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Türkische Bauern
Iran - Oman

Türkei – Der neue Tigerstaat

Die Grenzabfertigungen im neuen Gebäude sind überraschend schnell erledigt und wir fahren die ersten Kilometer in der Türkei, auf neuer vierspuriger autobahnähnlicher Straße. Istanbul, die Megacity, taucht nach ein paar Stunden Fahrt gen Osten am Horizont auf. Neubauviertel mit Wolkenkratzer entstehen, nicht ein paar, nein wie es aussieht werden hunderte von Hochhäusern in den Himmel gebaut.

Shoppingmall Istanbul

Moderne Einkaufsmalls in Istanbul

Istanbul wächst unaufhaltsam

Die Metropole wächst unaufhaltsam, schneller immer schneller und immer höher. 14.000.000 Einwohner sind es 2015 und trotz dem Wachstum in die Höhe beträgt ihre Ausdehnung in Ost-West Richtung bereits 150 Kilometer. In zwischen fahren wir auf einer achtspurigen Autobahn, fahren kann man es nicht nennen, eher „stop and go“. Der ganze Verkehr muss sich durch das Nadelöhr, eine der zwei Brücken über den Bosporus, zwängen. Auf dem linken Fahrstreifen werden Bananen und belegte Brote verkauft, Tempotaschentücher, Zigaretten, Wasser- und Kolaflaschen.
Eine dritte Brücke, ebenso mit acht Fahrspuren ist im Bau und soll Entlastung bringen. Die Pfeiler der Brücke sollen mit 322 Metern die höchsten der Welt werden und die knapp 1,5 Kilometer zwischen Europa und Asien überbrücken.

Der Sprung zur Industrienation

Während unsere Tachonadel wieder auf die 80ziger Marke klettert, rast rechts ein Hochgeschwindigkeitszug, ähnlich dem TGV auf neuer Bahntrasse an uns vorbei.
Wann waren wir das letzte Mal in der Türkei? 2010. Und ich habe den Eindruck es ist alles komplett neu und modern. Gigantische Einkaufszentren, Industriegebiete, Verwaltungshochhäuser, dazu die aufgeständerte Autobahn.
Fuhren wir vor fünf Jahren noch auf endlosen Landstraßen von Syrien nach Griechenland, geht es heute komplett autobahnähnlich von Europa bis zur iranischen Grenze. Und nicht nur die D 100 ist ausgebaut, auch Strecken vom Schwarzen Meer zum Mittelmeer sind neu entstanden.

Landstraße Türkei

Viele der Fernstraßen sind vierspurig

Neue Autobahn in der Türkei

Ich google mal nach dem Infrastrukturprogramm der Türkei, irgendwie kann ich das alles nicht glauben. Die tausende Kilometer Autobahn sind dabei so unbedeutend, dass sie nur am Rande erwähnt werden. Mit Fertigstellung 2015/2016 geht es um einen neuen Flughafen, den größten Europas, drei neue Atomkraftwerke, neue Gas-Dampf-Kraftwerke, Pipelines quer durchs Land und flächendeckende Verteilung von Erdgas.
In sämtlichen Grund- und Mittelschulen, rund 40.000, sollen alle Lehrer und Schüler Tablet-PCs erhalten und die Klassen an das Internet angeschlossen werden. 2016 sollen die letzten der neuen LCD Tafeln geliefert werden. Dazu wird das Internet auf High-Speed hochgerüstet.
Damit ist die Investitionsoffensive noch nicht beendet, internationale Industrieunternehmen sollen sich ansiedeln, Wissenschaft und Forschung in der Türkei einen Platz finden.
Und an keinem der Projekte steht „Finanziert in Kooperation mit EU“. Das haben die Türken ganz alleine geschafft und können darauf wohl zu Recht ein bisschen stolz sein. Gratulation und Respekt.

Erntezeit: Zwiebeln geschenkt

In den landwirtschaftlichen Gebieten Zentral- und Ostanatoliens ist Mitte Oktober Erntezeit.
Zuckerrüben werden mit hunderten von Traktoren zu zentralen Lagerplätzen gefahren, wo sich die Rüben in haushohen Bergen türmen und mit riesigen Baggern auf Lkws verladen werden. Danach fahren wir stundenlang an Zwiebelfeldern vorbei, die in Säcken zum Kauf am Straßenrand angeboten werden.
30 Kg – 15 Türkische Lira, umgerechnet 4,- Euro steht auf dem Preisschild.
Wir brauchen keine 30 kg, aber vielleicht bekommen wir auch nur drei Kilo. „Drei Kilo?“, fragt der zahnlose alte Mann und lacht. Er packt eine Plastiktüte voll mit Zwiebeln, wählt dabei die Besten aus und reicht sie Sabine. Auf meine Frage, was es kostet, bekomme ich nur ein Lachen. Hinter dem kleinen Verkaufsstand steht der Teekessel auf dem Holzfeuer. Einen Tee müssen wir noch mit ihm trinken und dann sind wir wieder unterwegs.

Die Fahrt geht vorbei an Sonnenblumen- und Kartoffelfeldern. Auch hier sind viele Traktoren mit voll beladenen Anhängern auf den Feldern und die Kartoffeln werden in Säcken am Straßenrand zum Kauf angeboten. Die Türken legen jetzt ihre Wintervorräte an. Überall wir Brennholz aufgeschichtet, Heu und Stroh mit Planen winterfest abgedeckt, Kartoffeln und Zwiebel in die Häuser geschafft und Kohl eingelegt.
Für die Nacht fahren wir wieder an eine einsame, von der Straße nicht einsehbare Stelle auf einen abgeernteten Acker. Dunkle Regenwolken schieben sich heran und in der Ferne zucken Blitze.
Mir gelingt ein Foto zum Fenster raus und wenig später prasselt Regen gegen die Scheibe und ein Unwetter bricht über uns herein. Am nächsten Morgen ist wieder Sonnenschein, aber wir brauchen alle Sperren, um uns vom Acker zu machen.

Gewitter in der Türkei

Gewitter in der Türkei, Sinnbild der Politik?

Bombenanschlag in Ankara

Lastwagen sind mit türkischen Fahnen geflaggt. Auch auf vielen Balkonen weht das rote Banner mit dem weißen Halbmond und dem einzelnen Stern. Beim Broteinkauf an einer Tankstelle wird uns der Grund klar, auf dem Fernseher läuft N-TV und die Szenen des schnellen Transports von Verletzten ins Krankenhaus wiederholen sich im Minutentakt.
Alle sind geschockt. Zwei Tage später gibt es immer noch keine Klarheit, wir sind weiter im Osten, im Gebiet der Kurden. Türkische Fahnen wehen hier keine, dafür steigen die Polizeikontrollen an den Hauptverbindungsstraßen. Keine normalen Streifenwagen stehen am Straßenrand, sondern gepanzerte Land Rover und vierachsige Radpanzer. Vier bis sechs mit Maschinengewehren bewaffnete Polizisten sichern den Kollegen, der die genaue Überprüfung durchführt. Familien müssen ihre vollgepackten Kofferräume ausräumen.

Das Englisch der Türken ist zu schlecht, als das eine Verständigung über politische Themen möglich wäre, nur einer sagt ganz offen: „Über 100 Kurden sterben und die regierende Partei beschuldigt die Kurden, das ist doch lächerlich. Das war es mit Erdogan, wir wollen nicht von einem Mörder regiert werden.“
Ein weiterer Lkw-Fahrer kommt hinzu, scheint eine andere Meinung zu haben und der Ton wird rauer. Es scheint, als gäbe es Streit. Ich stecke zu wenig im Thema, verstehe auch nichts von dem Wortwechsel und mache mich wieder auf die einsame Straße nach Osten.

Armut im Osten

Die ländlichen Gebiete werden sichtbar ärmlicher. Alte Traktoren, Häuser deren Dächer mit Planen abgedichtet sind. Kuhfladen sind getrocknet und in bienenkorbartigen Türmen, einem Trulli gleich, aufgeschichtet worden. Sie dienen einem Großteil der Bevölkerung im baumlosen Ostanatolien als Brennmaterial für den Winter.

Kuhdung als Brennstoff

Kuhdung als Brennstoff

Flächendeckende Erdgasversorgung, wie es im Infrastrukturprogramm steht, aber doch nicht hier. Wie soll die Bevölkerung, die mit Pappe ihre zugigen, einfach verglasten Fenster isoliert, die Gasrechnung bezahlen?
Ein Hirtenjunge, vielleicht 14 Jahre alt, hütet seine acht Kühe am Straßenrand. Seine Hosen sind zerschlissen, die Jacke löchrig, er raucht lässig eine Zigarette. Nächstes Jahr sitzt er mit einem Tablet-PC vor einer LCD-Tafel? Ich wünsche es ihm. Und noch viel mehr wünschen wir den Türken und den Kurden, dass sie einen Weg zum Frieden finden, denn ich mag sie sehr.

Ein paar Tage später ergab sich ein politisches Gespräch in “Kurdistan”.
Es wirft ein anderes Licht auf die Türkei. Liest du hier das Gespräch

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

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