Mauretanier
2004 Westafrika

Mauretanien – Gastfreundschaft

Inzwischen sind wir in der Sahelzone, die Sahara liegt hinter uns. Ich fotografiere gerade den Sonnenuntergang, als ein Mercedes Geländewagen neben uns hält und ein gut gekleideter Mann uns zu sich in sein Zelt – drei Kilometer weiter – einlädt.

Wir finden es immer spannend, wie solche Abende ausgehen und fahren spontan hinter ihm her. Es ist dunkel, als wir auf seinem Grundstück ankommen, jedoch ermöglicht der Vollmond einen guten Blick. Das Grundstück ist frei von Müll, dazu hat man extra ein großes Loch gegraben, wo alles versenkt wird. Auf dem Grundstück gibt es ein großes Nomaden-Zelt, einen Lehmofen und einen der typischen Hangars, eine Betonplatte mit einem schattenspendendem Dach. Bei der Teerunde kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus: Er wohnt in Nouakchott, der Hauptstadt, hat dort mehrere Geschäfte und Häuser, betreibt ein Importgeschäft und reist dazu regelmäßig vor allem nach Thailand und Malaysia. Hier in Mauretanien gehören ihm über 400 Rinder und unzählige Ziegen, wie viele Leute hier für ihn arbeiten weis er nicht. Er kommt nur zum Urlaub hier her, wo sein Großvater als Nomade lebte. Sein Vater ist damals in der großen Dürre in die Hauptstadt gezogen, um hier nicht zu verhungern.
Der schwarze Diener (wir gehen davon aus, dass es sich um einen Diener und nicht um einen Sklaven handelt, Sklaverei wird in Mauretanien noch betrieben, ist aber seit Mitte der 80iger Jahre verboten worden) bringt frisch gemolkene Milch in einer großen Schüssel. Dazu frische süße Datteln. „Was möchtet ihr Essen, lieber jetzt Couscous oder später ein Stück von der Ziege ?“ „Wir haben keinen Hunger, wir essen lieber später von der Ziege.“
Der Diener ruft und ich bekomme das Zeichen mitzukommen. Im Taschenlampenlicht liegt eine Ziege gefesselt und mäht um ihr Leben. Der Diener wetzt das Messer und gibt es seinem Herren, der es gleich an mich weiterreicht, die Ziege auf den Rücken dreht und den Kopf überstreckt. Mir rasen Gedanken durch den Kopf: Ich soll doch wohl nicht die Ziege abstechen. Die wird doch wohl nicht wegen uns geschlachtet.
Ich gebe das Messer zurück und sage: “Ich kann damit nur Kartoffeln und Zwiebeln schälen, wir können auch gerne Couscous essen.“ Ahmed lacht, nimmt das Messer und mit einem Schnitt verstummt das Mähen der Ziege. Blut versickert im Sand und langsam verstummt auch das Röcheln. Wir gehen zur Teerunde, der Diener entfacht Feuer und eine Stunde später serviert er Sabine und mir zwei herrlich gegrillte Ziegenkeulen.

Am nächsten Tag möchte Ahmed uns das Grab seines Großvaters zeigen und uns zur Jagd mitnehmen. So bleiben wir über Nacht.
Am nächsten Morgen hat der Diener bereits Brot gebacken, Tee gekocht und Wasser und Öl im Mercedes kontrolliert.
Es geht raus in die Steppe. Wir drehen eine Runde um das Grab des Großvaters und hüllen es in eine Staubwolke. Es findet sich nichts zum Jagen. In einem Baum sitzen Tauben, das Gewehr wird geladen und aus dem Auto heraus geschossen. Die Tauben fliegen davon, nur eine stürzt zu Boden und läuft hin und her. Ahmed ist stolz auf seinen Treffer. Ein Flügel ist getroffen. Wir lassen die Taube zurück und fahren wieder zu Ahmeds Zelt.
Unterwegs begegnet uns der Landcruiser des Polizeichefs. Beide halten an und die Fahrzeuge stehen 20 Schritte voneinander entfernt. Nichts passiert, Spannung liegt in der Luft. Endlich, der Polizeichef setzt seinen Wagen zurück und eine herzliche Umarmung und Begrüßung findet statt. Anschließend fragt Ahmed mich dreimal, ob ich bemerkt hätte, das der Polizeichef zurückgefahren sei und nicht er.
Wir verabschieden uns bei seinem Zelt. Uns ist klar, dass unsere üblichen Gastgeschenke wie Zucker, Tee und Öl eher eine Beleidigung darstellen. Aber für so eine großzügige Gastfreundschaft haben wir kein angemessenes Geschenk. Wir sagen, dass wir uns gerne bedanken würden, aber nur Kleinigkeiten haben und überreichen eine Flasche kostbares Parfüm. „Ich habe soviel Geld, ich kann alles kaufen was ich will, gebt eure Geschenke den armen Leuten auf der Strasse oder denen in Mali. Ich habe euch eingeladen und erwarte keine Geschenke. Im Moment sind zwei Container Parfüm aus Asien auf dem Weg zu mir.“ Er weigert sich, die Flasche anzunehmen, dafür lädt er uns zu seiner Familie in Nouakchott ein, wenn wir auf der Rückreise sind. Zudem gibt er uns seine Visitenkarte, schreibt seine private Mobilnummer drauf und meint: “Wenn ihr in Mauretanien Probleme habt, ruft mich an. Ich habe viel Geld und Einfluss. Ich kann fast alle Probleme lösen.“
Wir fahren von Ayoun el Atrous in Richtung Süden. Zu unserer Überraschung gibt es eine völlig neue Asphaltstrasse und so sind die 140 Kilometer schnell gefahren.

ayoun-el-atrous

Ayoun-el-Atrous eine atemberaubende Landschaft im Süd-Osten Mauretaniens

Die Ausreise aus Mauretanien verläuft zunächst freundlich und unkompliziert, bis der Zöllner 10 Euro Stempelgebühr verlangt. Diese Stempelgebühr zahlten wir auch schon bei der Einreise und bekamen als Quittung einen fotokopierten Zettel mit einem Stempel. Ich fragte mich die ganze Zeit, wie will jemand kontrollieren, wie viele Zettel ausgegeben werden und wie viel Euros der Zöllner einnimmt. Zumal offiziell nirgends etwas von einer Stempelgebühr zu lesen ist. Also zahlen wir erst mal nichts. Der Zöllner meint, 10 Euro seien ja nicht viel Geld für Europäer. Wir bleiben dabei, heute gibt es kein Geld von uns. Nach einer halben Stunde gibt er auf. Er haut die Stempel in den Pass und sagt: Er hätte vier Jahre Dienst an der senegalesischen Grenze getan, es sei immer das Gleiche. Italiener, Spanier, Franzosen, selbst Holländer und Schweizer zahlen immer sofort, nur Deutsche und Engländer diskutieren lieber zwei Stunden, bevor sie 10 Euro zahlen.
Er gibt mir die Pässe zurück und es folgt die Frage nach einem Geschenk, wo doch schon der Stempel kostenlos war. Ich mache den Vorschlag, dass er Tee kocht und ich den Zucker als Geschenk beisteuere und wir zum Abschluss Tee zusammen trinken. Er hat keine Lust und wir können fahren. Zum Abschluss winkt er uns noch freundlich hinterher.

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

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