Iran - Oman

Iran – Land der Angst

Für die Einreise nach Iran wählen wir einen kleinen Grenzübergang. Er liegt zwar nicht auf der direkten Linie, dies wäre der Übergang Bazargan bei Dogubayazit, sondern etwas weiter im Süden, im Gebiet der Kurden. Die Militärpräsenz ist hier deutlich höher als im Rest der Türkei, doch scheinbar muss es neue Anweisungen gegeben haben. Während 2010 noch an jedem, wirklich an jedem Checkpoint unser Auto inspiziert wurde, werden wir heute an jedem Kontrollpunkt durchgewinkt.

Armeefahrzeug der Türken

Leicht gepanzertes Armeefahrzeug der Türken

Der Grenzübergang ist erst seit wenigen Jahren für Reisende mit Fahrzeug geöffnet und auch nur von 10-14 Uhr, aber die Formalitäten gehen hier besonders schnell und unkompliziert. Wir brauchen keine Stunde und wir sind im Iran. Von einer Dieselsteuer war keine Rede, „sonstige Kosten“ fielen auch nicht an und so summieren sich die Kosten der Einreise auf 0,00 Euro.

Echte Fernfahrer

Einen 100 Türkische Lira Schein, umgerechnet 30,00 Euro haben wir in der Türkei nicht ausgegeben und mit in den Iran gebracht. Um den Schein schnell und unkompliziert in Rial zu verwandeln, halten wir an einem Truckstop. In einer kleinen Gruppe stehen vier Sattelzüge mit türkischem Nummernschild. Die Männer stehen im Halbkreis um ein geöffnetes Staufach am Auflieger. Beim näher kommen sehe ich den Kessel auf dem kleinen Gaskocher und vier Teegläser.
Der 100 Lireschein ist schnell gewechselt, der Kurs für mich günstig, ein Geschäft war das für den Fahrer wohl nicht. Eigentlich müsste ich die Fahrer aus Dank zum Tee einladen, aber es geschieht anders herum. Sabine kommt hinzu und gemeinsam verlagern wir die Teerunde in einen kleinen Laden, etwa so groß wie eine Doppelgarage. Türkisches Fladenbrot wird gereicht, Fetakäse, Oliven, dazu starker, schwarzer Tee.

Frühstück

Essen mit Lkw-Fahrer

Einer der Fahrer spricht französisch, weil er jahrelang die Strecke Ankara – Paris gefahren ist und so ist eine Verständigung relativ leicht möglich. Jetzt fährt er seit zwei Jahren die Strecke von Istanbul nach Duschanbe in Tadschikistan. Eine Strecke sind rund 5.800 Kilometer. Wenn es an den Grenzen gut läuft, schafft er es in 8-10 Tagen (Sonntagsfahrverbot gibt es in den Ländern nicht) und dann wieder 8-10 Tage zurück. Solange er Fernverkehr fährt, hat er noch kein Jahr weniger als 200.000 Kilometer abgerissen. Sein Kollege ist von Ankara auf dem Weg nach Usbekistan, die anderen Beiden von Erzurum nach Teheran.

Iran – Land der Angst

Die Menschen in Iran sind freundlich, viele winken uns zu oder rufen „Welcome to Iran“. Selbst bei der Einreise waren die ersten Worte des Grenzbeamten: „Welcome to Iran, please your passport.“
Unterwegs möchten wir Feldarbeiter fotografieren oder in der Bäckerei filmen, nie war es ein Problem und für einen Iraner wäre es undenkbar, dafür nach Geld zu fragen. Im Gegenteil, jedes Mal verlassen wir das Feld mit dem, was geerntet wird in der Hand oder einer großen Tüte Brot.
Die Gastfreundschaft und die Freude, Fremde im Land zu sehen, zieht sich wie ein roter Faden durch jeden Winkel des Landes.
„Iran, ist das nicht gefährlich?“, wurden wir vor der Reise oft gefragt. Ich habe mich über die Frage immer gewundert, denn jeder der in Iran war, berichtet das Gleiche von den liebenswerten, hilfsbereiten Menschen. Woher kommt die Angst? Ich habe es mir bis vor kurzem nicht erklären können.

Keine Freiheit

Tabris, 22.10.15, 10:30 Uhr

Granatapfel

Granatapfel

Wir lernen Hussein auf dem Markt kennen, er spricht sehr gut Deutsch, hat in Heidelberg vor 25 Jahren Biologie studiert, ist nach dem Studium zurück nach Iran gegangen und arbeitet dort als Plantagenmanager. Es macht Spaß, sich von ihm die verschiedenen Früchte erklären zu lassen. Beispielsweise, dass man die Rinde des Granatapfel auch medizinisch als Wurmmittel verwenden kann. Er lädt uns zu einem Tee nach Hause ein, ein großes Haus am Stadtrand. Wir trinken den Tee in einem klimatisierten großen Gewächshaus, fast wie in einem botanischen Garten. Pflanzen sind sein Hobby.
Das große religiöse Fest der Schiiten „Ashura“ steht bevor.
„Es ist von der Wichtigkeit vergleichbar mit dem Karfreitag der Christen“, erklärt Hussein. „Aber heute ist es hier in Iran so, dass viele, vor allem die Jüngeren in den Städten, nicht mehr viel mit Religion am Hut haben. Sie sind von den Mullahs enttäuscht, nichts hat sich hier verbessert. Wir haben gesehen, dass es unseren religiösen Führern ebenso nur um Macht und persönliche Bereicherung geht.
Ich meine, es wäre besser, wenn Politik und Religion getrennt wären, denn jetzt haben wir die Situation, dass sich Menschen von der Politik abwenden und gleichzeitig auch von ihrer Religion. Mittlerweile sind die Menschen hier nicht religiöser als in anderen westlichen Ländern. Klar gibt es Fanatiker, aber die nimmt hier niemand ernst.“

Ich frage, ob ich das kleine Interview für unseren neuen Film aufnehmen darf. Kein Problem und vor laufender Kamera hört es sich dann so an: „Religion, der Glaube an Gott, ist das Wichtigste im Leben eines Muslimen und für uns Iraner kommt Gott und sein Prophet Mohammed an allererster Stelle. Wir sind froh, dass unsere Politiker ihre Entscheidungen zu unserem Wohle auf der Basis des Koran treffen.“
Ich schalte die Kamera aus und muss wohl verwundert geguckt haben.
„Man weiß ja nie, wer den Film nachher sieht. Ich will deswegen keinen Ärger. Ihr wisst, Facebook ist in Iran verboten, genau wie Youtube oder Twitter, die Seiten sind gesperrt und nicht verfügbar. Natürlich kann man das mit Hilfe eines Proxi umgehen und viele machen das. Freunde von mir machten in Dubai Urlaub und bei der Einreisekontrolle mussten sie mit in einen Nebenraum kommen und man zeigte ihnen ihren Facebookaccount. Normale Leute, keine Journalisten, keine die auf Demos gehen oder je aufgefallen sind. Wir haben hier keine freie Meinungsäußerung, keine freie Informationsbeschaffung, keine freien Medien, keine freie Demokratie.“

Einschüchterung der eigenen Bürger

Jetzt verstehe ich, dass Menschen in Deutschland vor dem Iran Angst haben, wo selbst die eigene Bevölkerung Angst hat. Aber warum verbietet man soziale Netzwerke wie Facebook? Warum ist die Seite der „Süddeutschen Zeitung“ gesperrt? Ganz klar, weil die gottesfürchtigen Mullahs ihre eigenen Bürger mehr fürchten als Gott. Einem Staat, der Angst vor seinen Bürgern hat, bleibt nichts anderes übrig, als diese einzuschüchtern. Ich will nicht wissen, wie viele Iraner in der Moschee beten, dass Gott sich ihrer erbarmt und sie von den Mullahs und Ayatollahs erlöst.
Zum Abschied gibt uns Hussein selbst gezogene Weintrauben mit. Wir stehen wieder draußen auf der staubigen Straße, der Wind spielt mit Mülltüten und Hussein verschließt das große Stahltor zu seinem Anwesen. Das Haus ist mit einer hohen Mauer umgeben, von außen ist das Grundstück völlig uneinsehbar, typisch für Iran und vielleicht auch ein Sinnbild dessen. Von außen betrachtet ist es unscheinbar, staubig, abweisend und vielleicht ein wenig hässlich. Aber wenn sich das Tor öffnet und man hinein tritt, steht man in einem grünen, sauberen Garten in dem Trauben und Granatäpfel wachsen.
Angst vor dem Iran, ja, aber nicht vor dessen Bewohnern. Vor fundamentalen Islamisten in Iran muss man so viel Angst haben, wie ein nach Deutschland reisender Iraner vor unserem unterbelichteten rechten Pack.
Der Iran ist auf jeden Fall die weite Anreise wert. Nirgends haben wir eine so aufrechte und nie aufdringliche Gastfreundschaft erlebt wie hier.

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

This article has 2 comments

  1. Lu

    Hallo Burkhard,

    ich bin gerade auf deinen Blog gestoßen und stöbere mich gerade fleißig durch deine Artikel 😉
    Klingt alles super interessant und danke, dass du deine /eure Erfahrung teilst, da ich auch vorhabe durch den Iran und Pakistan zu reisen (da ich nach Indien/Südostasien möchte)

    Liebste Grüße und schöne Reisen ! 😉

  2. Sonja

    Iran mit Plus – und Minus
    Ich bin eben von einer Iran Reise zurück und es war auf jeden Fall eine Reise wert…. aber…. Das schlimmste ist die Pflicht ein Kopftuch zu tragen. Wir sind uns das nicht gewohnt, die richtige Technik das Ding festzumachen fehlt uns. Es ist heiss da drunter, die Haare sind immer verschwitzt. Beim Autofahren hört man weniger, weil die Ohren verdeckt sind und alle Europäer sehen einfach furchtbar aus mit dem Kopftuch. Ich wollte eine Iran Reise machen und hab mich damit abgefunden. Aber ein zweites Mal würde ich genau aus diesem Grund nicht mehr Iran wählen, sondern Usbekistan, etc. Die Iraner selbst sind sehr liebenswürdig. Aber alle die mit Touristen zu tun haben, denken wir sind super reich… und Abzockerei ist an der Tagesordnung. Die Mietwagen sind x-Mal teurer als anderswo und mit etlichen Restriktionen. Bereits das Visum ist mühsam! Jedoch weiss ich nun, dass eVisa wunderbar funktionieren würde! Aber keiner sagt das, weil man noch ein Gewinn machen möchten. Der Tourist wird “gemolken”, wo’s nur geht. Im Hotel wird der Betrag stets aufgerundet, beim Tanken wird der Zähler wenn möglich nicht auf Null gestellt, an der Toll Plaza wird die Autobahngebühr auf einmal 5-Mal höher einkassiert oder der Geldschein schnell getauscht… und der Gepäckträger im Hotel will das zehnfache des empfohlenen Betrages. Das sind total Widersprüche…. Die Hotels im Iran sind ohnhin total überteuert. Die Qualität ist miserabel, oft schmuddelig, die Betten bockhart und am Frühstücksbuffet gibts für Europäer kaum etwas essbares. Die Eier sind oft alt und ungeniessbar, wenn Brot dann alt und hart, wenn Jus, dann abgestanden, etc. Wer gerne Kaffee statt Tee zum Frühstück will, muss den noch extra bezahlen und es ist doch nur Nescafe… Da gibts extrem viel Verbesserungspotential! Auf der anderen Seite sind die schönen Landschaften, Berge, Wüsten und die historischen Bauten, Kultur etc. Ja – Iran ist eine Reise wert! Aber für mich eine und keine zweite….

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