In NO-GO-Areas kann man Waffen am Straßenrand kaufen.
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NO-GO-Areas

SICHERHEIT AUF REISEN ???
Eine Ergänzung zur Bewertung von NO-GO-Areas am Beispiel Pakistans –
Ein Gastbeitrag von Rolf Schettler
 
In meinem Beitrag SICHERHEIT ???
habe ich versucht, die Problematik von Informationen aus staatlichen Quellen und von eigenen Erlebnissen und die anderer Reisender zu analysieren und für die eigene Reise-Entscheidung kritisch zu betrachten und dann zu bewerten. Dies erfolgte am Beispiel Mauretaniens, gilt aber natürlich auch in ähnlicher Weise für andere Länder.
 
Mit den heutigen Zeilen möchte ich den Punkt der Bewertung öffentlicher Reisewarnungen am Beispiel Pakistans und insbesondere seiner NO-GO-Areas detaillierter betrachten und aufzeigen, dass man für eine eigene Risikobewertung schon ein bisschen in die Tiefe gehen muss (die z.B. eine Betrachtung der Geschichte, Religion, Bevölkerungszusammensetzung einzuschließen hat), um die Zusammenhänge zu sehen und diese nicht an einer einzelnen Aussage von Einheimischen, Beamten von Außenministerien oder Reisenden, sei sie positiv oder negativ, fest gemacht werden sollte.
 
Es soll somit beleuchtet werden, was ich in meinem ersten Artikel nur “als Selbstverständlichkeit” angemerkt hatte, nämlich sich über NO-GO-Areas zu informieren.

Einleitung zur Einordnung der Problematik

Für Berliner wird das schreckliche Attentat auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche am 19.12.2016 nicht ein Grund sein, aus Deutschland auszuwandern. In Kontakten werden sogar die meisten Berliner Fremden die Antwort geben, dass sie sich “sicher” in ihrer Stadt fühlen.
 
So ähnlich wird auch ein Pakistani (einer von ca. 208 Millionen) reagieren, wenn man ihn nach seiner Einschätzung zu seiner gefühlten Sicherheit in Pakistan fragt.

Die Fragestellung

Kann sich aber ein allein Reisender, der mit seinem Fahrzeug, ob Fahrrad oder LKW unterwegs ist, bei Reisen “über Land” in Pakistan “sicher” sein?

Die offiziellen Antworten

Die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts werden die Fragestellung allein nicht beantworten können.
 
Vielmehr empfehle ich auch hier nach einem Blick auf die Seite des AA einen Besuch der web-Seite des französischen Außenministeriums, das auch über dieses Land die Ampel-Landkarte neben Detail-Informationen publiziert.
 
Zusätzlich sollte man auf die Seite Großbritanniens gehen:
 
Hier spricht das FCO (Foreign and Commonwealth Office) für fünf Gebiete in Pakistan, zu denen auch das nördliche und westliche Belutschistan gehört, eindeutige “advise against all travel” aus.
Wem die auf dieser Seite aufgeführten Informationen und Hinweise noch nicht aussagekräftig genug sind, möge auch die Seite der USA besuchen:
 
Hier wird unter “Travel Advisories” im Juli 2019 ein level3:”Reconsider Travel” für ganz Pakistan mit den Verschärfungen (level4) “Do not Travel” unter anderem für Balochistan, KPK (Kyber Pakhtunkhwa), FATA (Federal Administrated Tribal Area) und andere Gebiete angegeben.
 
Weitere wichtige Informationen und Verweise auf Seiten der US-Administration können über diesen Link angeklickt werden (Archive: Alerts and Messages).
 
Betrachtet man die Selbstmord-Attentate, die Übergriffe auf die Zivilbevölkerung, die Attacken auf Moscheen, Tempel und Kirchen, auf Schulen und Märkte, Einkaufszentren, Polizeistationen, Verwaltungsgebäude und Vertreter der öffentlichen Hand, Strafaktionen und Bombardements der pakistanischen Streitkräfte (und die inzwischen geschätzt mehr als 100 Drohnen-Angriffe der Amerikaner in Grenzgebieten wie Waziristan), die Angriffe auf Ausländer, Hotels, Restaurants, Überlandbusse, Infrastruktur-Einrichtungen wie Staudämme, Brücken, Industrieanlagen, Häfen, Schiffe der Küstenwache der letzten Jahre und Jahrzehnte, so findet man nicht leicht zu einer einfachen Begründung für diese Taten, der Name Taliban ist da zu kurz gegriffen.
 
Deshalb möchte ich die Gemengelage ein bisschen auflösen:

1. Ein Blick in die Geschichte

Als Großbritannien nach dem 2. Weltkrieg das britische Kolonialreich auf dem indischen Subkontinent, das von 1856 bis 1947 bestand, in die Unabhängigkeit entließ, entstand neben dem säkularen (Hindu-)Staat Indien der kleinere islamische Staat Pakistan.
 
Betrachtet man das westliche Gebiet, das heutige Pakistan, so besteht es primär aus den Provinzen Punjab, Sindh und Islamabad Capital Territory. Dazu kommen dreizehn Gebiete, die in britischer Zeit als princely states bezeichnet wurden und sogenannte Vasallen-Staaten der britischen Krone waren.
 
Sie umfassen das heutige Belutschistan, FATA , North West Frontier Province (jetzt KPK ), Gilgit-Baltistan, Azad Kashmir und bilden ca. 40% der Fläche des heutigen pakistanischen Staatsgebiets.
 
In der Unabhängigkeitserklärung am 28.7.1947 durch den britischen Premierminister Clement Richard Attlee wurden explizit diese princely states durch den Indian Independence Act aus den Verträgen mit der englischen Krone mit der Möglichkeit einer vollkommenen Selbständigkeit entlassen.
 
Am Beispiel des Khanats von Kalat (Qualat), einem der dreizehn princely states, südlich von Quetta gelegen, dessen Herrscherhaus sich auf eine durchgängige Geschichte seit dem Jahr 1512 und einer Dynastie ab 1666 stützen kann, lernt man, dass diese ausgerufene Unabhängigkeit des Khanats nur sieben Monate dauerte, bis es mit pakistanischer Militärgewalt in der Provinz Belutschistan aufging und im Jahr 1955 endgültig aufgelöst wurde.
 
Ähnlich ging es den anderen zwölf princely states, die durch Verhandlungen, Lockungen, Drohungen oder Gewalt zum pakistanischen Staat kamen.

2. Ein Blick auf die Bevölkerung und die Sprachen in Pakistan

Grob kann man Pakistan in zwei große Gebiete einteilen: östlich des Indus: Punjab mit Punjabi / Saraiki und Sindh mit Sindhi als indoarische Sprachen. Es ist das eigentliche westliche Siedlungsgebiet der muslimischen Bevölkerung, die früher innerhalb Britisch Ìndiens wohnte.
 
Westlich des Indus liegt das Siedlungsgebiet der ethnisch davon vollkommen unterschiedlichen Belutschen, die mit Belutschisch eine eigene Sprache der iranischen Sprachfamilie sprechen, ebenso wie die nördlich davon siedelnden Paschtunen mit Pashtu in FATA und den Nordwest Frontier Gebieten / KPK zu Afghanistan, alle zusammen früher Gebiete der princely states.
 
Auf Baltistan und dem in sieben kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Indien und Pakistan (zuletzt Anfang 2019) umstrittenen Gebiet von Kashmir und Ladakh, wo neben Dogri und Hindi teilweise Balti und Ladakhi gesprochen wird, das eng mit der tibetischen Sprache verwandt ist, will ich hier nicht eingehen.

3. Religionen

Der pakistanische Staat hat als islamischer Staat den Anspruch, dass der Islam die dominierende Religion ist. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wieder. Von den zur Zeit ca. 208 Mio Einwohnern Pakistans werden ca. 200 Mio als Muslime, ca. 4 Mio als Hindus und ca. 3,3 Mio als Christen betrachtet.
 
Von den Muslimen sind ca. 75% der von Saudi Arabien angeführten muslimischen Glaubensrichtung der Sunniten zuzurechnen, wobei die extreme Form des Wahabismus, insbesondere in FATA, KPK, dem Swat-Tal und nicht nur in den Camps afghanischer Flüchtlinge, sondern auch in den dortigen Koran-Schulen einen Nährboden für extreme religiöse und politische Auffassungen gefunden hat, die zu den bekannten Taliban- und IS-Kämpfern führte.
 
Die restlichen 25% der pakistanischen Muslime sind Schiiten, die ihre religiöse Heimat im Iran sehen. Diese mehrheitlich in KPK und Belutschistan lebenden Muslime sind durch die recht willkürliche Grenzziehung ähnlich dem Kurdengebiet in drei Gruppen auf Iran (Provinz Sistan + Belutschistan, 180.000 qkm Fläche und ca 2,5 Mio Einwohner), Afghanistan (ein ca. 100 km breiter und ca 700 km langer Streifen an der Südgrenze Afghanistans und Pakistan (pakistanisch Belutschistan mit 314.000 qkm und somit ähnlicher Größe wie Deutschland; 12.5 Mio Einwohner) verteilt.

4. Wirtschaftliche und politische Aspekte

a.- Pakistans Wirtschaftsbedingungen
 
Pakistan hat mit einer mittleren Zunahme der Bevölkerung von ca. 2% pro Jahr Schwierigkeiten, die wirtschaftliche Entwicklung in gleicher Geschwindigkeiten wachsen zu lassen (in Zahlen: Ende 1960: ca. 60 Mio Einwohner; heute über 200 Mio Einwohner !!; BIP 2017: 1.548 US$/Kopf der Bevölkerung; zum Vergleich Deutschland 2017: 44.470 US$/Kopf).
 
Ein Hauptgrund liegt im Energiemangel. So schloss Pakistan mit China 2015 den Vertrag über den sogenannten China-Pakistan Economic Corridor (CPEC), der in den kommenden fünfzehn Jahren die durch den Karakorum Highway vorhandene Straßenverbindung zu China (Kashgar in Xinjiang) durch einen Ausbau verbessern soll, in Zentral Pakistan eine 1100 km lange Autobahn von Lahore nach Karatchi vorsieht sowie eine Entlastung des Makran Coastal Highway N-10 zum Tiefseehafen Gwandar 630 km westlich von Karatchi in Richtung der Iranischen Grenze (ca. 60 km östlich der iranisch/pakistanischen Grenze). Dieses Projekt soll Straßen-, Eisenbahn- und Energieinfrastruktur verbessern und sieht eventuell die Anbindung im Süden an das iranische Pipelinenetz vor. Nebenbei würde dadurch auch die Infrastruktur für eine Ausbeutung der belutschischen Erdgas- und Erdölvorkommen und der Abbau von Kohle, Kupfer, Gold und anderen Erzen machbar. Dazu investiert China eine Summe von voraussichtlich mehr als 60 Mrd. $.
 
b.- Pakistans Staatsbildung scheint noch nicht abgeschlossen zu sein.
 
Im Gebiet von Kashmir herrscht ein brüchiger Waffenstillstand mit Indien, der auch nach siebzig Jahren noch nicht zu einer endgültigen Lösung des Kashmir-Problems geführt hat. Erst Anfang 2019 hat es wieder eine kurze militärische Auseinandersetzung gegeben, bei der indische Jagdbomber im Kerngebiet Pakistans vermutete Ausbildungslager für Freischärler bombardiert haben sollen und wobei zwei der indischen Kampfflugzeuge abgeschossen wurden.
 
Am wichtigsten scheint aber der anhaltende Kampf von Separatisten in den Westprovinzen KPK und Belutschistan zu zählen, die sich mit der zwangsweisen Eingemeindung ihrer Gebiete in den pakistanischen Staat nicht einverstanden erklären.
 
So kämpfen seit 1948 in den Hauptaufständen 1948, 1958-59, 1963-69, 1973-77, 2004-12, 2012 bis heute allein in Belutschistan die Separatistengruppen BRA (Baloch Republican Army), BLF (Balochistan Liberation Front), UBA (United Baloch Army) , LeB (Lashkar-e-Balochistan), BLUF (Balochistan Libaration United Front) und BSO (Baloch Students Organization) sowie die Terrorgruppen BLA (Balochistan Liberation Army), Jundallah, Jaish ul-Adi, Al Qaeda, Lashkar-e-Jhangvi, Sipah-e-Sahaba für eine Befreiung Belutschistans. Ihnen stehen ca. 50.000 reguläre pakistanische Soldaten sowie ca. 30.000 Mann Grenztruppen gegenüber.
 
Mit aller Vorsicht zitiere ich hier die Opferzahlen der Unruhen/Aufstände/Attentate und Gegenschläge des pakistanischen Staates allein in Belutschistan:
 
auf der Seite der pakistanischen Armee:
in den Jahren 1973-1977 insgesamt  3000 bis 3300 Soldaten; seit 2000 ca. 1382 Soldaten
von den Freiheits-/Widerstandskämpfern starben zwischen 1973 und 1977 ca. 5.300 und seit dem Jahr 2000 ungefähr 1547 Kämpfer, nach anderen pakistanischen Militärangaben sollen allein im Zuge der Realisierung eines Aktionsplans gegen Terrorismus im Zeitraum von 2014 bis 2016  3400 Kämpfer der Tehrik-i-Taliban getötet worden sein, über 2.000 verhaftet und 800 Lager zerstört worden, wobei diese sich vermutlich hauptsächlich im Gebiet nördlich von Quetta befanden.
 
Die Zahlen der zivilen Opfer sind deutlich höher: von 1973 bis 1977 waren es ca. 6.000 Tote und ab dem Jahr 2000 ca. 4.000 Tote zuzüglich 443 Opfer, die nicht identifiziert wurden. Quellen der Bewegung der Separatisten/Unabhängigkeitskämpfer sprechen von mehr als 20.000 Opfern; direkte oder separate Angaben über getötete Ausländer oder Touristen in öffentlichen Quellen gibt es nicht. Ebenso gibt es keine Angaben über Inhaftierte, Verurteilte oder Insassen von Internierungslagern bzw. von Vertriebenen.
 
In der letzten Zeit wurde von sieben chinesischen Opfern berichtet, davon zwei Geschäftsleuten in Gwadar, 1 Radfahrer in Kalat und drei Entführten, denen missionarische Arbeit vorgeworfen wurde.
 
Wer diese Freiheitskämpfer und Terrororganisationen von außen fördert, ist undurchsichtig.
 
In den Anfangsjahren Pakistans wurde behauptet, dass die UdSSR, die längere Zeit Aghanistan besetzt hielt und schon in den Jahren vorher von ihrer Südgrenze in Usbekistan über Mazar-i-Sharif, Pol-e-Chumri eine winter- und panzerfeste Passstraße (Salang-Pass) über den Hindukush nach Kabul baute, Interesse an einem Tiefseehafen am indischen Ozean habe und deshalb Separatistenbewegungen in Belutschistan und Pashtunistan unterstützte. Spätestens mit dem Abzug der Russen aus Afghanistan schwand der russische Einfluss, auch, wenn es Gerüchte gibt, dass ehemalige KGB-Agenten zumindest die Terrorgruppe BLA maßgeblichen beeinflusst haben.
 
Heute geht man davon aus, dass insbesondere Saudi Arabien und der GCC (Golf Kooperationsrat) Gelder an wahabistisch ausgerichtete Gruppen zahlen. Die pakistanische Regierung dagegen beschuldigte offiziell erst kürzlich Indien, Ausbildungscamps von Separatisten in Belutschistan zu finanzieren. Belutschische Freiheitskämpfer unterstellen wiederum Pakistan, sunnitische Kämpfer in Lagern in Belutschistan auszubilden, um sie mit sog. Death Squads gegen belutschische Freiheitskämpfer einzusetzen, die für IS typischen Toyotas mit den schwarzen Fahnen sollen bei Kampfeinsätzen gegen Separatisten gesichtet worden sein. Eine Unterstützung der schiitischen Belutschen-Kämpfer insbesondere in der jetzigen politischen Lage durch den Iran scheint nicht ausgeschlossen zu sein.

5. Versuch einer kurzen Bewertung

Nach dem Sammeln von Fakten und Darstellen soll der Versuch einer kurzen Bewertung folgen:
 
Es wurde schon davon gesprochen, dass die Staatsbildung Pakistans noch nicht abgeschlossen ist. An dieser Stelle möchte ich zudem feststellen, dass die politische und institutionelle Instabilität Pakistans mit dem nicht vollendeten Prozess der Nationen-Bildung und der dazu notwendigen, jedoch noch fehlenden Identitätsbildung zusammen hängt.
 
Zudem stellen die herrschenden Eliten ihre persönlichen Interessen seit Staatsgründung über die Überwindung der sozialen und politischen Missstände. Eine Öffnung der Schere zwischen arm und reich ist die Folge.
 
Zudem hat sich mit dem Militär und Geheimdienst ein Staat im Staate etabliert, der von den Regierenden kaum kontrolliert werden kann.
 
Die Kluft zwischen demokratischen Kräften, die einen säkularen Staat anstreben und islamischen Fundamentalisten, die z.B. im Swat-Tal Demokratie als Häresie bezeichnen und neben der Scharia die Einführung einer Sondersteuer für Nicht-Gläubige (Djizya) fordern und als Endziel einen Gottesstaat wollen, ist bisher noch nicht einmal in Ansätzen überwunden worden, ein zu geringes Bildungsangebot zumindest außerhalb der Städte fördert geradezu diese nicht zukunftsorientierte Grundhaltung.
 
Neben den stark ausgebildeten Unterschieden zwischen ethnischen und religiösen Zugehörigkeiten scheinen aus der daraus resultierenden Identitätskrise besonders die prekären Lebensumstände der Landbevölkerung (siehe z.B. Burkhards Erlebnis-Bericht in Quetta, der Hauptstadt Belutschistans) und der immer lauter werdenden Forderung nach Demokratie  / Selbstbestimmung / Teilhabe an den Ergebnissen der wirtschaftlichen Entwicklungen zu einer Verstärkung der separatistischen Bestrebungen von Pakistan weg anstatt zu einer stärkeren Nationenbildung des Staates Pakistan zu führen.
 
Aus fanatisierten Zielsetzungen religiöser, ethnischer, politischer Vorstellungen kristallisiert sich keine Konsens-bildende Kraft auf der Basis von Ausgleich oder Kompromiss heraus.
 
Damit sind die Grenzen der oftmals mit Waffengewalt ausgetragenen Konflikte nicht scharf umgrenzt und für einen Touristen nicht sichtbar. Er kann damit der Gefahr für Leib und Leben in Pakistan zur Zeit nicht aus dem Weg gehen, sondern kann als Tramper, Camper, Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel oder des eigenen Fahrrads überall im Land (auf der Straße, in den Dörfern, in den Städten, auf dem Markt, im Hotel oder Restaurant) begegnen, sogar in Begleitung von Bodyguards, Polizisten oder Militärangehörigen oder gerade wegen derer Anwesenheit!
 
Trotz dieser Gesamtsituation entscheiden sich Touristen als Individualreisende von Iran kommend, Pakistan zu durchqueren. Hier möchte ich auf einen Bericht von Claudia und Bernd aus 2017 verweisen, der gut die Rahmenbedingungen (Übernachtungen, Einkaufsmöglichkeiten) darlegt, auf die man sich einstellen muss, wenn man die Strecke praktisch unter Polizei-/Militärschutz fährt und nicht individuell bereisen kann und sich der Kontakt zur Bevölkerung mehr oder weniger auf die begleitenden Sicherheitsorgane beschränken muss. (bodensee-overlander.de/pakistan-selbstfahrer-guide). Natürlich ist dadurch auch die Auswahl der zu besichtigenden Punkte oder Übernachtungsmöglichkeit drastisch eingeschränkt.

Ein eigenes Erlebnis

Zum Schluss darf ich von einem kleinen eigenen Erlebnis berichten, das ich schon vor vielen Jahren in Pakistan hatte:
 
Wir kamen aus Indien und fuhren über Multan an den Indus. Über Dera Ghazi Khan ging es nach Westen in Richtung Loralai, wo wir an einem pakistanischen Armee-Check-Posten angehalten und darüber informiert wurden, dass die Weiterfahrt in Richtung Quetta zu gefährlich sei.
 
Da wir aus beruflichen Gründen schnellstmöglich nach Deutschland mussten, warteten wir nicht auf andere mögliche Begleit-Fahrzeuge, sondern beschlossen trotz der eindringlichen Warnung, am nächsten Morgen in Richtung Quetta aufzubrechen. Vorher bekamen wir noch in unseren Reisepass einen Vermerk, dass wir auf eigene Verantwortung weiter reisen würden.
 
Diese Fahrt endete jedoch schon einige Kilometer hinter Loralai, als bewaffnete Aufständische mit Kalashnikovs im Anschlag unser Fahrzeug stoppten, eine Gruppe von Kämpfern unseren LKW enterte und uns von der Durchgangsstraße weg ins Gelände dirigierte.
 
Meine emotionale Bewertung der eigenen Lage war dementsprechend und der Stresspegel stieg im Laufe des Tages. Ich malte mir in Gedanken schon ein Horror-Szenario aus.
 
Gegen Abend erreichten wir ein kleines Dorf, in dem das Nachtlager aufgeschlagen wurde. Wir durften (bewacht) im LKW schlafen.
 
Am nächsten Tag entspannte sich die Situation deutlich als ein englisch sprechender Ingenieur, der als Übersetzer geholt worden war, uns eröffnete, unser LKW sei von einer Gruppe von Belutschen, die sich in einem Autonomie-Kampf gegen die pakistanische Zentral-Regierung befände, als Transportmittel requiriert worden. Also ging es nicht um uns, sondern primär um unser Fahrzeug.
 
Nach einer längeren Diskussion, bei der wir auch nach unserer Stammeszugehörigkeit befragt wurden und ob die Niedersachsen auch gegen die deutsche Regierung kämpfen würden und anschließenden zähen Verhandlungen zum Thema LKW, die zu einem Kompromiss für beide Seiten führten, durften wir unbeschadet weiter fahren, wobei die “Freiheitskämpfer” noch unseren LKW zum Start anschoben, der seit Indien keinen Anlasser mehr besaß.
 

Was hat mich diese Episode in Pakistan gelehrt?

 
1. KEINE WARNUNG – insbesondere von lokalen Behörden – IGNORIEREN!
 
2. Diese Episode ist für mich Vergangenheit. Weder ich noch andere können für die Zukunft daraus etwas ableiten, außer, dass es immer wieder passieren kann und wird.
 
3. Ein erzählter glücklicher Ausgang sagt nicht, dass es immer glücklich ausgehen muss.

Meine persönliche Schlussfolgerung

Die Reisewarnungen Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und der USA für Pakistan sind begründet und damit im Juli 2019 voll gerechtfertigt.

Schlussbemerkung zu NO-GO-Areas

Als ich einen alten amerikanischen Bekannten in Lhasa/Tibet traf und ihn für eine Risiko-behaftete gemeinsame Reise gewinnen wollte, lehnte er ab und antwortete mir, dass die Welt so viel Schönes zu bieten habe, dass er nicht unbedingt das Risiko für seinen Leib und sein Leben auf sich nehmen wolle, um ein einziges (schönes) Ziel zu erreichen. (!!)
 

Quellen:
Für diesen Artikel wurden Informationen und Zitate des AA Berlin, französischen Außenministeriums, des UK governments, des US department of states, des Pakistan Bureau of Statistics, der Heinrich-Böll-Stiftung, countrymeters.infobpb.debaluchsarmachar.wordpress.com, Prof. Pervez Hoodbhoy, Wikipedia.de, en/wikipedia.com, Diskussionen mit meinem Studienfreund Dr. Tariq ur-Rahman/Pakistan, meinem kashmirischen Freund Maqbool, Herrn Prof. Hosnein/Srinagar J&K State, Diskussionen mit indischen Offizieren in Leh/Ladakh, bodensee-overlander.de/pakistan-selbstfahrer-guide, Gespräche mit Freiheitskämpfern in Belutschistan, Sabine und Burkhards Erlebnisse in Quetta 
und meine persönlichen Reise-Eindrücke in Pakistan verwendet.

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

This article has 1 comment

  1. Silvio Maridati

    Danke Burkard für diesen hervorragenden Bericht. Als Motorrad-Fernreisender schätze ich Deine Beurteilungen sehr, sind sie doch immer ausdrücklich als Deine Sichtweise erkennbar und sehr selbstkritisch geschrieben.
    Allzeit gute Fahrt mit sauberer Stossstange!

    Herzlichst Silvio

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