Aktuell erst ab heute so möglich: In meiner nichtkommerziellen Datenbank teschipedia.de sind nun > 12.500 REISE-Bücher bibliographisch angegeben. Für alle Reise-Arten. Also auch deutsche und internationale Auto.REISE-Bücher. Wer dort in der Datenbank unter „Moto-Reise-Bücher“ im roten Suchfeld mit NUR italiano sucht, bekommt 42 Motorrad-TRAVEL-Books angezeigt. ERST ab HEUTE. Mit Spanish findet man über 100 TRAVEL-Buchtitel.
    – Wenn ein Leser noch fehlende REISE-Bücher kennt, kann er diese selber eingeben.ÜBER jeder Datenbank steht der Satz: Neues Buch eingeben. Burkhard hatte prinzipiell schon einmal darüber geschrieben!

    >> Euch allen eine schöne Adventszeit! Sabine und Burkhard; Passt auf Euch auf; eine schöne Adventszeit. Bernd Tesch mit Patricia

  2. claus

    gute darstellung der situation , aber leider habt ihr einen denkfehler .

    wenn ende januar der fährverkehr über die strasse von gibraltar nicht eröffnet ist wird gnv auch nicht nach barcelona fahren (zumindest nicht offiziel). ich glaub nicht das die dafür ihr quasi monopol das sie haben aufs spiel setzten .

  3. Hans-Joachim Kamp

    Tja, Burkhard,
    danke für die nüchterne Analyse der Lage.
    Da hilft alles nichts: Wir müssen uns damit abfinden, dass Reisen nach Marokko in
    Zukunft nur erschwert bzw. gar nicht mehr möglich sind. Das ist Scheisse, aber wohl nicht zu ändern.

  4. Raimund Gulhan

    Lieber Burkhard, liebe Sabine!
    Gute Reise und bleibt gesund.
    LG, Raimund. ?‍♂️

  5. Dennis Müller

    Marokko hat ab heute erstmal für 2 Woche Flug- und Seeverkehr für _alle_ Einreisen gesperrt.
    https://www.bladi.net/maroc-suspension-liaisons-maritimes,88436.html

    Ich hab es am 27.11. ins Land geschafft. Ob ich in 3 Wochen wieder rauskommen ist da wohl noch sehr fraglich.

  6. Peter

    Hi, danke für die Infos.
    Ein Verständnisproblem habe ich jedoch: die Fähre nach Ceuta geht doch immer noch?
    Heißt das, dass die Grenze von Ceuta nach Marokko geschlossen ist?
    Sitze gerade in Sizilien und wollte in rund einem Monat nach Marokko – wenn Corona es denn zulässt.
    Man merkt hier von der Pandemie so wenig, dass ich jetzt erst anfange, mir Gedanken zu Marokko zu machen, wäre also dankbar für eure Einschätzung.

    Viele Grüße und euch noch einen guten Trip!

    • Dennis

      Hi Peter,

      Ceuta Marokko ist leider ebenfalls (schon lange) zu.

      Gruß

      Dennis

      • Peter

        Oh, das wusste ich nicht.
        Vielen Dank für die Info!
        Da ich nicht besonders weit in die Zukunft plane, wäre ich vermutlich frühestens in Almeria drauf gekommen. 😉

  7. Siggi Bernhardt

    Hallo Sabine, hallo Burkhard,
    wirkennen uns persönlich noch nicht, haben von einer Schweizer Familie gehört, dass ihr auch in Marokko seid. Wir kennen euch aus dem Netz, wer wohl nicht? Und auch Bernd Tesch persönlich. Wo seid ihr gerade? Wir werden Sonntag in Ouarzazate sein und wollen im Januar, inshallah, über Mauretanien in den Senegal und weiter bis Südafrika, einmal um die Kugel. Wir fahren einen schwarz/orangen Unimog. Wäre schön sich mal zu treffen. Wir sind nicht in den sozialen Medien zu finden, aber unter siggi1100@hotmail.de erreichbar.
    LG Steffi und Siggi

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