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Tschernobyl
Lost PlacesRussland - Mongolei

Tschernobyl – Reisebericht nach Prypjat

Den Schock und das beklemmende Gefühl wird man nicht vergessen, als im April 1986 in der Tagesschau die Explosion des Kernkraftwerks in Tschernobyl verkündet wurde.
Nie hätte ich damals gedacht, dass ich jemals auch nur in die Nähe des Unglücksortes reisen werde. Verstrahlt für immer, extrem gefährlich, was soll man da?

Mehr als 30 Jahre später interessiere ich mich für verlassene Orte, möchte deren morbiden Zerfall fotografisch festhalten und natürlich reizt auch das Abenteuer von Geisterdörfern und verwunschenen Schlössern. Auf der Suche nach möglichen Orten trifft man unausweichlich auf Bilder von Tschernobyl, oder besser aus der Geisterstadt Prypjat, der Stadt, in der bis zum Reaktorunglück am 26. April 1986 rund 50.000 Menschen lebten. Die Stadt war eigens für die Arbeiter im vier Kilometer entfernten Atomkraftwerk Tschernobyl gebaut worden.
Die Bilder im Netz zeigen einen verlassenen Rummelplatz mit Riesenrad, Autoscooter und Schiffschaukel. Sie zeigen ein verlassenes Schwimmbad, Schulen, Theater, Krankenhäuser. Die Neugier ist geweckt, aber wer macht solche Bilder? Viel zu gefährlich, wie blöd muss man sein, sich der Strahlung auszusetzen?

Prypjat

Riesenrad auf der Kirmes in Prypjat

Blöd ist nur der, der nichts weiß, also erstmal die Fakten gecheckt und nochmals gegengecheckt.
Dabei im Internet eine Aussage von Sven Dokter, Sprecher der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln gefunden, der eine offizielle, genehmigte Tour für gesundheitlich unbedenklich hält. Sein Argument: Als Tagesbesucher wird man bis zu 0,004 Millisievert zusätzliche Strahlenbelastung abbekommen, das ist weniger als auf einem Langstreckenflug, zum Beispiel Frankfurt – New York.
Oder ein anderer Vergleich: Vor dem Kulturpalast werden rund 1.000 Nanosievert gemessen. Um eine Strahlendosis von einem Millisievert zu erhalten, das entspricht dem deutschen Grenzwert für die zusätzliche Dosis, die ein einzelner Mensch pro Jahr durch die Nutzung von Strahlung etwa in Industrie oder Forschung erhalten darf, müsste man sich dort 1.000 Stunden aufhalten. Daher stelle auch ein mehrtägiger Aufenthalt in der Sperrzone von Tschernobyl grundsätzlich keine gesundheitliche Gefahr dar.

Bilder aus Tschernobyl findet man viele im Internet. Hier die Schule

Okay, wir machen das – Tschernobyl

Wir sind auf der Rückreise von der Mongolei über Russland nach Deutschland. Um Weißrussland zu umfahren, gibt es zwei Möglichkeiten. Nördlich über das Baltikum nach Polen oder südlich über Ukraine nach Polen. Wählt man den Weg über die Ukraine, fährt man fast an Tschernobyl vorbei.
Wir wählen die südliche Umfahrung und planen die Fototour durch Tschernobyl.

Schnell ist klar, die Stadt und das Kraftwerk darf nicht alleine betreten werden, es MUSS eine geführte Tour gebucht werden. Die Preisunterschiede sind enorm und – womit wir nicht gerechnet haben – es gibt Wartezeiten von bis zu mehreren Wochen.
Auf jeden Fall muss der Touranbieter eine Genehmigung beantragen, man will genau wissen, wer sich wann in der roten Zone aufhält und das dauert mindestens 2-3 Tage.
Ab 100,- Euro wird man im Bus ins Katastrophengebiet gekarrt, aber das ist nicht das, was wir wollen. Ich will Zeit zum Fotografieren haben, ohne das andere durchs Bild laufen. Also buchen wir die Tour exklusiv, 400,- Euro, alles komplett für zwei Personen.

Auf geht’s nach Tschernobyl und Prypjat

Am nächsten Tag werden wir um 7:30 vor unserem Truck abgeholt. Wir parken auf einem Hotelparkplatz in Kiew, vorher hatten mit dem Hotelmanager das Abstellen für den Tag geklärt.

Yegor, unser Fahrer und Tourguide spricht perfektes Englisch. Rund 150 km haben wir in seinem Toyota jetzt vor uns, bis wir Prypjat erreichen. Während der Fahrt bekommen Sabine und ich jeweils einen Geigerzähler ausgehändigt und die Nutzung erklärt.
„Ihr habt eine Tagestour gebucht. Für mich ist ein Tag 12 Stunden. Wir brauchen knapp 2 Stunden Fahrzeit hin und ebenso zurück. Heißt, wir haben 8 Stunden vor Ort. Die bekannten Fotografen buchen meist mehrere Tage, in 8 Stunden kann ich nicht alles zeigen, was ist euer Interesse?“
„Ich wäre gerne an Orten, an denen nicht die großen Busse halten. Aber wir haben ja, einen für uns recht teuren, aber doch den preiswertesten Touranbieter gewählt. Die Tour muss ja auch zum Preis passen.“ Ich versuche verschroben mitzuteilen, dass mir klar ist, dass wir nicht von top Highlight zu top Highlight gefahren werden.
„Das hat mit dem Preis nichts zu tun. Ich bin ein staatlich angestellter Führer und bekomme ein festes Gehalt. Es gibt hier keine privaten Führer. Die Vermittlung geht über private Agenturen, die ihre Büros in der Stadt haben. Ich weiß nicht, bei wem ihr gebucht habt und was ihr gezahlt habt. Ihr habt das schon richtig gemacht, auf den Preis zu achten, meine Leistung ist immer die Gleiche.“

Auf der Landstraße ist wenig Verkehr, wir kommen gut voran. Alle Fragen zur Sicherheit und Strahlenbelastung werden fachkundig beantwortet.

„Ich führe etwa 180-200 Gruppen jedes Jahr durch Tschernobyl und habe dann den Grenzwert der zulässigen Strahlenbelastung erreicht. Ich kenne die Stellen mit extrem hoher Belastung, dort dürfen keine Touristen hin geführt werden, und die mit mittlerer Belastung, an denen wir nur kurz bleiben und dann gibt es noch die leicht verstrahlten Bereiche.
Lange Hosen, langärmlige Pullis und Jacken schützen schon mal vor der alpha-Strahlung, die Kleidung ist Pflicht. Gefährlich ist Staub, den man durch Tritte aufwirbelt und einatmet oder verschluckt, daher die Staubmasken für einige Orte…“

Am Checkpoint

Wir erreichen den ersten Checkpoint. Hier werden akribisch die Genehmigung und die Pässe kontrolliert und ich erleide den ersten Schock.
Aus mehreren Bussen stolpern Touristen direkt an die aufgebauten Souvenirstände. Kaffeetassen mit dem Zeichen für Radioaktivität werden verkauft, T-Shirts mit dem Aufdruck „I survived Tschernobyl“ und Gasmasken liegen in der Auslage. Mir ist das zu viel Tourismus und ich bereue schon die Buchung.

Souvenirladen beim Zutritt in die rote Zone.

Souvenirladen in Tschernobly beim Zutritt in die rote Zone.

Der Kindergarten

Yegor stoppt seinen Toyota vor dem ehemaligen Kindergarten im Dorf Kopachi. Die Dielen knarren geisterhaft beim Betreten des Schlafsaals. Puppen liegen noch in den Kinderdoppelstockbetten, auf dem Boden Mal- und Vorlesebücher.
Alles sieht aus wie fluchtartig verlassen, aber so war es nicht. Am Samstag den 26.April 1986 morgens um 1:23 Uhr geriet der 4. Block des Reaktors bei einem Versuch, die Notkühlung zu testen, außer Kontrolle. Der rund 1.000 Tonnen schwere Reaktordeckel explodierte. An die Vorgesetzten meldete man, alles wäre unter Kontrolle.
Erst am Sonntag begann man mit der Evakuierung der Stadt Prypiat, 48.000 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. Damit dies schnell ging, sagte man den Bewohnern, sie brauchen nichts mitnehmen, in 2-3 Tagen sei alles von der Feuerwehr entkontaminiert und sie könnten zurück in ihre Wohnungen.

Kindertagesstätte in Prypjat

Kindertagesstätte in Tschernobyl – Prypjat

Die nachdenkliche Stille wird unterbrochen, draußen stoppt ein Tourbus mit 12 Touristen. Gelöste Stimmung, Selfies werden gemacht, die Puppen umgesetzt, wir gehen.

Im Supermarkt stehen die Tiefkühltruhen immer noch in einer Reihe, inzwischen verrostet.
„Vieles wurde geplündert“, erzählt Yegor, „die ersten Jahre war es verboten, hier her zu kommen, aber es wurde nicht bewacht und die Menschen waren dumm, wussten nichts von Strahlung. Diejenigen, die aus den Wohnungen die Fernseher und Möbel stahlen, waren nicht die ehemaligen Bewohner, die kannten die Gefahr. Es waren Menschen vom Land. Dann kamen Schrotthändler, rissen Elektrokabel und Wasserleitungen aus den Wänden.“

Verlassener Supermarkt in Prypjat.

Verlassener Supermarkt in Prypjat.

„Gab es eine Entschädigung für die Bewohner?“, will ich wissen.

„Ja, ich bin kein Freund der Russen, aber jeder hat eine neue Wohnung bekommen und alles Materielle wurde großzügig ersetzt.“ Und mit einer Pause fügt er hinzu: „Alles, bis auf die Gesundheit.“

Wir gehen durch die Schule, Schulbücher liegen auf den Bänken. Wir gewöhnen uns an den Anblick des Verfalls, die Schockstarre aus dem Kindergarten ist einem interessierten Entdeckerdrang gewichen.

Lost Place

Lost Place – Die Schule in Prypjat

Viele Gebäude sind zugewuchert, einstige Paradestraßen sind nur noch ein Trampelpfad durch dichte Vegetation. Die Natur holt sich die Stadt zurück. „Es wird jedes Jahr weniger, was ich zeigen kann. Immer mehr Gebäude sind einsturzgefährdet.“
Im Krankenhaus ist die Strahlenbelastung höher: „Hier nur kurz“, mahnt Yegor. Ein Teddy sitzt mit Gasmaske auf dem Kinderbett.

Teddy mit Gasmaske

Teddy mit Kinder-Gasmaske im Krankenhaus von Pyrpjat

Es stellt sich wieder ein beklemmendes Gefühl ein, dass auch auf dem nahen Rummelplatz nicht von uns weicht.

Auf der Fahrt raus aus der Roten Zone wird das Auto von Yegor durchsucht, der Unterboden mit einem Spiegel inspiziert und wir müssen durch eine Schleuse in der unsere Radioaktivität gemessen wird.
„Was soll das?“
„Es geht nicht um unsere Strahlenbelastung, dafür habe ich ja den Dosimeter, sondern man hat Angst. dass hier Terroristen radioaktives Material nach draußen schmuggeln.“

Lost Place - Kirmes in Tschernobyl

Lost Place – Kirmes in Tschernobyl

Puppe

Puppe auf der Fensterbank in der Kindertagesstätte in Prypjat

Wer sich für den Ablauf der Katastrophe in Tschernobyl interessiert, liest mal bei Wikipedia die Nuklearkatastrophe

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

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