Gerichtssaal
Australien

Verhandlung vor dem Community Court

Die Verhandlungen vor dem Community Court im Hauptgerichtsgebäude in Kalgoorlie sind öffentlich. Dennoch haben wir uns telefonisch angemeldet und Beverly, eine Gerichtsmitarbeiterin empfängt uns eine halbe Stunde vorher im Foyer. Sie führt uns zum Verhandlungsraum und erklärt uns den Ablauf:

„Am runden Tisch sitzen rechts vor den Flaggen der Richter und zwei „Elders“ (Älteste) der Aboriginal Community. Vor Kopf sitzt der Angeklagte, neben ihm sein Anwalt, in der Regel ein Pflichtanwalt und selbst Aborigine, der vom Gericht bestellt wird. Die anderen Stühle werden von Sozialarbeitern und Polizisten besetzt sein.
Das Verfahren des Circle Sentencing steht nur jenen Aborigines offen, die sich in der ordentlichen Hauptverhandlung für schuldig bekannt und umfassend gestanden haben. Sie können den Wunsch äußern, ihre Strafe durch Teilnahme am Circle Sentencing in eine Bewährungsstrafe umgewandelt zu bekommen. Ein Richter entscheidet darüber.
Wenn ihrem Wunsch entsprochen wird, sind damit strenge Auflagen verbunden, sie dürfen nicht mehr polizeilich auffallen, müssen regelmäßig zur Schule oder beruflichen Ausbildung gehen, müssen an ihrem Alkohol- und Drogenproblem arbeiten. Ein Sozialarbeiter begleitet sie auf diesem Weg.  „Ist das Circle Sentencing ihrer Meinung nach erfolgreich?“ „Ich denke ja, die Alternative wäre das Gefängnis. Ein Gefängnisinsasse kostet der Regierung genauso viel Geld wie eine Betreuung durch Sozialarbeiter und Drogenberatung. Durch die Arbeit der Sozialarbeiter haben wir die Möglichkeit, etwas zu verändern, damit sie selbst für sich Verantwortung übernehmen und den Teufelskreis durchbrechen. Gefängnisstrafen bewirken in der Regel nichts. Wenn Sie noch Fragen haben, kommen sie im Anschluss in mein Büro. Die Verhandlung dauert von 10 bis 12 Uhr. Sie können jederzeit den Raum verlassen. Bitte warten sie im Vorraum.“

Die Verhandlungen

Fünf vor zehn, der Gerichtsdiener öffnet den Raum und Anwalt, Angeklagter, Polizisten, Sozialarbeiter und wir bekommen unsere Plätze zugewiesen. Kurz nach zehn, Alle stehen auf, die Richterin betritt mit zwei grauhaarigen älteren Aboriginal Frauen den Raum. Verbeugen vor der Richterin und setzen.
Fünf Verhandlungen werden hintereinander ohne Unterbrechung des Gerichts durchgeführt. Angeklagt sind immer Männer zwischen 14 und 40 Jahren, das Delikt, immer Körperverletzung unter Alkoholeinfluss, die Bewährungsauflagen immer Anti-Aggressionstraining, Suchtberatung, Platz- oder Besuchsverbote, regelmäßiger Schulbesuch oder Teilnahme an Ausbildungsprogrammen.
Die Richterin beurteilt die Entwicklung, dazu verliest die Sozialarbeiterin ihren Bericht, hört sich so an: „Geht regelmäßig zur Schule, die Lehrer sind zufrieden, die einzigen Tage an denen er nicht zur Schule gegangen ist, waren als er von seinem Vater verprügelt wurde. Er lässt sich nach wie vor durch seinen großen Bruder, den er als Vorbild sieht, zum Alkohol- und Drogenkonsum animieren. Das Sporttraining macht ihm Spaß, er geht jetzt zweimal die Woche zum Training.“
Dann der Polizeibericht: „Yunupingu wurde im Berichtszeitraum nicht an den ihm verbotenen Plätzen angetroffen und bei zwei Durchsuchungen wurden keine Drogen gefunden. Yunupingu war im Berichtszeitraum polizeilich unauffällig.“
Die Richterin gibt ein paar mahnende oder lobende Worte mit auf den Weg und setzt den nächsten Termin fest.

Ein Fall im Detail:

Yemmerrawanne setzt sich auf den Angeklagtenstuhl. Er wirkt verschüchtert, seine Mutter begleitet ihn. Er ist 17 Jahre alt. Die Polizistin verliest den Tathergang:
Weihnachten, den 24.12. findet in der Nähe von Leonora eine weihnachtliche Familienfeier statt. Alkohol wird konsumiert. Gegen 15 Uhr kommt es zwischen Yemmerrawanne und seinem Cousin zu einem Streit, jeder beschuldigt den anderen, ihn provoziert zu haben.
Auf der Straße kommt es zu einem heftigen, körperlichen Schlagabtausch. Yemmerrawanne wird dabei mehrmals von drei seiner Cousins ins Gesicht geschlagen, stürzt zu Boden und wird mehrmals getreten. Die Gruppe löst sich auf, Yemmerrawanne geht nach Hause. Etwa 15 Minuten später steht sein Cousin vor dem Haus und provoziert ihn weiter. Yemmerrawanne geht hinaus, ergreift eine zufällig im Straßengraben liegende Eisenstange und sticht mit dieser 25mm dicken Stange von hinten in die rechte Schulter seines Cousins. Dieser wird schwer verletzt von den Flying Doktors nach Kalgoorlie geflogen und befindet sich noch im Krankenhaus.“
Bilder werden im Kreis gereicht, der Anwalt hält sie so, dass wir mit aufs Bild sehen können.
Ein Moniereisen steckt in der Schulter, ein etwa ein Meter langer Eisenstab, der von den Flying Doctors nicht entfernt wurde, sondern mit Verbandmaterial so fixiert wurde, das man ihn mit steckendem „Speer“ ins Krankenhaus fliegen kann.

Die Richterin beginnt: „Du hast Glück, dass er das überlebt. Ein paar Zentimeter und dein Cousin wäre gestorben. Ist dir das klar?“ Yemmerrawanne starrt auf den runden Tisch, keine Reaktion.
Die Richterin wiederholt die Frage lauter: „Ist dir das klar?“ Yemmerrawanne nickt.
„Bei der Schwere der Tat gehst du normalerweise ins Gefängnis, du bekommst hier die Chance, weil du erst 17 bist.“ Yemmerrawanne wirkt unbeteiligt, ohne Reaktion starrt er auf den großen runden Tisch.
„Was denkst du, wenn du die Bilder siehst?“, fragt die Richterin. Schweigen, keine Reaktion.
„Kannst du uns deine Gefühle beschreiben, wenn du an den Nachmittag und die Tat denkst?“
Es ist absolut ruhig, niemand unterbricht die Stille. Es ist lange still. Yemmerrawanne blickt starr auf den Tisch vor sich.
„Möchtest du irgendwas dazu sagen?“ Die Richterin bohrt mit leiser ruhiger Stimme weiter.
„Nur einen Satz, nur ein Wort?“ Stille.
Mir kommt es vor wie Minuten. Der Anwalt unterbricht das Schweigen: „Bist du traurig über das Geschehene? Tut es dir Leid?“ Yemmerrawanne nickt.
„Trinkst du noch Grog?“ Yemmerrawanne schweigt, seine Mutter antwortet mit „Ja“. „Aber nicht mehr soviel“, der erste ganze Satz, den Yemmerrawanne sagt.

Die Sozialarbeiterin liest aus ihrem Bericht. Yemmerrawanne erfüllt die Auflagen, er hat sich in einem Sportclub angemeldet, geht zur Drogenberatung und zu einem Anti-Agressionstraining, allerdings nicht in der geforderten Regelmäßigkeit. Er geht wieder zur Schule. Sein Alkoholproblem hat er nicht unter Kontrolle.

Bewährungsstrafe als Chance

Die Richterin: „Du hast hier eine einmalige Chance, normalerweise wärst du im Gefängnis, wir können dir hier nur Hilfe anbieten, du triffst die Entscheidung für deine Zukunft, es ist dein Leben und du hast die Verantwortung dafür. Du entscheidest jetzt, ob du ins Gefängnis gehst und anschließend mit einer Grogflasche im Straßengraben endest oder ob du nächstes Jahr einen Führerschein machen kannst, ein Vorbild für deine Geschwister bist.“ Seine Mutter wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. „Du entscheidest jetzt, ob deine Mutter um dich weint, oder ob sie auf dich stolz ist. Das was du bisher gezeigt hast, reicht nicht aus. Vielleicht ist es für dich besser, du lernst das Gefängnis kennen, wir entscheiden darüber in acht Wochen, es hängt davon ab, ob du regelmäßig zur Drogenberatung und in die Schule gehst oder nicht.“ Zur Ältesten auf der linken Seite gewandt: „Möchten Sie noch etwas sagen?“

„Yemmerrawanne, du bist erst 17, so jung und du hättest deinen Cousin beinahe umgebracht, wegen Grog. Ihr habt früher zusammen gespielt, es war dein Freund, erinnere dich an die schöne Zeit, jetzt liegt er im Krankenhaus, hat Schmerzen, weil du besoffen warst. Deine Mutter ist mit dir zum Gericht gekommen, wie viele sitzen auf dem Stuhl alleine, ohne dass sich jemand für sie interessiert. Deine Mutter liebt dich und jetzt weint sie wegen dir. Willst du das? Willst du, dass dein Freund stirbt? Willst du, dass deine Mutter weint? Aber du willst trinken.
Yemmerrawanne du hast die Familie auseinander gebracht. Dein Vater und sein Bruder leben jetzt im Streit, du weißt was das bedeutet, du weißt was das für deinen Vater bedeutet. Du hast das zu verantworten. Es ist deine Schuld.
Das Payback wird kommen, du weißt das. Sie werden dir die Knochen brechen, sie werden dir auflauern. Du weißt das. Wann werden sie dir auflauern? Wenn du besoffen bist, wenn du nicht fliehen kannst. Sie werden dir die Knochen brechen wenn du trinkst. Du weißt das.“

Kurz nach 12 lassen wir uns von einem Gerichtsdiener zu Beverlys Büro führen.
„Und, war es interessant?“ „Ja, wir waren überrascht, wie oft das Wort „Payback“ fällt.“
„Kommen sie mal mit.“ Wir folgen ihr den Gang entlang zu einem kleinen Zimmer. Hier stehen Anwalt, Richter und die beiden Elders mit einer Tasse Kaffee beim Smalltalk. Zwei weitere Tassen Kaffee werden ausgeschenkt, wir erzählen von unserer Reise und dem Grund für unser Interesse am runden Tisch.
„Kommen Sie heute Abend um fünf in meine Kanzlei, hier ist meine Karte, da kann ich ihnen noch ein paar Informationen geben.“
Die Einladung des Anwalts nehmen wir gerne an, den Nachmittag kriegen wir schon irgendwie rum. Den Bericht vom Anwaltsbesuch gibt es in ein paar Tagen.

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

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