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Landweg nach Indien

Kollisionskurs

Kollisionskurs

Nichts wie raus aus Katmandu. Vorbei an brennenden Autoreifen und protestierenden Jugendlichen. Wieder einmal ist ein Streik ausgerufen, der dritte in einer Woche.
Die zweispurige Fahrbahn verengt sich auf eine Spur. Das heißt aber nicht das man sich jetzt schön im Reißverschlussverfahren arrangiert, sondern jeder kämpft für sich. Jeder Zentimeter zählt. Wir, aber nicht nur wir, fahren einfach auf dem staubigen Seitenstreifen weiter, so lange es geht. Aber nach ein paar hundert Meter ist definitiv nur noch eine Spur verfügbar.
Ich will von dem Seitenstreifen wieder auf die Teerfahrbahn, rechts neben mir (Linksverkehr) der Pkw will mich einfach nicht reinlassen. Ich fahre mit einem Rad im Graben und mit dem Anderen in etwa in der Mitte der Teerfahrbahn. Er fährt etwa in der Mitte der Fahrbahn und mit dem anderen Rad auf der Gegenfahrbahn. Der Gegenverkehr weicht in den Graben aus. Kein Grund zur Sorge, das ist völlig normal hier. Wir fahren wegen des Rückstaus Schritttempo und es ist abzusehen, das der Pkw in den nächsten einhundert Metern nachgeben muss, sonst endet es in einem Crash. Er ist starrsinnig, ich bin es auch. Er hält den Kollisionskurs bei, gibt einfach nicht nach, ich auch nicht, warum auch? Mein Reifen ist schließlich so groß ist wie sein ganzes Auto.
CrashSelbst im letzten Moment ist er nicht bereit nachzugeben, fährt sich lieber das Auto zu Schrott. Na gut kann er haben.
Raaatsch – wir stehen Seite an Seite. In dem Auto waren drei Männer, die nun wild gestikulierend vor unserem Deutz stehen. Hinter uns wird gehupt, die Straße ist jetzt völlig dicht. Im Nu ist eine riesige Menschenmenge um uns versammelt. Zwei Verkehrspolizisten kommen von der nahegelegenen Kreuzung gelaufen. Alle diskutieren lautstark. Ich wundere mich, denn wir haben bisher viele Unfälle gesehen, die immer ganz einfach geregelt werden: Man tausch zwei – drei Minuten lang Höflichkeitsfloskeln oder ähnliches aus (keine Adressen) und trennt sich dann mit Vollgas. Seit dem Iran ist das gängige Praxis. Und das selbst bei deutlichen Blechschäden.
Ich warte drei Minuten ab und frage, ob ich fahren kann. Der Polizist befehlt die Straße frei zu machen und ein paar Meter weiter in eine Ausbuchtung zu halten. Mein Gegner behauptet tatsächlich, ich hätte ihn auf dem Seitenstreifen überholt, während er auf der richtigen Fahrspur fuhr und dann hätte ich ihn gerammt. Nun will er Geld für seinen zerkratzten Lack. Dabei habe ihn so sachte berührt wie ich nur konnte, es war mehr ein streicheln, fast liebevoll, das noch nicht mal eine Beule zu sehen ist. Meine Version lautet anders: Ich bin äußerst links gefahren und er hat mich überholt, dabei kam er immer weiter rüber zu mir, bis ich keine Möglichkeit mehr hatte noch weiter nach links zu fahren. Mein Reifen ist jetzt von seinem Auto schmutzig und für die Wäsche will ich umgerechnet 10 Euro von ihm, oder ich lasse meinen Deutz in Deutschland waschen und schicke ihm die Rechnung und die Wagenwäsche wird teurer als seine ganze Lackierung. Das mit den zehn Euro war als Spaß gemeint, bringt ihn aber sofort wieder auf die Palme.
Ein Student entschuldigt sich bei mir für die Probleme die ich habe. (Dabei habe ich zu meinen Problemen ja einen erheblichen Anteil beigetragen.) Seine Landsleute hätten keine Zivilisation und wollten jetzt Geld rausschlagen. (Genau wie ich.) Für mich ist die Sache klar: Jeder trägt die Schuld zur Hälfte, das bedeutet jeder trägt seinen Schaden. Er lässt seinen Wagen neu lackieren und ich meinen Reifen abwaschen.
Der Student fragt in die Menge, wer den Hergang gesehen hat, es melden sich einige. Wer war beim Crash vorne. Ganz klar ich war eine Stoßstangenlänge weiter vorne, das bezeugen alle. Damit ist die Schuldfrage geklärt: Ich bin völlig unschuldig. Hätte ich selbst nicht gedacht. Ich bedanke mich bei dem Studenten und den Zeugen und denke jetzt sei alles klar.
Doch der nette Student rät mir: „Sei vorsichtig, wenn er den Polizisten Geld gibt bist du schuld.“
Ich stehe etwas abseits, der Student drängt sich durch die Menschenmenge zu den Polizisten, die immer noch mit dem Schuldigen diskutieren. Er sagt ihnen, dass es mindestens 20 Zeugen gibt, die gesehen haben das ich vorne war und er von hinten kam. Kurze Zeit später kommen die Polizisten zu mir und erklären, dass es in Nepal nicht üblich ist, das der Unfallgegner die Reifenwäsche zahlt. Okay, ich verzichte auf die zehn Euro und wir können fahren.

Wir haben uns oft in Nepal gewundert, das selbst bei kleinsten Unfällen sofort eine Menschenmenge sich versammelt und teilweise sogar wegen einem umgefallenen Moped die Straße völlig blockiert ist.
Am Abend lernen wir einen gebildeten Nepali kennen, ihm erzähle ich die Geschichte und frage: „Wie kann es sein, das wenn 20 Zeugen den Unfallhergang eindeutig schildern, die Polizisten Geld nehmen und die Tatsachen verdrehen können.“
„Die Polizisten nehmen Geld und sagen dann, dass man mit zur Wache kommen muss, dort würde die Sache protokolliert. Auf der Wache gibt es dann keine Zeugen mehr, oder nur noch Bestochene und die Geschichte sieht dann ganz anders aus. Das ist normal in Nepal. Deswegen ist die Menschenmenge auch so wichtig, die Sache muss sofort geklärt werden, niemals auf der Wache. So wie bei euch in Deutschland, das man die Menschenmenge auffordert weiter zu gehen wäre hier undenkbar. Hier braucht man die Öffentlichkeit wegen der Korruption in den Amtsstuben.“

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

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