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Australier
Australien

Der Australier – Wie er so tickt

Während ich diese Zeilen auf der Veranda eines Cafes in einem Ort mit vielleicht 200 Einwohnern schreibe, es ist Sonntagmorgen gegen 11 Uhr, lärmen an vier verschiedenen Stellen im Ort Rasenmäher. In Sichtweite rennt ein übergewichtiger, tätowierter Australier in Flipflops mit einer Flasche Bier in der Hand hinter seinem Benzinschaf her. Vor seinem Haus im viktorianischen Baustil steht ein weißer, wahrscheinlich geleaster, Toyota Hilux, der mit allerlei Zubehör aus dem Offroad Katalog verschönert wurde.

Briefkasten: eine altes Mikrowellengerät

Briefkasten: eine altes Mikrowellengerät

Neben dem Haus steht ein alter Wohnwagen, genauso wie ein ausrangierter Kühlschrank. Auf dem Grundstück rosten zwei alte Autowracks vor sich hin. Die kaputte Mikrowelle dient auf einen Pfosten geschraubt an der Grundstückseinfahrt als Briefkasten. Gleich daneben hängt ein Schild: „For sale“, zu verkaufen.

Die Sammelleidenschaft der Australier

Die Sammelleidenschaft der Australier

Eine ganz normale Szene am Sonntagmorgen, die sich jetzt bestimmt tausendfach im Land ereignet, man kann das Beschriebene durchaus verallgemeinern.

Natürlich ist das Beobachtete subjektiv und regional unterschiedlich, so sieht man in den Städten nicht mehr Übergewichtige als in europäischen Städten. Hier findet man im Supermarktregal auch Fitness- Mode- und Beautyzeitschriften. Auf dem Land sucht man diese Zeitschriften vergebens. Hier überwiegt der Anteil der Koch- und Backillustrierten. Das Ergebnis kann man nicht übersehen.

Meine Flipflops

Tatoo, ein Schmuck des Körpers

Tatoo, ein Schmuck des Körpers

Natürlich ist nicht jede und jeder Ganzkörper tätowiert. Viele beschränken sich auf 10 oder 12 Tattoos an Waden, Armen, Brust, Rücken und Nacken.
Flipflops gehören zur Standardausrüstung eines jeden Australiers. Zuerst dachte ich es sei ein Scherz, als ich in einem Interview die Antwort auf die Frage: „Welche fünf Dinge würden sie auf eine einsame Insel mitnehmen?“, las und der Gefragte antwortete: „Bier, meine Flipflops, Zelt, eine Angel und meinen Hund.“
Inzwischen hätte mich auch nicht gewundert, wenn er anstatt des Hundes seinen Rasenmäher mitgenommen hätte. Aber wir sind noch bei den Flipflops. In einer Abenteuer/Offroad Serie kämpft sich ein Team mit drei Geländewagen und zwei Anhängern durch Urwald und zugewachsene Buschpisten zu einer Missionsstation in der Nähe von Cape York. Was trägt der 4WD-Action Darsteller Roothy beim Arbeiten mit der Kettensäge? Flipflops. Was trägt sein Partner beim Durchstreifen des Dschungels auf der Suche nach einem Weg? Ihr könnt es euch denken. Natürlich Flipflops.

Das Benzinschaf

Würde ich Benzinschafe herstellen, wäre ich auf dem Australischen Markt. Jeder hat so ein Ding und es läuft ständig. Ist der Rasen 2,2 Zentimeter hoch, wird er wieder auf 2 Zenitmeter gekürzt. Es gibt keinen Tag in der Woche, selbst Sonntags nicht, an dem man nicht das Geratter eines kleinen Benzinmähers hört, sobald man eine Ansiedlung mit mehr als drei Häusern erreicht. Dabei sind die Australier keine Pingel. Der Putz kann von der Wand fallen, die Dielen der Veranda morsch sein und die Hollywood Schaukel zusammenbrechen, alles egal, aber der Rasen ist immer akkurat geschnitten.

Holden und andere Karren

Am liebsten fährt der Australier einen Holden, ich habe die Autos sonst noch nirgends auf der Welt gesehen, die werden wohl in Australien nur für die Australier gebaut. Dabei sehen sie nicht antiquarisch aus, im ersten Moment könnte man sie für einen Japaner oder Koreaner halten. Wer nicht so sehr Patriot ist, least einen Toyota, bevorzugt das Hilux Model. Einige Wenige fahren Landrover, nicht weil sie von der Qualität überzeugt wären, mehr um der Queen zu gefallen. So sehr man sich über Automarken und Modelle streiten kann, in der Wagenfarbe sind sich alle einig: Das Auto muss weiß sein. Angeblich der australischen Sonne wegen, das Fahrzeug heizt sich nicht so sehr auf, doch in Wirklichkeit weil man den Schmutz so schön sieht und so einen Grund hat, sein Auto alle vier Stunden zu waschen. Autowaschen ist neben Rasenmähen und Kricketspielen die Haupt Freizeitbeschäftigung.

Kricket, Langeweile pur

Ihr müsst euch mal eines der langweiligen Kricketspiele ansehen. Samstagnachmittag stehen genauso viele weiße Autos vor dem Rasenplatz wie weiß gekleidete Männer auf dem Rasen. Kricket ist ein Sport, bei dem der Puls der Spieler zur keiner Zeit höher schlägt, als der der Zuschauer. Statt einem Kricketspiel zuzusehen, kann man auch ein Schachspiel verfolgen, bei dem nur noch zwei Könige auf dem Brett stehen. Die Spannung ist bei beiden gleich.
Aber zurück zu den weißen Toyotas, speziell zu den Geländewagenmodellen. Da die meisten ihren Geländewagen leasen oder auf Pump kaufen, bleibt noch etwas Kapital übrig, um sich Zubehör aus dem Offroad Katalog auszusuchen. Auch da bieten viele Händler Ratenzahlungen über 5 Jahre an und so braucht der Papi gar nicht auf die Preise achten. Die Frage ist nicht, was kostet es, sondern wie viel kann ich mir aussuchen für soviel Dollar im Monat. Als erstes wird für einen guten Sound gesorgt. Motortuner blasen das Ding bis kurz vor dem Platzen auf. Zusatzscheinwerfer, dicke Reifen und auf jeden Fall eine Winde sind das Minimum. Und natürlich die abnehmbare Anhängerkupplung für den ebenfalls auf Pump angeschafften Wohnwagen oder Offroad Anhänger.

Bier beim Lagerfeuer

Aber am allerliebsten und das macht ihn mir so sympathisch, sitzt der Australier mit einer Flasche eiskaltem Bier am Lagerfeuer. Irgendwo raus fahren in die Natur, am Feuer sitzen, das ist es. Da ist es egal, ob man mit einem Holden, Toyota, und Land Rover gekommen ist, hauptsache man ist draußen. Am Lagerfeuer sitzen ist ihm wichtiger, als Rasenmähen und Kricket spielen, ja sogar wichtiger als die Queen. In der Runde am Feuer kommt man supergut mit ihm aus, selbst der Manager, der im Big W noch mit einem Prozess drohte, ist am Feuer plötzlich ein normaler Mensch. Wir sollten mehr am Feuer sitzen.
Eiskaltes Bier, Lagerfeuer und Wochenende gehören in Australien zusammen. Da fällt mir folgende Aussage, abgedruckt in einer Offroad Zeitschrift, ein: „I’ve had more campfires than hot dinners, but never I sit around the fire without an coldie.“
Übersetzt: „Ich habe an mehr Lagerfeuern gesessen, als ich warme Mahlzeiten hatte. Aber nie habe ich am Feuer ohne Bier gesessen.“
Das lässt vermuten, dass der Bierkonsum in Australien besonders hoch ist. Aber das Vorurteil lässt sich statistisch nicht bestätigen. Statistisch ist der Bierverbrauch pro Quadratkilometer Landesfläche nicht höher als anderswo. Und das, obwohl Australien das trockenste Land der Erde ist.

Big W

Ihr fragt euch jetzt bestimmt: Warum droht der Manager vom Big W mit einem Prozess?
Wir kaufen im Big W, einem Kaufhaus mit breit gefächertem Warenangebot ein paar Dinge ein. Statt Kassen wie wir sie in Deutschland kennen, stehen hier 10 Kassensysteme, an denen sich der Kunde selbst abkassiert. Das heißt: Man zieht seine Ware selber über den Scanner und steckt anschließend Geldscheine oder die Visa-Karte in die Maschine. Die 10 Kassen werden von nur einer Angestellten beaufsichtigt. Ein genial effektives System. Keine Wartezeit für den Kunden an der Kasse, keine Personalkosten für den Laden. Vorteil auf beiden Seiten, einfach genial.

Ich möchte filmen, wie wir zum ersten Mal ein solches Kassensystem bedienen. Natürlich ohne andere Kunden oder Angestellte zu filmen. Die Aufseherin ist freundlich, kann meine Bitte jedoch nicht beantworten, ruft aber der Filialleiter. Ich hätte jedes Argument verstanden. Zum Beispiel: Filmgenehmigungen müssen in der Zentrale beantragt werden oder wir wollen nicht, dass unser Logo in irgendwo in einer Weise erscheint, die wir nicht beeinflussen können oder wir fürchten Werksspionage und Know How Transfer nach Deutschland. Aber nein, nichts von dem. Die ersten und einzigen Worte des Managers: „Hallo, wenn Sie hier filmen, werden wir einen Prozess gegen Sie führen. Auf Wiedersehen.“ Das weckt natürlich den Forschertrieb: Was gibt es bei Big W zu filmen, das der Manger so gereizt auf eine Kamera reagiert? Vielleicht frage ich im nächsten Big W Laden mal die Verkäuferin.

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

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