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Australien

Cape York: Old Telegraph Track

Das härteste Offroad Abenteuer Australiens

Kurz hinter Laura endet das Asphaltband, eine rote Schneise zieht sich bis zum Horizont durch den grünen Wald.

Termitenhügel in Australien

Termitenhügel in Australien

Im Rückspiegel leuchtet der aufgewirbelte rote Staub in der Nachmittagssonne und verhüllt die gigantischen Termitenhügel am Pistenrand. Hunderte von Termitenhügel, die meisten zwei bis drei Meter hoch, irre.

Unser erstes Camp errichten wir auf einer Sandbank am Wenlock River. Feuerholz ist schnell gesammelt. Es riecht nach Rauch und Grillwurst, die Silouette des Toyos reflektiert den Feuerschein. Vor uns rauscht klares Wasser, in der Ferne quacken Frösche. Grillen zirpen. Am nächtlichen Himmel zieht ein Satellit seine Bahn. Auf der Zunge der Geschmack vom eiskalten Bier mit den vier X. Das Ende eines perfekten Tages.

Camp am Wenlock River

Camp am Wenlock River

Der Bachlauf liegt noch im Schatten, nur die Baumwipfel leuchten in den ersten Sonnenstrahlen, als wir die Sandbank verlassen. Zurück auf der Peninsula Develompental Road geht es weiter wie gestern. Termitenhügel und roter Staub. Die heute zweispurig geschobene und geglättete Erdstraße lässt sich schnell befahren. Die Tachonadel steht oft lange auf der siebziger Marke. Nur gelegentlich hat sich durch den starken Verkehr so genanntes Wellblech gebildet, das alles durchrüttelt. Schrauben lösen sich. Zähne klappern.

Peninsula Developmental Road

Staubige Piste – Peninsula Developmental Road

Als die ersten europäischen Siedler Cape York entdeckten und Rinderfarmen anlegten, war die Straße nicht mehr als ein Trampelpfad durch den Busch. Bestenfalls konnte man ihn mit dem Pferd bereiten. Die Farmen, in Australien „Stations“ genannt, wurden mit Schiffen vom Meer her versorgt, der Landweg hatte keine große Bedeutung.

alter Telegrafenmast

alter Telegrafenmast

Um die Halbinsel besser zu erschließen, wurde 1884 mit dem Bau einer Telegraphenleitung bis zur nördlichen Spitze begonnen. Drei Jahre später, 1887 war sie in Betrieb. Über zwei Leitungen sendete man Morse Signale, die an Telegraphenstationen verstärkt wurden. Diese beiden, über 1.700 Kilometer langen Kupferleitungen waren für die Siedler der Draht zur Welt. Im zweiten Weltkrieg unterhielten die Amerikaner einen bedeuteten Luftwaffenstützpunkt auf Cape York. Für deren Kommunikation wurde die Leitung für die Übertragung von Sprechfunk aufgerüstet und 1962 noch mal zur Übertragung „normaler“ Telefongespräche modernisiert. 100 Jahre wurde die Leitung genutzt, bis sie schließlich 1987 abgebaut wurde. Satelliten- und Mikrowellen-Technik machten sie in der heutigen, modernen Telekommunikation überflüssig. Was geblieben ist, ist der vor 125 Jahren angelegte Versorgungs- und Wartungspfad entlang der Telegraphenleitung. Jener Old Telegraph Track, der heute zu den spektakulärsten und abenteuerlichsten Strecken des Kontinents zählt.

Das Abenteuer beginnt

Bramwell Junction ist erreicht. Für eine Cola im Roadhouse ist keine Zeit, ich will los. Hier beginnt das Abenteuer. 150 km auf einer Geraden, wie mit dem Lineal gezogen, quer durch den Busch. Dazu zahlreiche Bach- und Flussdurchfahrten mit steilen Auf- und Abfahrten. Die Piste der Adrenalinsüchtigen. Ich kann mir ein breites Grinsen beim Sperren der Freilaufnaben nicht verkneifen. Vorfreude!
Vier Kilometer durch Wald und wir stehen vor dem ersten Bachlauf, Palmcreek genannt.

Palmcreek auf der Old Telegraph Road

Palmcreek auf der Old Telegraph Road

„Booh, ist das steil!“
„Traust du dich, da runter zu fahren?“, fragt Sabine leise.
„Da kann man nicht runterfahren, da kann man nur runterrutschen.“
Ich steige die Böschung runter ins Bachbett, 10-12 Meter Höhendifferenz, die letzen drei Meter rutsche ich auf dem Hosenboden und stehe bis zu den Knien im Schlamm. Mir gehen die Bilder, die im Roadhouse an der Wand hängen, durch den Kopf: Umgekippte Fahrzeuge, abgerissene Achsen, zerbeulte Kotflügel.
„Kommen wir durch den Schlamm durch?“ Sabine reißt mich aus meinen Gedanken.
„ Erst mal müssen wir reinkommen.“

Am dicken Baum im Flussbett hängen Kühler, Frontschürzen, Steckachsen und sonstige Tribute der Abfahrt, alle versehen mit Namen, Datum und einem coolen Spruch. Jetzt ist mir völlig klar, warum Autovermieter den Old Telegraph Track verbieten. Ein Fahrfehler und der Campervan ist schrott. Ich krabble die Böschung hoch und sitze mit feuchten Händen hinter dem Steuer. Die Fahrlinie ergibt sich von allein, die direkte Falllinie, alles andere führt zum Überschlag. Es geht nur darum, das Fahrzeug in dem Moment, wo es zu rutschen beginnt, in der richtigen Position zu haben.
„Runter ins Schlammloch kommen wir irgendwie, raus auch, aber was kommt dann? Der berühmte Gunshot (die berüchtigte und schwierigste Stelle) liegt noch vor uns. Wenn wir jetzt hier runter fahren, gibt es ohne Seilwinde oder fremde Hilfe kein Zurück. Umdrehen oder weiter?“
„Im Leben geht’s immer weiter.“
Erster Gang, Untersetzung, Lenkrad gerade halten, ganz langsam vorwärts. Die Haube senkt sich, Das riesige Schlammloch kommt näher, der Toyo rutscht. „Platsch.“ Schlamm spritzt zum offenen Fenster rein, direkt auf meine Hose. Gas geben. Der Toyo wühlt sich durch, raus ins klare Wasser und die gegenüberliegende Böschung mit tiefen Löchern, die die volle Verschränkung fordern, nach oben. Geschafft. Adrenalinspiegel sinkt.

Spannende Furten und klare Badepools

Es sind nur ein paar Kilometer, und im Baum hängt ein abgerissener Auspuff, zwei verschiedene Kühlergrills und ein Ventilator. Zu Fuß erkunde ich die Durchfahrt. 80-90 Zentimeter tief, schlammiges Wasser ohne Sicht, aber griffiger Grund. Dennoch nicht ganz einfach, die Furt ist mehr als 50 Meter lang. Langsam tauchen wir ein. Behutsam trete ich aufs Gas. Die erzeugte Bugwelle, die der Toyo vor sich herschiebt, erinnert mich an die letzte Bootsfahrt. Wasser schwappt über die Haube. Ohne Probleme klettert der Land Cruiser am anderen Ufer aus dem Bachbett.
Kaffeepause.
Aber nicht hier, nur ein kleines Stück weiter fließt ein klarer Bach und stürzt eine Felsstufe hinunter, ein natürlicher Swimmingpool hat sich durch den Miniwasserfall gebildet. Traumhaft.
„Lass uns doch heute Nacht hier bleiben“, ist Sabines Vorschlag.
Unser Camp ist schnell aufgebaut, der Nachmittag vergeht mit Lesen, Baden, Sonnen und Nichtstun. Nach Bratkartoffeln mit Speck auf dem Lagerfeuer geht es früh ins Bett.

Übernachtungsplatz mit Badewanne

Übernachtungsplatz mit Badewanne

Gunshot

Vögel wecken uns. Baden im Pool, Kaffe in der Morgensonne. Eine halbe Stunde einfache Fahrt und wir stehen oberhalb des berüchtigten Gunshot.

Gun Shot, die berüchtigte Abfahrt ins Bachbett

Gun Shot, die berüchtigte Abfahrt ins Bachbett

„Das ist er also live.“ Wie viele Bilder habe ich im Internet gesehen, auf denen sie sich ihre Autos hier komplett geschrottet haben. Die Abfahrt ist so steil, dass man unten angekommen, den Bullbar in die Erde rammt und vorne überkippt, der Wagen also auf dem Dach liegt. Am Baum hängen natürlich umfangreiche Trophäen. Bei weitem nicht alle, sonst müsste hier in jedem Baum ein Autowrack hängen. Eine größere Gruppe hat hier gecampt und wartet auf Neuankömmlinge, die den Gunshot bezwingen möchten bzw. sich von ihnen animieren lassen, es zu tun. Ich bin nicht sonderlich wild darauf, violette Karosserieteile an den Baum zu nageln und wähle die 30 Meter links liegende Alternativabfahrt. Lieber als Feigling weiter fahren, als ein Held sein, der zu Fuß nach Hause läuft.

Weiter geht’s Richtung Nord Nordost. Zwei Stunden später queren wir die Peninsula Developmental Road über die der Haupttouristenstrom Cape York erreicht. Die spektakulären und wirklich atemberaubend schönen Wasserfälle Elliot- und Twin-Falls sind nur ein paar Kilometer entfernt und präsentieren sich im besten Fotolicht. Sie lassen sich auch leicht mit normalen Fahrzeugen erreichen. Ein absolutes Muss für Jeden, der hier unterwegs ist. Wir sind überrascht, die Einzigen zu sein, also genießen wir das klare, warme Wasser und die Rückenmassage unter dem Wasserfall. Hier einfach mal ein paar Bilder aus dem Paradies:

 

Twin-Falls: Badespaß in tropischen Gewässern

Twin-Falls: Badespaß in tropischen Gewässern

Später kommen Tracy und Neil dazu, die Beiden aus Brisbane sind uns sympathisch, die richtige Wellenlänge. Die Stunden vergehen, Baden, Sonnen, Schwatzen. Warum nicht das letzte Stück gemeinsam fahren?

Nolan’ s Brook

Was für ein Glück es ist, die beiden dabei zu haben, zeigt sich am nächsten Tag. Die letzte Flussdurchfahrt, Nolan’s Brook, hat es in sich. Der Wasserstand reicht mir bis zum Bauchnabel und im weichen, sandigen Untergrund sinke ich bis über die Knöchel ein. Am Baum hängt neben dem üblichen Schrott auch ein Blechschild mit der Telefon-Nr. eines Bergeunternehmens und dem Text: „Recovery 1.000 Dollar“.
Der Hilux von Neil ist bestens gerüstet. Große Räder, Sperren in den Achsen und Seilwinde. Schnorchel natürlich auch. Ich fahre zuerst, Sabine bleibt mit Fotoapparat am Ufer zurück.
„Ach du Kacke, das wird nichts“, merke ich in der Flussmitte, die Räder drehen durch. Das Wasser steht kurz unter dem Außenspiegel und langsam füllt sich der Fußraum. Das rechte Vorderrad steht irgendwo drauf, zum Glück, so ist das Luftfiltergehäuse nicht unter Wasser, Gefahr für den Motor besteht nicht. Der Wasserpegel im Fahrzeug steigt, Sabines Badelatschen kommen angeschwommen.

Nolansbrook

Nolan’s Brook

Neil hat sofort die blöde Situation erkannt, stürzt sich mit seinem Hilux ins Wasser, zieht vorbei und erreicht das Ufer vor mir. Bergegurt raus, und zwei Minuten später steht die kleine Pistenkuh auf Land. Der Karren steht voll Wasser. Die Packung mit dem Toastbrot schwimmt wie ein Gummientchen oben auf. Ein Wasserfall ergießt sich beim Öffnen der Türen. Mehl, Zucker, Reis, Kaffee, Waschpulver, alles ist nass. Einmal komplett auspacken und alles in der Sonne trocknen lassen. Scheinwerfer und Rücklichter ausbauen und das Wasser ausschütten. Öle kontrollieren. Der Schaden hält sich in Grenzen. Der Toyo hat die Tauchfahrt gut überstanden. Dennoch werden wir nach Cape York alle Öle wechseln.

Mein alter Freund Johnnie

„I like the colour from your van”, ruft mir der Fährmann zu, der uns über den Jardine River bringt. Loyalty-Beach Campground ist der Platz, den wir für die Nacht wählen. Neil möchte uns unbedingt zum Abendessen ins Restaurant einladen. Tische und Stühle stehen direkt am Strand unter Sonnenschirmen aus Bast, an deren Ständer Petroleumlampen im Wind schaukeln. Von der Strandbar klingt The Tokens mit „The Lion Sleeps Tonight“ herüber. Die Getränke besorge ich. Auf dem Weg zur Bar erhasche ich einen Blick in die Küche. Ein Inder steht am Herd und damit ist klar, was ich bestellen werde, ein indisches Fischcurry. Indisches Curry, damit habe ich nicht gerechnet, auch nicht damit, dass ich hier im alkoholfreien Aboriginal-Gebiet meinen alten Freund Johnnie Walker wieder treffe. Wie immer, braun gebrannt, steht er an der Bar. Das letzte Mal hatten wir einen gemeinsamen Abend im Sudan. Irgendwie schafft es der Typ immer dort zu sein, wo er eigentlich nicht sein sollte. Daher ist er mir so sympathisch und ich nehme ihn gemeinsam mit ein paar Dosen Cola mit an unseren Tisch. Neil freundet sich auch schnell mit ihm an und während die Sonne im Meer versinkt, treibt Johnnie die Rechnung ganz schön in die Höhe.

Traumstrand am nördlichsten Punkt des OTT

Traumstrand am nördlichsten Punkt des OTT

Am nächsten Morgen reisen Tracy und Neil nach dem Frühstück zurück Richtung Brisbane, wir suchen uns ein paar Schatten spendende Bäume am einsamen Strand. Nicht ganz so leicht zu finden, denn oft führen die kleinen Pisten zu Fischerhütten.

Von hier ist es eine leichte Fahrt zum Top, es geht nochmals durch ein kleines Stück Regenwald und die allerletzten Kilometer klettern wir über Felsen zum Markierungsschild des nördlichsten Punktes Australiens. Jeder, der hier zum ersten Mal steht, positioniert sich für ein Erinnerungsfoto neben dem Schild, wir auch. Für viele kennzeichnet es auch das Ende der Reise. Für uns ist es der Beginn des großen Abenteuers „Australien Diagonal“ für die nächsten neun Monate.

der nordöstlichste Punkt

Das Ziel ist erreicht, der nordöstlichste Punkt Australiens

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

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