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Postgebäude in Marokko
Marokko

Marokko – Post: Kurz vor dem Platzen

Andere treten den Fernseher ein, schmeißen die Kaffeetasse an die Wand oder zerreißen das Tischtuch. Jeder hat seine Art, sich abzureagieren. Ich brauche dafür eine Tastatur oder ein Schreibblock und Tinte für mindestens acht Blatt. Ich reihe einfach Buchstaben aneinander, denke dabei nicht viel an Political Correctness, der ein oder andere kassiert dabei auch mal eine Titulierung, die er sich verdient hat. Ist mir auch egal, ich reagiere mich einfach ab.

Der Chef wird warten

Jetzt ist so ein Moment, die Halsschlagader pocht noch, vor fünf Minuten war ich bei der Post, der marokkanischen Post. Das Problem ist schnell erklärt: Ich habe unseren Kopter geschrottet, ärgerlich genug, jetzt muss ein Teil zur Reparatur nach Deutschland gesendet werden. Kosten spielen keine Rolle, es muss nur schnell gehen. Der Chef von Eaglelive sicherte zu, das Teil notfalls nachts zu reparieren, damit es auf jeden Fall am 9. Dezember mit einem Kurier, der sowieso nach Agadir fliegt, zurückkommt.
Ich gebe Gas, demontiere das schadhafte Teil und bringe es in Agdz zur Post. „Speed-Express, maximal vite, Tempo Tempo Tempo.“ Der Postbeamte begreift schnell und erklärt: „Wenn ich es hier aufgebe, geht es erst morgen mit dem Auto nach Ouarzazate, dann ist der Flieger aber weg. Kostet um die 40 Euro und braucht 5 Tage.“
„Okay, was kann man tun?“ „Sie können es jetzt selber nach Ouarzazate bringen, ich rufe dort mal an.“ Er telefoniert mit dem Chef der Expressstelle. „Wow“, denke ich, „der ist fähig.“
Der Chef wird warten bis wir kommen. Es sind knapp 80 Kilometer zu fahren und es ist nachmittags um drei.

Der Steyr bekommt die Sporen und wir galoppieren nach Ouarzazate. Die Hauptpost in der größten Stadt an der Straße der Kasbahs ist schnell gefunden. Ich parke im Halteverbot direkt vor der Post. Der Polizist ist freundlich, statt zu pfeifen bringt er uns durch den Hintereingang direkt zu Monsieur Habibi oder so ähnlich.

Chaos-Büro

In seinem Büro sieht es aus wie Dresden 45. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein solches Durcheinander gesehen habe. Vielleicht nach einem Kindergeburtstag von Vierjährigen, denen man 100 Kartons in unterschiedlicher Größe zum Spielen gegeben hat. Absolutes Chaos. Auf jedem Karton kleben Aufkleber mit dem Schriftzug „priority mail“.
„Ah, kein Problem wir haben noch Zeit, das Flugzeug geht erst morgen.“ „Wie lange braucht es?“ „Vier bis fünf Tage, maximal sechs Tage, je nachdem wie schnell die Post in Deutschland zustellt.“
„Okay, das passt.“ Wir kaufen einen Karton, verpacken das Teil und füllen den Aufkleber für „Priority Mail“ aus. „Das macht 690 Dirham.“ „So viel? Das sind fast 65 Euro, das Päckchen wiegt nur 1,2 Kilo.“
„Ja, wenn es schnell gehen soll, geht es per Luftfracht nach Marrakesch und von dort direkt mit dem Flugzeug nach Deutschland. Für 390 Dirham wird es nach Marrakesch gefahren, das dauert aber länger.“
„Okay, fliegen, es muss schnell gehen, da spielen 30 Euro mehr keine Rolle“.
„Ja, ja, das geht ganz schnell, hier ist die Sendungsverfolgungsnummer, im Internet könnt ihr sehen, wo euer Päckchen ist.“
Geschafft, das Päckchen ist auf der Reise. Jetzt bin ich entspannt, spätestens Montag ist es bei Eaglelive. Den Rücktransport kläre ich morgen, erstmal ins Cafe einen Milchkaffee in aller Ruhe genießen.
Wir übernachten außerhalb von Ouarzazate in der Nähe des Flughafens. Abends startet eine Passagiermaschine, ich sehe ihr lange nach, da fliegt unser Päckchen. Freitag will ich wissen, wo mein Päckchen ist, aber im Internet komme ich mit meiner Nummer nicht weiter. Das ist nichts Besonderes, es liegt an meiner Blödheit. Samstag fahren wir zur Post, damit Herr Habibi mal im Computer mein Päckchen verfolgt. Die Post hat geschlossen, Wochenende. Eine Nacht auf’s Camp, abends in die Stadt ein paar schöne, fette Hammel-Spießchen essen, einfach das Leben leben.

Jetzt ganz ruhig bleiben

Am Montag haben wir dann zwei Optionen, ich könnte bei Eaglelive anrufen, ob das Päckchen angekommen ist und den Umfang der Reparatur klären oder ich könnte gerade noch mal bei der Post vorbei fahren und im Internet gucken. Die Post liegt auf dem Weg, also sparen wir das Telefongeld und fahren zu Herrn Habibi. Der Wachmann führt uns ins Chaosbüro. Ein Wunder, es ist aufgeräumt, alle Päckchen sind weg, bis auf drei und meines liegt auf dem Boden vor seinem Schreibtisch.
„Jetzt nur die Contenance bewahren“, geht es mir durch den Kopf. „Wenn du jetzt tust was du willst, gehst du zwei Jahre in den Knast. Bleib einfach ruhig, zähle erstmal langsam bis drei, bevor du etwas sagst. In fünf Minuten bist du am Rechner und kannst lostippen, aber jetzt ganz ruhig.“
„Warum?“ Mehr will ich gar nicht wissen.
„Die Straße nach Marrakesch ist nach den Unwetter nicht zu befahren.“
„Ich habe doch fast den doppelten Preis gezahlt damit mein Päckchen fliegt.“
„Ich regele das. Kein Problem. Alles kein Problem. Ich regele das. Maximal fünf Tage.“
Er schnappt sich mein Päckchen unter den Arm, gleichzeitig kramt er sein Handy raus und während er telefoniert, rennt er zur Straße. Wir hinter her.
Ein Mercedes Taxi Typ 240d wird gestoppt und mein Päckchen rein gereicht.
Zu mir gewandt: „Das geht jetzt sofort mit Taxi zum Bus und in Marrakesch wieder mit Taxi zum Flughafen. Alles kein Problem, maximal fünf Tage, maximal. Alles vite vite vite.“

Während ich diese Zeilen schreibe fährt mein Päckchen Taxi. In maximal fünf Tagen wird ein schrottreifer 240d bei Eaglelive auf den Hof fahren und ein Marokkaner mit Fünftagebart wird Borris ein Päckchen „Luftfracht“ in die Hand drücken.
Möge es so sein.

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Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

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