Pretoria
Südliches Afrika

Pretoria – Im Puff

Wir gehen durch den Pick and Pay Supermarkt und ich suche mir in der Kühltheke ein schönes Steak aus, eingeschweißt, Vakuum verpackt.
Ein Mitarbeiter in Metzgerverkleidung steht neben mir und sammelt alle eingeschweißten Fleischstücke ein, deren Ablaufdatum das heutige Datum ist. “Hier kann man sich wenigstens noch auf Qualität verlassen”, denke ich mir.
Doch dann schiebt der Schwarze den Einkaufswagen mit dem abgelaufenem Fleisch in die durch Fensterscheiben getrennte, aber einsichtbare Fleischerei, entfernt die Verpackung und schweißt das Fleisch neu ein. Anschließend ein neues Etikett mit Verpackungs- und Haltbarkeitsdatum drauf und zurück ins Kühlregal. Ich lege mein Steak wieder dazu.

7 Minuten vor Neun in Pretoria

wir warten, der Checkers Supermarkt, ein großes Ding mit über 20 Kassen, vergleichbar mit Real in Deutschland, öffnet um neun, wir sind sieben Minuten zu früh.
Durch die Glastüre sehen wir, das bereits die Mädels an der Kasse sitzen und der Wachmann mit einem alten Stofffetzen seine Schuhe poliert. Neun Uhr, inzwischen warten etwa 20 Personen auf Einlass. Nichts passiert. Die Weißen fangen an zu schimpfen, die Schwarzen warten in aller Ruhe weiter. Drei Minuten nach neun: Die Kassiererinnen starren zur verschlossenen Tür. Die draußen wartenden werden unruhig. Der Wachmann erklärt das Problem: Der Supermarktleiter findet den Schlüssel nicht. Wir warten noch zehn Minuten und gehen dann zum Spar.

Hilfe auf burisch

Nachmittags auf dem Weg kurz vor Pretoria. Wir suchen einen Platz für die Nacht, möglichst kostenlos, also keinen Caravan- oder Campingplatz, sondern “wild” draußen auf dem Acker.
Nach den Regenfällen der letzten Tage stehen die Felder teils unter Wasser, also Vorsicht.
Und dann, keine 50 Meter von der Hauptstraße entfernt steht ein Mercedes Rundschnautzer bis zu den Achsen im Morast. Vier Schwarze schaufeln und ein Weißer, der mit einem Pick-up anreiste, gibt Anweisungen.
“Komm, den ziehen wir gerade mal raus.”
Der Bure ist erfreut, schüttelt mir die Hand, und schimpft auf den schwachsinnigen Fahrer, der mit dem Lkw in die nasse Wiese gefahren ist. Selbst den Schwarzen ist die Fröhlichkeit verloren gegangen. Jetzt stehen sie da mit gesengtem Kopf und lassen die Hasstiraden ihres Chefs über sich ergehen.
Unser Deutz steht sicher und Sabine fährt das Windenseil aus.
“Was muss ich zahlen, wenn ihr mich raus zieht”, will der Bure von mir wissen.
Ich wundere mich über die Frage und wollte schon “Natürlich nichts” sagen, sage dann aber: “Wir suchen einen Platz für die Nacht, wir brauchen nichts, kein Strom, kein Wasser nur einen Platz.” “Kein Problem, ihr könnt auf meinem Hof stehen.”
Eine halbe Stunde später ist der Lkw wieder auf Teer. Die Schwarzen strahlen, meine Hose und Schuhe haben die Farbe des Schlammlochs, zwei Liter Diesel sind aus dem Tank verfeuert und die Seilkausche etwas demoliert, weil es keinen ordentlichen Punkt der Befestigung an dem Mercedes gab.
“Macht nichts”, sage ich zu Sabine, “dass können wir bestimmt gleich auf dem Hof reparieren.”
Wir folgen dem Pick up des Buren, der nach 500 Metern in ein Grundstück einbiegt.
“Hier wohnt ein guter Freund von mir, hier könnt ihr stehen.” Doch der Freund ist kein guter Freund und wir können nicht auf seinem Grundstück stehen.
“Egal, ihr fahrt etwa 800 Meter zurück, gleich hinter der Brücke ist ein Cafe, da könnt ihr stehen, bestellt schöne Grüße von Karl van Boek, der Besitzer ist ein guter Freund.” Der Bure setzt sich in seinen  Pick-up und rast in die entgegengesetzte Richtung davon.
“Der doofe Arsch”, denke ich mir und starte den Deutz.
Fünf Minuten später öffne ich die Tür des Cafes und meine Augen müssen sich erst an das Schummerlicht gewöhnen, bevor ich die leicht bekleideten Mädels in den Rauchschwaden erkennen kann. Ich stehe mitten im Puff. “Na mein Süßer, setz dich doch zu uns, möchtest du was trinken?”
“Karl van Boek schickt mich, er ist ein guter Freund vom Chef.” “Ich bin hier die Chefin”, sagt eine der – nennen wir sie mal – Damen. “Einen Karl van Boek kenne ich nicht, aber Namen sind bei uns auch nicht so wichtig, worum geht es denn?” “Ich suche einen Platz für die Nacht und habe bei Karl noch etwas gut, er meint ich könne hier übernachten.”
“Übernachten?” Die Dame guckt mich an, als hätte ich irgendeinen perversen Wunsch geäußert. Die Situation ist schnell erklärt und wir können hinter dem “Cafe” auf dem Parkplatz für die Nacht bleiben.

“Ich geh noch mal zu den Nutten nen Kaffee trinken.”
“Bleib nicht zu lange, in einer halben Stunde gibt’s Essen”, ist Sabines Antwort.

Im Puff

Kaffee gibt’s keinen, also sitze ich am Tresen nehme eine Cola und werde gleich von den fünf männlichen Gästen im Lokal angegafft. Die Lady fragt zwei mal nach, ob wirklich kein “Brandeweyn” in die Cola kommt. Ich verstehe die Sprache nicht, aber einer der biersaufenden Männer muss wohl einen Scherz über meine Alkoholabstinenz gemacht haben. Alle lachen und jeder setzt noch einen drauf. Ich muss eher über das Animationsprogramm schmunzeln, das auf dem Flachbildschirm über der Bar flimmert. Statt situationsgerechter Filme, die für eine Anregung sorgen, ihr wisst schon welche Filme ich meine, flimmern dort Tierfilme, wie man seinem Hund Zecken fachgerecht entfernt oder auf Pirsch mit einem Rancher im Nationalpark. “Das ist doch kein Puff”, geht es mir durch den Kopf.
Auch die Damen lassen Zweifel aufkommen. Ihre Figur, man könnte sie – angetrunken und im Schummerlicht – als Rubensdamen umschreiben, passt einfach nicht in das Beuteschema der meisten Männer, aber vielleicht ticken auch hier die Buren anders?
Eine Schwarze (gutaussehend, aber für Geld nicht zu haben) kommt zur Tür herein, und bringt einen Teller Bratwurst mit Pommes zu einem der Herren. Sie hat eine kleine Küche im Nebenhaus und scheint so eine Art Cateringservice zu betreiben. Irgendwelche doofen Witze und Anspielungen bezüglich der Bratwurst folgen und alle grölen. Sie reagiert nicht.
Das Trinkgeld lässt er absichtlich auf den Boden fallen. Als sie sich nach dem Geld bückt,
ist das eine gute Gelegenheit, wieder ein paar Witze auf ihre Kosten zu machen und alle machen mit.
Ich habe genug von Zecken gesehen, zahle meine Cola (umgerechnet 35 Eurocent, ja richtig gelesen) und bin pünktlich zum Abendessen zurück.

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

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