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Marokko

Steinewerfer in Marokko

Nach zwei Jahren ohne nennenswerten Tourismus freuen sich die Marokkaner über jeden Gast der kommt. Und dann so etwas. Folgende Nachricht erreichte mich Anfang der Woche:
 
Hallo Sabine, hallo Burkhard,
 
ich bin mit Eurem Buch in Marokko unterwegs und habe einige Pisten im hohen Atlas gefahren. Zuletzt die Route, die beim Cirque de Jaffer vorbei führt. Phantastisch! Ich stimme der 5 Sterne Bewertung voll zu.
 
Im Canyon war zunächst alles gut. Ich habe nicht so viel Erfahrung und mein Jeep Cherokee ist 30 Jahre alt und komplett ohne Umbauten. Aber es ging, mit viel Aussteigen und Guggen und Steine legen.
 
In der Mitte der Schlucht hat sich mir dann ein Berber als Guide aufgedrängt. Sein Spotting war eher schlampig. Die Probleme gab es immer auf seiner Seite. Ich war trotzdem froh, dass er da war, weil dicke Felsbrocken und ganze Bäume den Weg versperrten. Wir konnten die Hindernisse zu zweit gerade so bewegen. Alleine hätte ich das höchstens mit dem high lift jack geschafft. Inzwischen ist mir klar, dass er und seine Kumpels die Hindernisse dort platziert hatten. Sie lagen immer an den engsten Stellen. Bei den Bäumen wäre man noch nicht mal mit dem Motorrad vorbei gekommen.
 
Zum Dank gab ich ihm die üblichen Geschenke und Gefälligkeiten. Euro tauschen, Handy laden, mit fahren. Anfangs freundlich wurde er zunehmend unverschämter und aufdringlich. Ich war froh, als ich ihn im Cirque de Jaffer endlich los werden konnte.
 
Am Abend, viele km weiter kam es noch schlimmer. Ich war am Kochen. Der Typ kam angelatscht und war sehr aufdringlich und nervig. Ich verlor die Contenance und schrie ihn an er möge abhauen. Dann ist der völlig ausgerastet, warf dicke Steine nach mir, schmiss meine Sachen durch die Gegend und riss meine Autotür so gewalttätig auf dass ich jetzt zum Karosserie Melem muss. Das Geschreie und Steine schmeißen ging sicher eine Stunde. Ich konnte ihn schließlich beschwichtigen mit gut zureden und Geld Geschenken. Ich bin mit ein paar Schrammen und blauen Flecken davon gekommen. Aber es hätte ganz leicht böse ausgehen können.
Ich reise schon seit 30 Jahren nach Marokko und hatte ein paar Situationen. Aber nichts annähernd so Schlimmes.
Wäre eurer Meinung nach eine Anzeige bei der Polizei sinnvoll? Ich will aber nicht, dass aufgrund dessen die schöne Strecke gesperrt wird.
 
Unsere Antwort darauf, wobei mich auch eure Meinung interessiert, schreibt sie einfach mal zur Diskussion als Kommentar.
 
Eine Anzeige bei der Polizei wäre möglich, ich denke nicht, dass aufgrund dessen die Strecke gesperrt oder das freie Campen verboten bzw. massiv geahndet wird.
Aber aus Erfahrungen anderer weiß ich, dass eine Anzeige nichts bringt.
Einem Freund wurde durch Steinewerfer auf der Asphaltstraße der Aufbau beschädigt (Riss im GfK). Die Anzeige bei der Polizei zog sich 7 Stunden hin. Erst musste jemand gefunden werden, der Englisch ins arabische übersetzt. Dann wurde ein Protokoll von Hand geschrieben, langwierige Aktion. Dieses Protokoll wurde dann von einem anderen Beamten in den Computer getippt, eine ebenso langwierige Aktion. Der Ausdruck musste dann vom „Chef“ unterschrieben werden, ebenso langwierig. Und dann gab es endlich die Ausfertigung. 
Ich vermute, damit war der Fall für die Polizisten auch erledigt.
 
Meiner Meinung nach bringt es mehr, das Erlebnis bei Campingplatzbesitzer zu erzählen oder jenen die vom Tourismus profitieren und ihnen die Konsequenz klar zu machen, dass solche Erlebnisse in der heutigen Zeit sehr schnell in 4×4-Foren und Reise-Foren in Deutschland und Frankreich verbreitet werden und viele abschrecken, das betreffende Gebiet in Marokko zu besuchen.
 

Und gerade erreicht mich eine E-mail, in der die gleichen Erfahrungen geschildert werden:
Wir haben euren Post zum Steinewerfer im Cirque de Jaffar gelesen und möchten unsere Erfahrung per Mail mit euch teilen, vielleicht hilft sie auch der Person, die euch ursprünglich schrieb.

Vor ca. zwei Wochen haben wir selbst den Track durch die Schlucht zum Cirque de Jaffar gemacht. Fahrzeug ist ein VW LT 40 4×4 mit umgebauten Fahrwerk und für Fahrzeugklasse 2 recht viel Bodenfreiheit. Soweit, so gut.

Mitten in der Schlucht, als wir mal wieder darüber staunten, was wir zu zweit für Steine, Felsbrocken und große Baumstämme aus dem Weg räumen können oder uns mit Steinen wiederum Brücken und Rampen über andere Hindernisse bauten, kam uns ein belgischer Motorradfahrer mit drei Herren der Royale Gendarmerie entgegen. Er war wenige Stunden vorher eigentlich auf dem Weg nach Imilchil und wurde von zwei Männern (Berber/ Nomaden) auf eben diesen Weg durch die Schlucht gelockt, weil seine präferierte Route angeblich gesperrt gewesen sei. Im naheliegenden Nomadendorf wollten die „Guides“ ihn auf einen Tee einladen und in eines der Häuser bitten, doch er lehnte ab und so lockten sie ihn weiter in die enge Schlucht.  Dort stürzte er nach eigener Beschreibung wohl immer wieder mit dem Motorrad, weil die Strecke derartig schwierig für ihn war. Nichts aufregendes, aber dennoch ärgerlich. Die Guides lockten ihn wohl auch immer mal wieder vom Motorrad weg, er solle schauen, ob der weitere Weg für ihn machbar sei. Bei solch einer Gelegenheit stahlen sie ihm dann seine gesamte Reisekasse mit einem nicht unerheblichen Betrag in Euro und ließen ihn allein in der Schlucht zurück.

Nachdem er es aus der Schlucht herausgeschafft hatte, suchte er sich Hilfe bei der Royale Gendarmerie in Midelt. Die Herren Gendarmen fuhren daraufhin mit ihm in die Schlucht, um nach den Tätern zu suchen, wo wir sie trafen. Im Nachgespräch mit den Gendarmen stellte sich heraus, dass die meisten Bauten der Nomadenansiedlung verlassen sind und somit die Tee-Einladung eigentlich schon den Diebstahl ermöglichen sollte. Der investigative Trupp konnte mithilfe von Fotos und Personenbeschreibungen der Täter (beides gemacht vom belgischen Reisenden) wohl Verwandte in der Nähe ausfindig machen. Leider wissen wir nicht, wie die Geschichte weiter ausging, da sich die Wege außerhalb der Schlucht trennten.

Letztendlich teilen wir den Eindruck aus eurem Post, dass so manche der Hindernisse (Baumstämme, Felsblöcke usw.) in der Schlucht positioniert sind und nicht zufällig die Fahrspur versperren. Natürlich ist es hier und da eng und fahrerisch herausfordernd, aber ein stetiges Neubauen des Weges nahm uns zuletzt die Freude am Track, was natürlich auch an den Hiobsbotschaften der Gendarmen lag. Ebenso bekamen wir den klaren Hinweis nicht die Nacht im Gebiet um das Tal zu verbringen, schade, denn genau das war unser Plan.

 

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

This article has 11 comments

  1. Muriel

    Also, ich habe durchaus die Erfahrung gemacht, dass es was bringt, das zu melden. Allerdings eher bei Kindern als bei Erwachsenen. Kinder, fühlen sich – wie Erwachsene ja meist auch – in der Gruppe sicher, weshalb es meist dann zum Steinschmeißen kommt, wenn sie zusammen unterwegs sind, z.b. bei Schulschluss. Ich wurde Gott sei Dank seit langem nicht mehr beworfen, früher jedoch bin ich (nie direkt im Anschluss, das war mir zu gefährlich, weil die ja in Horden um mich herumschwirrten mit Steinen in der Hand) in die nächstbeste Schule gefahren und habe mit dem Lehrer gesprochen und bin dann mit dem Lehrer zum Caid. Das hatte dann deutliche Konsequenezn für die Kinder. Einmal kam sogar ein Entschuldigungsschreiben vom Dorf-Caid.
    Sicherlich ist es richtig, es auch Campingplatzbesitzern etc. zu erzählen, und allen, die vom Tourismus leben. Aber wenn man den Dorf-Chef nicht im Boot hat, bringt auch das letzten Endes wenig.
    Ich hoffe, das passiert Euch so schnell nicht wieder, denn eigentlich ist es ja die Ausnahme (Gott sei Dank) und nicht die Regel. Liebe Grüße, Muriel

  2. Benhassi Simone

    Ich bin mit Murieln einverstanden. Dieser Vorfall sollte unbedingt der Gendarmerie Royale gemeldet werden. Ist wie die Typen, die eine Panne vortaeuschen um anschliessend die nicht Eingeweihten abzuzocken. Wenn niemand was meldet, werden diese Leute so oder noch schlimmer weitermachen.

    • Simone Benhassi

      Ah habe vrgessen:
      Ich wuerde diesen Steinwerfervorfall auch dem CRT Draa-Tafilalet und der naechsten Delegation des Tourismus-Office ONMT schriftlich melden. Vielleicht sogar der Deutschen Botschaft. Je mehr Behoerden involviert werden, je groesser der Druck auf die Gendarmerie.

  3. dirksen1

    Vor den Six Dunes waren auch wir duircjh diverse Foren und andere Medien auf diese Vorfälle aufmerksam. Glücklicherweise haben wir außer aufdringlichen Kindern keine solchen Situationen erlebt.
    Gleichwohl macht dieses Erlebnis nicbt gerade Lust darauf, erneut (und dann allein) noch mal nach Marokko zu fahren und erst FREcht das freie Campen zu unterlassen. Schade…da wartet man mehrere Jahre, um mal dorthin zu fahrwen und dann sowas…
    Ich würde es vor Ort wohl auch an möglichst viele Stellen melden und freue miuch, dass den Betroffenen nichts Schlimmeres passiert ist.

  4. christian hennek

    Möglicherweise bringt es etwas, die Geschichte dem Auswärtigen Amt zu melden. Vielleicht ist das ja nicht der einzige Vorfall. Falls das in die dortigen Reisewarnungen aufgenommen wird, hätte das eine ziemlich hohe Relevanz und Reichweite.

    Zusätzlich würde ich das Geschehen in einem den üblichen Foren schildern, inklusive aussagekräftiger Bilder. Das würde zusätzlich andere Marokko Reisende warnen, falls die Sache unseren Behörden nicht so wichtig ist. Besucher, die jetzt erst los ziehen wären dann vorbereitet, was kommen kann. Falls es rabiat wird, hat man dann beizeiten schon was zurecht gelegt.

    Alles in allem sind solche Erlebnisse sicherlich die Ausnahme, nicht die Regel. Kann einem auch mitten in Europa passieren.

    • Erika Därr

      Sorry, dem Auswärtigen Amt melden, weil man auf einem Track (nichtmal Piste) die nur für Offroad-Fahrer geeignet ist, belästigt oder zur Kasse gebeten wird, ist der falsche Weg. Diese Piste war schon vor 40 Jahren in der Schlucht miserabel und die Leute dort sind bettelarm. Sie haben von Offroad-Touristen rein gar nichts. Otto Normal-Tourist fährt da sowieso nicht hin, also warum sollte man das dem Auswärtigen Amt melden?
      Dann pauschaliert das Amt wieder in seinen Warnungen und erklärt gleich das ganze Land für gefährlich. Da geht der Schuss nach hinten los. Je weniger die Leute durch den Tourismus verdienen, umso mehr müssen sie versuchen, sich anderweitig zu versorgen. Überfälle sind der falsche Weg, aber wie sollen sie überleben? Von der Regierung kommt in die Region auch kein Geld und die Region Midelt Tounfite ist halt meist nur Durchgangs-und selten Reiseziel. Die Vorkommnisse erinnern mich an die Tuareg-Überfälle in den 90ern in der Sahara und überall in der Welt wird in abgelegenen Gebieten von den Touristen abkassiert, so auch bei den Oromo in Äthiopien oder bei sonstigen abgelegenen Zielen. Man sollte vielleicht sein Reiseverhalten hinterfragen? Zur falschen Zeit am falschen Ort? Diese Gebiete meiden oder nur mit einem offiziellen einheimischen Guide. Das ist im Niger und Tschad in der Sahara auch so und auch in Algerien. Marokko ist weitestgehend gut besiedelt und keine Offroad-Spielwiese. Auch wenn es traurig ist, aber vielleicht sollte man die Strecke streichen oder im Buch warnen. Wir werden das machen, wenn es eine Neuauflage geben sollte. 99% der Gegenden in Marokko sind problemlos zu bereisen, aber die Marokkaner sollten auch am Tourismus verdienen, wenn sie das nicht tun, staut sich Ärger auf.

      • petrec

        Erika Därr, ein gutes Statement!!

      • christian hennek

        Die ach so armen Marokkaner könnten den Touristen eine Infrastruktur bieten, für die sie gern bezahlen. Sichere Plätze zum Campieren zum Beispiel. Anstatt es mit plumper Wegelagerei zu versuchen.

        • petrec

          „Die ach so armen Marokkaner könnten den Touristen eine Infrastruktur bieten, für die sie gern bezahlen“….Ähm…Maroc hat gerade 100.000.000 Euro in den Ausbau des Tourismus investiert!! …evtl. sind die Wünsche des einen oder anderen dabei nicht berücksichtigt worden. Sichere Resorts gibt es aber viele, mit verlässlichen Guides und Offroadtourenangebote!

  5. Michael

    ich denke auch das eine Anzeige bei der Polizei was bringt, denke auch das es da auch lokale Unterschiede gibt. Wir hatten einen Einbruch in unser Fahrzeug vor dem Supermarkt in Nador. Dank der Alarmanlage die zeitverzögert losging konnte einer der Einbrecher gestellt werden. Schaden 2000€ am Fahrzeug. Die anwensenden Marokkaner rieten dringend zu einer Anzeige bei der Polizei. Sie meinten nur wenn diese Kriminellen aus dem Verkehr gezogen werden wird das in letzter Zeit immer häufig auftretende Problem angegangen. Wir haben das dann auch gemacht, die Polizei kam und verhaftete den Einbrecher. Das Protokoll war nach ca. 2h erledigt. Aber auch der Tipp mit dem Berichten an die örtlichen Gewerbetreibenden bringt evtl. noch mehr. Ich denke aber daß das Reisen in Marokko nicht mehr so entspannt sein wird wie früher.

  6. HORST WALLBAUM

    EIN BILD SAGT MEHTR ALS TAUSEND WORTE.ALLES PER BILD FESTHALTEN UND DANN DER POLIZEI UND AUF CAMPING PLAETZEN ZEIGEN

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