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Australien

Surfers Paradise, V8 und Q1

Unser Cruiser blubbert mit 80 km/h vor sich hin, an einer Schilderbrücke auf dem Pazifik-Highway das erste Schild „Surfers Paradise“.
Surfers Paradise, der Name klingt gut, klingt nach ein paar Strandbuden, vor denen sonnengebräunte Twenties ihren Graffiti besprühten VW-Bus parken und sich mit Surfbrett in die meterhohen Wellen stürzen, klingt nach Bikini, Bacardi und Party.

Touristenstrand in Surfers Paradise

Touristenstrand in Surfers Paradise

V8 statt VW

Die paar Strandbuden sind inzwischen aus Stahlbeton, unzählige Stockwerke hoch und die Bude Q1 war bei der Erbauung 2005 der höchste bewohnte Wolkenkratzer. Sonnengebräunte Twenties sieht man auch, aber in der Mehrzahl blase Japaner und hellheutige Nordeuropäer, die, sobald sie braun gebraten sind, nach Hause fliegen. Und einige Deppen rennen mit ihrem Surfbrett herum, hätten sie mal richtig gegoogelt, wüssten sie, dass Surfers Paradise keine guten Surfbedingungen bietet, die Wellen sind am kilometerlangen Sandstrand einfach nicht hoch genug. Würde man die Hochhäuser auf ein normales Maß stutzen, könnte der Badeort auch an der Côte d’Azur oder in Miami liegen, die Postkarten sehen fast gleich aus. Genau wie die Hotels der internationalen Ketten von Hilton, Marriott und Mercure oder die Schaufenster von Rolex, Prada, Gucci und Ralph Lauren.
Und da Surfers Paradise ein Touristenort ist, an dem ordentlich Geld verdient wird, sieht man auch keine VW-Busse (außer den Surfern, die sich verfahren haben), sondern dicke Ami-Schlitten, fette Geländewagen und alles was mit einem V8 einen guten Sound macht, wo hingegen mein 4,2 Liter Motörchen nur ein Summen von sich gibt. Was bleibt ist Bikini, Bacardi und Party.

Geschäfte bei Neonlicht

Geschäfte bei Neonlicht

Geschäfte bei Neonlicht

Bunte, nächtliche Neonlichter werben für Partys in Discos und Nachtclubs, für Pubs, Restaurants und Hotels, welche die imposante Skyline bilden. Vor allem die Skyline an sich ist absolut beeindruckend, zumindest für jemanden, der aus Wilnsdorf kommt. Okay, der Bauer in Wilnsdorf melkt die Kuh im Stall auch bei Neonlicht. Licht hatte der Bauer, der an der Stelle wo heute das Stadtzentrum liegt, vor 150 Jahren seine Farm baute, nicht. Er hätte mit den Erträgen die Stromrechnung gar nicht zahlen können.

1877 war der Bauer pleite und verkaufte die Farm an einen Deutschen namens Meyer. Dieser baute Zuckerrohr an und war nach nicht mal zehn Jahren ebenfalls ruiniert. Er verkaufte das Land und baute am Strand eine Bude, die er Main Beach Hotel nannte. Um das Hotel herum entstand in den nächsten 20 Jahren eine kleine Siedlung. Wahrscheinlich hießen alle Einwohner „Meyer“. Die Meyers vermehrten sich, Touristen kamen und eine bessere Verkehrsanbindung brachte noch mehr Touristen zu Meyers. Meyers wurden reich und die Möglichkeit von Reichtum zieht Spekulanten und Investoren an, die das unfruchtbare Land an der Küste erwarben und Hotels bauten. 1925 eröffnete Jim Cavill aus Brisbane das Surfers Paradise Hotel und machte sich dafür stark, dass der Landstrich nach seinem Hotel benannt wurde. 1960 setzte ein Touristenboom ein, Land wurde knapp und teuer und so wurde in die Höhe gebaut. Wer weiß, was in 150 Jahren aus dem Wilnsdorfer Kuhstall geworden ist, vielleicht heißt Wilnsdorf dann „Birkenhof’s-Paradise“ und Touristen aus fernen Ländern staunen über die höchsten Wolkenkratzer, die die Welt je gesehen hat und werden traditionell bei Neonlicht gemolken. Warum muss ich jetzt nur an die Neonlicht beleuchtete Wursttheke des Wilnsdorfer Metzgers denken?

Surfers Paradise: Leben im Luxus

Surfers Paradise: Leben im Luxus

Q1 Tower

Wir staunen über die Informationstafel am Eingang des Q1. „Das Q1 soll das höchste Wohnhaus der Welt sein“, fragt Sabine ungläubig. „Noch nie was von gehört, ich dachte die Dinger stehen in USA, beim Scheich oder in Hongkong.“ „Guck mal, da gibt es eine Aussichtsterrasse im 77. Stock.“
Der Aufzug bringt uns nach oben, die Stockwerksanzeigen rasen so schnell, das man sie nicht mehr lesen kann. Durch den geänderten Luftdruck knackt es in den Ohren. Und schon geht die Aufzugstür auf und wir sind auf 230 Meter Höhe. Hier befindet sich ein Restaurant für 400 Personen und man hat durch dicke Glasscheiben einen 360° Blick auf die Stadt. Verzehren muss man im Restaurant nichts, jeder zahlt 21 Dollar Eintritt. Natürlich recherchiere ich später, ob es wirklich das höchste Wohnhaus der Welt ist: Es stimmt nicht ganz, es war mit 323 Metern bei seiner Erbauung 2005 das höchste bewohnte Haus der Welt, Bürogebäude zählen da nicht mit. Aber es ist mit seinen 78 Etagen der höchste Wolkenkratzer auf der Südhalbkugel. Im Q1 Tower sind 526 exklusive Wohnungen untergebracht. Die kleinsten, billigsten Wohnungen mit 84 qm konnte man für schlappe 985.000 Dollar kaufen. Wer oben im 74. Stock wohnen möchte, legt 12.000.000 Dollar auf den Tisch.
Die Aussicht von hier oben ist für einen Wilnsdorfer beeindruckend, bei klarer Sicht kann man das 80 km entfernte Brisbane sehen. Leider stören ein paar Reflektionen in den Scheiben beim Fotografieren. Etwas Besonderes ist die gebogene, rostfreie Stahlspitze. Sie ragt 47 m über das eigentliche Dach hinaus und ist nachts beleuchtet. Man kann sie nachts aus 200 km Entfernung sehen.

Surfers Paradise bei Nacht

Surfers Paradise bei Nacht

Man munkelt, dass das investierte Geld an der Gold Cost und vor allem in Surfers Paradise von den Bossen der Halbwelt aus Japan und Hongkong stammt, also jene eleganten Herren, die ihr Geld mit Drogen, Zuhälterei, Waffenhandel und anderen kriminellen Geschäften verdienen. Ich fahre unseren Toyo besonders langsam und konzentriert, um ja nicht aus versehen einen der noblen V8-Schlitten der Gangsterbosse zu rammen und ihm dann eröffnen zu müssen, dass unser Toyo nicht versichert ist. Ich denke, er wäre darüber nicht amüsiert.

Anmerkung zur Kfz-Versicherung: In Australien ist eine Versicherung, die Personenschäden abdeckt, Pflicht. diese Versicherungsgebühr wird mit der Fahrzeugregistrierung (Kfz-Steuer) erhoben. Sachschäden können, müssen aber nicht versichtert werden.

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

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