Sonnenuntergang in Marokko
2004 Westafrika

Zurück von Agadir nach Europa

Agadir

Wohnmobilfahrer erzählten uns von einem Platz bei Agadir, wo viele Rentner aus Deutschland, Frankreich und Spanien die Winterzeit verbringen. Einige hundert Wohnmobile sollen dort Monate am Strand stehen. Wir glauben es nicht und wollen uns diesen Platz ansehen. Wir fahren die Küstenstraße entlang und cirka 15 Kilometer hinter Agadir sehen wir einen riesigen Platz mit weißen Camp-Mobilen. Später erfahren wir, im Dezember waren über 2000 Wohnmobile hier. Wir finden einen schönen Platz direkt am Strand und wollen drei Tage bleiben, doch es werden über zwei Wochen.
Ein typischer Strandtag sieht so aus:
Acht Uhr aufstehen und ausgiebiges Frühstück in der Morgensonne. Dazu sind bereits in den frühen Morgenstunden von Händlern frische Brötchen geliefert worden, die man nachmittags bestellt und bezahlt. Auf unserem Platz wird im Laufe des Tages der komplette Supermarkt vorbei getragen, von der Ananas bis zur Zahnbürste, alles frei Haus. Man muss nicht mal zum Einkaufen den Liegestuhl verlassen. Wahnsinn.
Nach dem Frühstück faulenzen wir in der Sonne. Gegen elf Uhr gibt es das zweite Frühstück mit den Nachbarn in großer Runde. Meist quasselt man sich fest und erst wenn der Teilchen- und Kuchenhändler am frühen Nachmittag kommt (bei dem wir dann auch die Brötchen für den nächsten Morgen bestellen) merken wir, das es schon wieder Zeit ist, Kaffee zu kochen. Am späten Nachmittag sammelten wir sonst etwas Feuerholz am Strand, doch diese Arbeit lassen wir nun gegen geringe Gebühr von einem Marokkaner machen, der sich freut ein paar Dirham zu verdienen.
Nach dem Abendessen betätigen wir uns etwas körperlich, indem wir die Liegestühle an den Feuerplatz tragen und Feuer entfachen. Meist sitzen wir mit 8 bis 12 Leuten zusammen, manchmal auch nur zu viert. Es wird viel Wein getrunken und geraucht und gehascht (nicht von uns). Nur wenn die Whisky-Flasche kreist und mein Getränkehändler genügend Cola geliefert hat, kann es passieren, dass ich am nächsten Tag das erste Frühstück ausfallen lasse und gleich beim Nachbarn mit dem Zweiten beginne.
Die Zeit vergeht so schnell, man kommt nicht dazu etwas zu tun.

Europa

Spanien durchfahren wir in wenigen Tagen. In Andorra, dem kleinen Staat in den Pyrenäen, liegt Schnee. Wir holen dicke Pullover und Jacken aus dem Stauraum, die noch von einer Staubschicht aus der Sahara überzogen sind. In Frankreich regnet es. Tatsächlich, der Scheibenwischer funktioniert noch.
Hinter Lyon werden wir von einem Wohnmobil überholt. Der Fahrer gibt Zeichen zum Anhalten. Ich befürchte, wir haben wieder etwas verloren, oder irgendeinen Defekt.
Der Wohnmobilfahrer, ein Österreicher, ist ganz aufgeregt. Man hat gerade sein Auto aufgebrochen und seine Reisetasche mit allen Papieren und Geld gestohlen. Das Auto ist gar nicht ihm, sondern einem Freund, der einen Schlaganfall erlitten hat und nach Deutschland geflogen wurde. Er soll nur das Auto zurück fahren.
Wir laden ihn erst mal zu einem Kaffee zu uns ins Auto ein, langsam beruhigt er sich.
Er erzählt von seiner Familie zeigt Bilder seinen Kindern und dem Hund. Er ist Gastwirt am Donauradweg bei Linz, muss unbedingt nach Hause, weil in der Osterzeit das Geschäft brummt und seine Frau alleine damit nicht fertig wird.
Es ist Sonntag morgen, keine Bank hat geöffnet, wirklich dumme Situation. Nach fast zwei Stunden mache ich den Vorschlag, ihm Geld für zwei Tankfüllungen und die Autobahngebühr durch Frankreich zu leihen. Er ist überglücklich. Als Sicherheit gibt er mir eine Fotokopie seines Reisepasses und ich notiere mir sein Autokennzeichen.
In Deutschland angekommen können wir keine Geldeingang auf unserem Konto feststellen. Es stellt sich heraus, das die Passkopie gefälscht ist und die Adresse nicht existiert. Selbst das Autokennzeichen ist so falsch wie die ganze Geschichte. Das einzig Echte war das Geld, das ich ihm gegeben habe. Shit.
In Deutschland beginnt der Stress schon auf der Autobahn. Jeder drängelt, keiner hat Zeit. Obwohl die Tachonadel über 80 steigt, habe ich das Gefühl im Weg zu sein.
Der erste Stau. Wahnsinn, soviel Autos, dass man sie auf eine Länge von fünf Kilometer aneinander reihen kann. Ich glaube, soviel Autos gibt es in ganz Afrika nicht, und alles Botschafter, hohe UN-Mitarbeiter oder reiche Geschäftsleute, denn keines der Autos ist älter als 15 Jahre.
Im Supermarkt wollen wir all die Dinge kaufen, von denen wir in den letzten Monaten nur träumten. Süßigkeiten, Käse, Joghurt, Wurst. Wir können uns nicht entscheiden, soviel Auswahl, ich nehme einen Ananas-Joghurt und stelle ihn wieder zurück, doch lieber den mit Mangogeschmack. Letztendlich nehme ich beide und den Erdbeer-, den Kirsch- und den Vanille-Joghurt auch noch. Wir verbringen Stunden im Supermarkt und kaufen ein, wie besoffene Matrosen.
An der Kasse erinnere ich mich an die Autobahn. Obwohl ich mich beeile, meinen Einkauf in den Wagen zu packen, sind alle anderen schneller, wieder habe ich das Gefühl im Weg zu sein. An das Tempo werden wir uns gewöhnen müssen.

Afrika Buch Pistenkuh

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Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

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