Snickers in Russland
Polen - Baltikum - Karelien - Schweden

Russland – Anders als gedacht

Die EU zu verlassen ist schwieriger als hinein zu kommen, so scheint es uns in Anbetracht der ungewöhnlichen Abwicklung in Estland. Die Narwa teilt die Grenzstadt in das zu Estland gehörende Narva und das russische Ivangorod. Um zu verhindern, dass der Rückstau der auf die Grenzabfertigung wartenden Fahrzeuge sich in endloser Schlange durch die Altstadt zieht und den Verkehr komplett lahmlegt, ist im Industriegebiet am Stadtrand ein großer Parkplatz angelegt, der zwingend angefahren werden muss. Hier betreibt eine private Firma im Regierungsauftrag das Wartemanagment. Nach einer kostenpflichtigen Registrierung, für uns um die 3,- Euro, erhält man eine Wartenummer. Wenn die Wartenummer auf einem großen Display erscheint, startet man den Motor und fährt in die Stadt. Die Fahrzeit von etwa 10 Minuten ist einkalkuliert und so ist der Stau an der Grenzabfertigung auf etwa 3-4 Fahrzeuge reduziert.

Grenze Estland

Die estländische Beamtin ist unfreundlich. Im Kindergarten lernt man Umgangsformen wie Bitte und Danke oder auch einfach „Guten Tag“ zu sagen. Obwohl die Beamtin gar nicht so alt scheint, hat sie die nicht nur in unserem Kulturkreis üblichen, sondern wohl weltweit gültigen Benimmregeln vergessen. Auf mein zweites, laut und deutlich ausgesprochenes „Good Morning“ erhalte ich die barsche Antwort: „Paper.“ Den Fahrzeugschein kann sie offensichtlich nicht lesen. Ich zwinge mich, freundlich zu bleiben, immerhin war ich drei Jahre im Kindergarten und frage: „Can I help you?“
Ein böses „No“ ist die Antwort. Okay, wir haben Zeit. Ein Kollege wird geholt, der aber auch nicht weiter weiß und ums Auto schleicht. „Mark?“ blafft die Alte mich an. „Is written in the paper“, antworte ich korrekt. Der Kollege findet schließlich heraus, dass es ein Steyr sein muss und es sich um das Model 12m18 handelt.
„Open!“ Wäre sie freundlich oder hätte das Codeword „Please“ genannt, wäre ich freundlich und hätte die Einstiegsleiter montiert, aber so öffne ich nur die Aufbautür und die Stauklappen. Im Befehlston höre ich „Step!“ und ein Fingerzeig auf die Treppe, die im Fach unter dem Wohnaufbau liegt. „No, bring your own.“ Eigentlich hat sie sich eine Urkunde verdient, sie ist nach mehr als 250 Grenzübertritten die Zweite, der ich nicht die Einstiegshilfe montiere. Auf die Inspektion des Innenraums wird verzichtet, ich bekomme meine Papiere und werde mit einem „Go!“ verabschiedet und ich kann es mir nicht verkneifen, mit einem streng ausgesprochenem „Stay!“ zu antworten.

Grenze Russland

Junger Soldat in Russland

Junger Soldat in Russland

300 Meter weiter weht die russische Flagge. Ein Vorposten, der wohl der Grenzsicherheit dient, checkt unsere Papiere und kurz das Auto. Korrekt aber freundlich.
Wir haben mal mit 6-7 Stunden Zeit für die Einreise gerechnet. Hier ein Papier ausfüllen, dort noch ein Papier fürs Fahrzeug ausfüllen, hier ein Stempel, dort ein Stempel. Man kennt es ja.
Doch weit geirrt, nach knapp 40 Minuten war alles erledigt. Die Beamten genau genommen waren es überwiegend Beamtinnen, waren freundlich und hilfsbereit. Keine Tricks, keine Schikane. Durchschnittlich gründliche Untersuchung des Fahrzeuges, aber immer korrekt und mit einem Lächeln im Gesicht. Und natürlich habe ich ebenso mit einem Lächeln die Einstiegsleiter montiert.
Die Grenze verlief schon mal anders als gedacht.

Russland – Violettes Snickers

Ich bin ja von Natur aus ein wirtschaftlich denkender Mensch und kann auch bei Länderüberschreitungen nicht aus meiner Haut. In Russland kostet der Diesel rund 63 Cent je Liter, also rolle ich mit leeren Tanks über die Grenze und habe lediglich rund 20 Liter im Trittstufentank. Rubel am ATM ziehen funktioniert, aber nicht an den Automaten, die wir in Ivangorod finden. Ist aber auch kein Problem, denn an fast allen Tankstelle prangt das VISA-Zeichen.

Snickers in Russland

Snickers in Russland

Um uns und den Tankwart vor einer bösen Überraschung zu bewahren, geht Sabine erstmal mit der VISA-Karte zur Kasse um ein Snickers zu kaufen. Klappt die Bezahlung des Schokoriegels, kann ich auch beruhigt mal 300 Liter Diesel fürs erste in den Tank verschwinden lassen. Es klappt und Sabine kommt zurück mit einem Snickers, einem Snickers in violett.  Ganz anders als gedacht.

Russland – Lebensstil

Ampel in Russland

Ampel in Russland

Die Städte gleichen sich. Renovierungsbedürftige Plattenbauten, Ampeln, an denen die Länge der Rot und Grünphase in Sekunden angezeigt werden, alte O-Bus Linien, Supermärkte am Stadtrand. IKEA ist in Russland genauso vertreten wie OBI oder Bauhaus. Auf den Parkplätzen von McDonald‘s, Burger King, KFC und Pizza Hut sieht man keinen Lada, sondern BMW, Audi, Mercedes, VW oder die preiswerten Kleinwagen aus Amerika oder Süd-Korea. Die Kids tragen ihre Krooked-Skateboards unterm Arm.
Auf den Überlandstraßen überholen sich Actros, DAF, MAN und die nordischen Hersteller Volvo und Scania. KAMAZ ist der russische LKW-Hersteller, der es wohl heute noch auf nennenswerte Verkaufszahlen bringt. Amerikanische Hauber von Freightliner oder Mack transportieren CocaCola, Lays, Pringles oder Pampers in die Supermärkte.
Das Straßenbild sieht anders aus als gedacht.

Einkaufen in Russland

Im Supermarkt ist der Unterschied zu einem deutschen Supermarkt kaum zu erkennen. Außer, dass hier die GEMA nicht gilt und die aktuellsten amerikanischen Hits laufen. Auf dem Angebotsblättchen der Woche ist Nutella und Kinderschokolade auf der Titelseite ebenso Jakobs Kaffee, Ehrmann Joghurt und Krombacher. Wobei das Bierangebot keine Wünsche offen lässt. Paulaner oder Erdinger Weißbier, Krombacher, Veltins oder Jever. Oder ein Bier aus den Niederlanden, Dänemark, Belgien oder doch Feldschlösschen aus der Schweiz?
Gut, die Biere aus Polen, Tschechien oder dem Baltikum schmecken bestimmt auch, oder wählt man besser eines der vielen russischen Biere? Diese kann man sich auch in den kleinen Läden frisch vom Fass in seine Thermoskanne zapfen lassen. Ganz anders als gedacht.
Im Spielzeugladen das gleiche Bild. Modelleisenbahn von Märklin, Autos von Burago, Siku und Matchbox, Lego, Barbies und Puzzles von Ravensburg. Ich hätte mir gerne als Erinnerung einen dreiachsigen Ural oder SIL als Modellauto gekauft, aber den finde ich hier nirgends. Anders als gedacht.

Russland – Gedankenspiel 

Was wäre wenn 1989 der eiserne Vorhang gefallen wäre und die Welle in die andere Richtung geschwappt wäre. Im REWE liefe die russische Top-Ten, die Songs von Svetlana Loboda, Elena Temnikova oder der Gruppe Dzhokery könnten wir mitsingen. Russischer Joghurt, Käse und eingelegter Fisch läge in unserem Einkaufswagen. Russisches Bier wäre Hipp. Auf den Straßen führen SIL, KAMAZ, UAZ und Lada. Und wer den Nachbarn richtig beeindrucken wöllte, hätte sich einen Moskwitsch unters Carport gestellt.
Kinder wünschten sich Matrioskas zu Weihnachten oder ein Panzer aus Plastik.
Und dieser Text wäre so nicht geschrieben, die Wörter Top-Ten, Hipp, Carport müsste ich zumindest durch russische Begriffe ersetzen.

Russland ist anders als gedacht. Man muss es sich wirklich mit eigenen Augen ansehen.

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

This article has 4 comments

  1. Detlev

    Hallo Burkhard,
    Deine Artikel lesen sich sehr angenehm und die Bilder, die Du beschreibst entstehen sehr nachvollziehbar vor dem geistigen Auge.
    Wir haben immer wieder herzlich gelacht, da auch wir uns in Polen und in den drei baltischen Staaten immer wieder bei unseren Vorurteilen erwischen.

    Frage: Wurde an Eurem Steyr auch die Motornummer an der Grenze kontrolliert?

    Wir sind heute gerade aus Tallinn Richtung Narva abgefahren, leider biegen wir vor der Grenze wieder nach Westen ab ☹.
    Eigentlich hatten wir die Route durch russ. Karelien auch für dieses Jahr geplant, hat aber leider nicht geklappt und so machen wir uns nun wieder langsam auf den Rückweg.

    Euch weiterhin eine gute und problemfreie Fahrt
    Viele Grüße
    detlev

    P.S. 3. Versuch, da der Server mir nicht geglaubt hat kein Roboter zu sein.

  2. Anita spescha

    Hallo Burkhard und Sabine
    Wie wir sehen, seid ihr nun in Umba, wo wir vor knapp 2 Monaten waren. Im Schnee…. aber ein bemerkenswerter Platz auf diesem Planeten. Im Mai war alles grau in grau, ausser den bunt bemalten Häusern. Das weisse Meer war zugefroren. Wir sind gespannt, wie ihr Umba erlebt. Hoffen auf ein paar Bilder. Euch weiterhin gute Fahrt. Geniesst Russland.
    Lieben Gruss aus der CH

  3. Burkhard B.

    Hallo Burkhard!
    Mit großem Interesse lese ich regelmäßig Deine Berichte und “studiere” Eure informative Website sher gerne! Danke das Ihr Leute teilhaben lasst! Da wir nun auch vom Fernreise Virus mit LKW infiziert sind stellen sich täglich neue Fragen.

    Aber am brennensten würde mich freuen wenn Ihr mal schreiben würdet wie es mit dem Visa bei einer solchen längeren Reise in Russland am besten anzustellen ist. Meine Gedanken drehen sich ständig um eine Reise zum Baikalsee. Nun ist dies aber nicht in 30 Tagen zu schaffen.

    Ich würde mich riesig freuen wenn Ihr dazu mal Auskunft geben würdet. Gerne auch als PN.

    Viele Grüße und bleibt gesund
    Burkhard B.

    • Burkhard B.

      Hallo Burkhard!

      Vielen Dank für den Bericht zu dem Visa Ablauf gen Russland!
      Ich wünsche Euch alles Gute für die weitere Zeit und würde mich freuen Euch mal unterwegs zu treffen!

      Viele Grüße
      Burkhard B.

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