Zweisamkeit am einsamen Strand
Australien

Seilwinde aus Holz

Freunde in Kambalda

Irgendwie haben wir zuviel Zeit. Die Reise in Richtung Norden über die berühmte „Canning Stock Route“ kann erst im April fortgesetzt werden, bis dahin stehen die zu durchquerenden Salzpfannen voll Wasser und der Wasserstand in den Flüssen ist zu hoch zum Furten.
Also nehmen wir ab Kalgoorlie den Fuß vom Gas und reisen langsam, immer auf der Suche nach einer günstigen Möglichkeit, länger zu bleiben. Normalerweise stehen wir frei im Busch, mit dem kleinen Toyota geht das auch super gut, solange wir nicht länger als 2 Nächte bleiben, dann wird der Strom knapp, ohne das ich am Laptop arbeite.
Campingplätze sind teuer, alle ab 25 Dollar, in der Regel zwischen 30 und 35 Dollar pro Nacht. Wir fragen nach Rabatt für eine Woche, für vier Wochen, nach Specials für violette Autos, nach Möglichkeiten zu arbeiten, keine Chance, bzw. die angebotenen Rabatte von 10% sind nicht wirklich attraktiv.
In Kambalda dann das große Glück. 85 Dollar für eine Woche, incl. Strom und Waschmaschine. Touristen verirren sich hier nicht hin, die bügeln gleich die 50 Kilometer durch bis in die Goldstadt Kalgoorlie, der Ort Kambalda lebt von den Nickelminen im Umkreis. Der Nickelpreis ist im Keller und so kämpfen die Minen wie der Ort ums Überleben.
Der Platz ist nicht schön, alte Wohnwagen in denen Arbeiter hausen, aber wir finden einen Platz im Schatten und da Sabine die Zeit nutzen und an einem neuen Buchprojekt arbeiten will und ich die neue Australien DVD schneide, ist uns das Ambiente ziemlich egal.
Vier Tage später kennen wir die Nachbarn, sitzen jeden Abend beim Bier zusammen und teilen das Abendessen untereinander auf. Brad vermittelt mir den Kontakt zum Transportmanager, der die Roadtrain Fahrt ermöglicht.
Der Mechaniker in einer großen Mine sorgt dafür, dass wir unser defektes Getriebe durch ein neues ersetzen können und den Rabatt der Mine bei Toyota bekommen. Zudem schenkt er uns eine Kupplung, die er aus einem verunfallten HZJ 79 ausgebaut hat, den der Baggerfahrer beim Rückwärtsfahren übersehen hatte. Der 79iger war zwei Monate alt und hatte erst ein paar Tausend Kilometer gelaufen.

Werkskantine und Dresdner Stollen

Nach drei Wochen sind wir gut integriert, können in der Werkskantine essen. Für 15 Dollar gibt es abends Buffet mit Vorsuppe, verschiedenen Hauptgängen, Desert, Kuchen, Obst, Eis und Getränke. Aber das tolle am Werksbuffet sind die drei Essenscontainer, ähnlich einer Tupperbox, die jeder am Eingang erhält. Die drei Container darf man sich am Buffet für zu Hause füllen. Fünf Wochen bleiben wir, besser kann man die Zeit nicht totschlagen.
Am Tag der Abreise die große Überraschung, jeder Nachbar bringt ein in Geschenkpapier eingepacktes Päckchen für Weihnachten. Selbstgebackene Plätzchen, einen selbstgebackenen Kuchen, den sie Dresdner Stollen nennen, der aber absolut nichts mit einem Stollen und schon gar nichts mit einem Dresdner gemeinsam hat und ein Päckchen war besonders schwer.
Bremsbeläge für den Toyo, dazu Ölfilter, Dieselfilter und Luftfilter. Wow, was für ein Geschenk, ich kontrolliere erst mal, dass wir keine Aktien der Minengesellschaft haben, bei der man so einfach Autos in Teilen raus tragen kann, wie soll da noch Dividende übrig bleiben?

Wir sind nicht am Ende der Welt, aber wir können es sehen

Wir sind nicht am Ende der Welt, aber wir können es sehen

Entlang der Bahnstrecke

Wir verlassen Kambalda in Richtung Norden. Von Kalgoorlie wollen wir etwa 200 km auf der Wartungspiste der Eisenbahnstrecke folgen, auf der früher der Transcontinental bzw. heute der Indian-Pazifik fährt. In Zanthus werden wir die Richtung auf Süd ändern und über Pisten bis ans Meer zum Arid Nationalpark fahren.

 

Autowrack im Baum

Autowrack im Baum

Die Piste entlang der Bahnlinie ist sehr gut unterhalten, gelegentliche Autowracks sind gute Fotomotive, vor allem der Karren, der im Baum hängt. Die eingleisige Bahnlinie wird fast ausschließlich von Güterzügen genutzt. Im Schnitt fährt jede Stunde ein Zug auf der Strecke und zweimal die Woche der legendäre Personenzug.
Da die Strecke über 3000 Kilometer durch die Ebene führt, also keine nennenswerten Steigungen aufweist, natürlich keine Tunnel existieren und auch keine Stromleitungen die Höhe begrenzen, sind die Wagen einfach doppelt so hoch wie wir es von Europa kennen, bzw. die Container werden einfach doppelt gestapelt. Dazu sind die Züge so lang, das bis zu 5 Lokomotiven nötig sind, um die Fracht zu transportieren. Irre.

Güterzug doppelt beladen

Güterzug doppelt beladen

In Zanthus verfehlen wir zunächst die Piste in südliche Richtung. Wir erwarteten eine ebenso deutlich zu erkennende Piste wie die, auf der wir entlang der Bahnlinie gefahren sind.
Weit gefehlt. Hätte nicht ein kleines Blechschild mit einem Pfeil und der Aufschrift „Balladonia 178 km“ die letzten Zweifel ausgeräumt, wir wären nie darauf gekommen, dass diese zugewachsene Spur die richtige sein soll.

Im Bushcamper durch Busch

Im Bushcamper durch Busch

Es geht durch schönen Wald, absolut einsam. Später wird die Piste breiter, sie scheint von irgendwem genutzt zu werden, der aber nicht bis Zanthus fährt, keine Ahnung ob Jäger, Goldsucher oder wer auch immer. Jedenfalls ist die Spur jetzt deutlich zuerkennen.
Vor Tagen hat es geregnet, Wasserpfützen stehen in den Senken und an einigen Stellen ist die Piste weich und schlammig. Das Fahren wird etwas spannender, stellt den Toyo mit seinen MUD-Reifen aber vor keine unlösbare Aufgabe.
Und dann bin ich einen Augenblick doch unkonzentriert, erkenne zu spät, dass die Pfütze keine Pfütze sondern ein tiefes weiches Schlammloch ist. Wir stecken fest. Katastrophen sind immer eine Verkettung mehrer Fehler. Der zweite Fehler ist, dass ich versuche, mit etwas vor und zurück frei zu kommen, statt gleich die Maxtrax in den Schlamm zu werfen.
(Die Maxtrax sind übrigens bei weitem nicht so gut wie in der Werbung behauptet, das alte Alu-Militärblech ist besser.)
Die Folge: Der Cruiser gräbt sich hinten links tief ein, die Achse mit Differential versinkt im Schlamm, es geht nur tiefer aber keinen Millimeter mehr vor oder zurück. Schaufel raus, Maxtrax raus und Schlamm schaufeln. Alles ist wie Schmierseife, wie sollen hier Reifen irgendwelche Kraft auf den Boden bringen, wo ich selbst schon rutsche wie auf Glatteis?

Beginn der Schlammschlacht

Beginn der Schlammschlacht

Der Toyo versinkt im Schlamm

Es ist nachmittags zwei Uhr. Schwül-heiß, Fliegen, und Moskitos zu hunderttausenden. Wir kriegen den Toyo nicht frei, auch wenn es auf den Bildern nicht spektakulär aussieht, er steckt fest. Ich hebe einen Graben aus, der das Wasser ableiten soll, nur wohin, die Pfütze ist die tiefste Stelle. Unser Kochtopf muss als Schöpfkelle her halten.

Das Wasser muss weg

Das Wasser muss weg

Am frühen Abend ist die Pfütze leer geschöpft, aber der Toyo bewegt sich immer noch nicht, alles ist schmierig, glitschig, rutschig. Es wird dunkel, eine braune Schlange kriecht unters Auto, lässt sich jedoch mit Steinwürfen vertreiben. Zu allem Unheil brennt um uns herum auch noch der Wald. Irgendeiner – diesmal nicht ich – war wohl etwas unachtsam. Glück im Unglück, der Wind bläst das Feuer von uns weg und wir haben genug Glut, um darauf Kartoffeln und Zwiebeln zu braten. Der Cruiser steht schief, daher überlegen wir kurz, ob wir das Notzelt aufbauen und darin übernachten, entscheiden uns dann aber doch für unser Wohnmobil.

Maxtrax im Schlamm

Maxtrax im Schlamm

Mit den Maxtrax baue ich einen Steg zur Hecktüre, um halbwegs schlammfrei ins Auto zu kommen. Eigentlich völlig egal, denn wir sind sowieso von oben bis unten eingeschlammt.
Die Nacht ist besser als gedacht, als ich das erste Mal aufwache, ist es schon hell.
Über Nacht ist der Lehm weiter abgetrocknet, wenn noch sechs, sieben Stunden die Sonne scheint, könnten wir einen weiteren Befreiungsversuch wagen. Also abwarten und die Sonne arbeiten lassen. Eine Seilwinde wäre jetzt hilfreich. Dicke Bäume stehen genug in erreichbarer Nähe am Pistenrand. Es ist jetzt das vierte Mal, dass eine Winde nützlich wäre. Auf der Expeditionsfahrzeug-DVD behaupte ich, dass man die Winde nur zum Angeben vor der Eisdiele braucht, im wahren Reisealltag fährt man sie nur spazieren. Die Aussage werde ich bei der Neuauflage löschen.

Nach 25 Stunden wieder frei

„Können wir uns keine Winde selber bauen? Holz gibt es ja genug und Zeit haben wir auch.“ Ich fälle einen Baum mit geradem Stamm, etwa 10 Zentimeter im Durchmesser. An der Astgabel werde ich einen dünneren Baum als Hebel ansetzen. Jetzt muss nur der Baum zwischen zwei Bäume am Pistenrand gebunden werden und der Bergegurt mit ein paar Schlingen um den Stamm gewickelt werden, schon ist die Winde fertig.
Der erste Versuch geht schief, die Kraft reicht nicht aus, um irgendetwas zu bewegen.

Seilwinde aus Holz

Seilwinde aus Holz

Ich baue mit einem zweiten Gurt eine Art Flaschenzug und verdoppele so die auf den Toyo wirkende Kraft. An dieser Stelle ein Dank an den Physiklehrer. Der Boden ist nicht mehr gar so schmierig, das Wasser fast vollständig abgelaufen. Ich krieche unter den Toyota und grabe die Achse und das Differential frei.
Um drei Uhr dann der erste Versuch. Ich spanne mit der Holzwinde den Bergegurt, der Toyo knirscht, ein gutes Geräusch, zeigt es doch, dass am Haken eine ordentliche Kraft zieht. Die Filmkamera ist eingeschaltet und steht auf dem Stativ. Sabine legt den Gang ein und fährt an.
„Yeah, geschafft“, der Toyo wühlt sich raus und steht auf festem Grund. 25 Stunden später geht die Reise weiter. Die nächsten Tage sind wenig spektakulär, einsame, gute Pisten, unberührte Landschaft, traumhafte Badebuchten mit weißem Sand.

strand-einsam

Zweisamkeit am einsamen Strand

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

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