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Transafrika

Nigeria 2008

Um die Spannung gleich vorweg zu nehmen: Nigeria ist besser als sein Ruf.
Wir sind bei Nikki von Benin aus eingereist, dann nach Abuja gefahren, wo wir einige Visa besorgen wollten und bei Ekok nach Kamerun ausgereist. Die Menschen waren ausnahmslos freundlich, genau wie in Benin oder Burkina-Faso.
Von all den Horror-Geschichten, die man im Internet liest, traf aber auch gar nichts zu. Wahrscheinlich schreibt da jeder Geschichten, die er mal gehört hat und dichtet noch etwas dazu, damit es etwas spannender wird.

Korrupte Polizei
Wieder liest man bei Anderen, alle drei Kilometer ein Police-Check, immer Forderungen nach Geschenken und Geld. Also haben wir eine Strichliste geführt, um mal genaue Fakten liefern zu können. polizist nigeriaIn Nigeria gibt es verschiedene Ordnungskräfte auf den Straßen, die Polizei, die Sicherheitsinspektoren und die Sticker-Boys, die vor allem an den Provinz- und Stadtgrenzen Nagelbretter auf die Straße legen und Durchfahrtsgebühren erheben. Die Stickerboys und die Sicherheitsinspektoren sind die härtesten Nüsse, aber in unserer Statistik fassen wir alle zusammen:
Insgesamt waren wir 1.737 km in Nigeria unterwegs.
Es gab 46 Kontrollen. An 28 wurden wir ohne Halt durch gewunken.
4 Kontrollen war sehr nett, keine Papiere, keine Überprüfung nur kleiner Smalltalk, wie uns Nigeria gefällt, keine Forderung nach Geschenken etc.
7 Kontrollen war korrekt. Es wurden die Papiere kontrolliert und sofort zurück gegeben, keine Forderung nach irgendwas.
6 Kontrollen fragten im Anschluss nach Geschenken, ließen uns aber sofort fahren als wir dies verneinten. “No Problem, Sir.”
1 Kontrolle war hart. Er kontrollierte unser Auto und stellte einen Liste der Mängel auf. Zuviel Zusatzscheinwerfer, keine Reflektionsstreifen etc. und kam auf knapp 40 Euro Gesamtstrafe. Aber auch die Nuss war nach 15 Minuten Diskussion geknackt und wir bekamen unsere Papiere zurück und konnten fahren, ohne gezahlt zu haben und natürlich auch ohne auch nur einen Kugelschreiber raus getan zu haben.
Wir haben von anderen gehört, die in Nigeria über 300 Euro an diversen Check-Points abdrückten, aber die gleichen zahlten auch überzogene Forderungen in Senegal und Mauretanien.
Unserer Erfahrung nach ist Nigeria (ausgenommen das Niger-Delta-Gebiet) nicht komplizierter als andere Länder in West-Afrika.

polizei nigeria

Tankstellen
Tankstellen gibt es genug im Ölland Nigeria, mehr als genug, und überall werden neue Tankstellen gebaut. Wir wundern uns, verfallen doch viele Tankstellen, weil sie einfach nicht gewartet und gepflegt werden. Und wir wundern uns noch mehr, an den Tankstellen gibt es keinen Diesel, kein Benzin und auch sonst nichts zu kaufen. Was soll das?
TankstelleDer Grund ist einfach. Der Treibstoff wird in die Nachbarländer geschmuggelt. Um jedoch Diesel oder Benzin von der Raffinerie zu bekommen, braucht man eine Konzession. Diese gibt es jedoch nur, wenn man auch eine Tankstelle betreibt. Also ist der Nigerianer nicht dumm, baut eine Tankstelle und lässt den 40.000 Liter Tanker gleich durch ins Nachbarland rauschen. Das nächste sind die angeschlagenen Preise, diese stimmen nirgends. Stattdessen muss jedes Mal mit dem Tankwart verhandelt werden und so ist der nigerianische Diesel im Nachbarland Benin billiger und problemlos an jeder Tankstelle zu bekommen. Verrückte Welt.

Das Paradies Abuja
Eigentlich wollten wir gar nicht nach Abuja, liegt nicht so richtig auf dem Weg, aber von anderen Reisenden haben wir gehört, dass es das Visum für Angola nur noch mit Schwierigkeiten bzw. gar nicht mehr gibt. Lediglich in Abuja soll es noch möglich sein, das Visum zu bekommen. Also fahren wir nach Abuja, der Hauptstadt Nigerias.
Die Stadt wurde am Zeichenbrett völlig neu entworfen. Die Orientierung ist daher relativ einfach und die Straßen breit und ohne Schlaglöcher.
Wir halten an einer Polizeistelle und fragen nach einem Campingplatz, doch den gibt es in Abuja nicht. Plötzlich hält neben unserem Deutz ein Mercedes G.
“Mensch, das ist ja was seltenes, ein deutsches Nummernschild in Abuja, was macht ihr denn hier? Ich bin übrigens Udo.”
“Wir suchen einen Campingplatz, doch den gibt es hier nicht. Wir brauchen einige Visa für die Weiterreise nach Süden.”
“Ach, dass machen wir ganz unkompliziert. Ihr fahrt einfach hinter mir her. Ihr könnt bei mir campen ich freue mich über Besuch aus Deutschland, kommt ja sonst keiner vorbei.”
Die Fahrt endet vor einer Villa mit riesigem Swimmingpool im Grünen. Wachmann, Gärtner, Hausangestellte und Fahrer sind die Mindestpersonalausstattung eines jeden Deutschen in Abuja, wie wir später erfahren.
Udo”Die Stewardess macht euch das Gästezimmer klar, im Wagen schlafen kommt gar nicht in die Tüte. Und heute Abend gehen wir erst mal zum Libanesen schick essen.”
Am nächsten Tag fahren wir zur Botschaft von Angola. In Abuja soll das Visum relativ leicht zu bekommen sein, doch Fehlanzeige, nichts zu machen.
Wir lernen Stephan und Birgit kennen und sind am Abend zu ihnen nach Hause zum Essen eingeladen.
Am nächsten Tag in Udo’s Büro lernen wir Andreas kennen.
“Udo ist nicht hier, der ist mal gerade in die Fertigung, was nachsehen.”
“Ich komme nicht wegen Udo, ich wollte euch mal kennen lernen und für heute Abend zum Essen ins Tantata-Camp einladen.”
Es spricht sich herum, das zwei deutsche Nomaden ihre Zelte für kurze Zeit aufgeschlagen haben und so lernen wir Helmut und Babs kennen, mit denen wir leckeren Fisch im Mogadischu essen waren.
Die Tage vergehen wie im Flug. Morgens machen wir die Botschaftsrunde, Nachmittags liegen wir mit Eis und Cola an Udo’s Pool und Abends geht’s in edle Restaurants oder zu tollen Grillpartys.
Langsam bekommen wir ein schlechtes Gewissen, wir gehen denen bestimmt auf den Nerv.
“Quatsch”, meint Udo, “hier ist jeder Tag gleich. Wir kennen uns alle und Besuch kommt nach Nigeria ganz selten. Wir sind froh endlich mal etwas Abwechslung zu haben, macht euch da mal keine Gedanken.”
Und so bleiben wir statt geplanten 3 ganze 12 Tage und nehmen fast täglich ein Kilo zu.
Noch mal vielen Dank an Udo, Stephan und Birgit, Andreas und Karin, Helmut und Babs und allen Anderen, die uns die Zeit in Abuja so schön gemacht haben, dass die Tage für uns unvergesslich bleiben.

Noch zwei kleine Geschichten am Rand
Adigo, der Fahrer von Udo fährt mit uns und Udo am Abend zu einem Restaurant.
Plötzlich bremst er an einer Kreuzung ab.
Udo: “Why you stop here, do you not know where the gas is?”
Adigo: “I must stop, because the traffic-light is red. It is the law.”
Udo: “Since when you follow the law?”
Adigo: “Since now, Sir.”

Udo will eine ebenso praktische Frisur haben wie ich. Sein Haarschneider liegt in der Schublade in seinem Büro.
Udo: “Adigo, drive to the yard, in my office is in the drawer the haircutter. Bring it to me. But give Gas.”
Adigo: “Yes, Sir I bring the weldingmaschine.”
Udo: “Not the weldingmaschine, the haircutter for the coconut you know?”
Adigo: “Yes Sir I know, I bring it.”
Eine Viertelstunde später klingelt es an der Tür. Adigo steht davor und hat die Schweißmaschine im Kofferraum und auf dem Markt eine Kokosnuss gekauft.
Udo: “Ohhh, not the weldingmaschine, the haircutter, I speak russian or what? Bring it back.”
Adigo: “Mein Gott, mein Gott, mein Gott.”

Die letzte Nacht in Nigeria
Wir fahren eine schmale Landstraße in Richtung der kamerunischen Grenze und wundern uns, dass diese sogar recht gut geteert ist. Allerdings haben wir hier ein kleines Problem, wir finden keinen Übernachtungsplatz im Wald oder Busch. Entweder sind Felder angelegt oder der beginnende Dschungel ist undurchdringlich. Am späten Nachmittag entdecken wir eine Schule mit riesigem Fußballplatz am Rand eines Dorfes.
Kinder in Nigria
Am Rand des Fußballplatz parken wir unseren Deutz und fragen einen vor der Schule sitzenden Mann, ob es okay ist, wenn wir eine Nacht dort bleiben.
“No Problem, welcome.”
Die Kinder sind auffallend zurückhaltend, halten großen Abstand und gehen nach ein paar Minuten. Der Schuldirektor kommt. Wir fragen wieder um Erlaubnis und alles ist kein Problem. Gegen Abend kommt aus dem Dorf eine kleine Delegation in festlichen Gewändern, es ist der Chief mit seinem Gefolge. Wir werden begrüßt, müssen uns ins Gästebuch des Dorfes eintragen und jeder bringt soviel frische Orangen mit, wie er tragen kann, als Willkommensgeschenk für uns. Wir kochen Kaffee und laden die Delegation ein. Man bietet uns eine Rundhütte für die Nacht an, fragt ob man Essen kochen soll und ob es uns stört, wenn sie nach dem Abendessen noch zu einem Gespräch vorbeikommen.
Nach dem Essen kommt das ganze Dorf. Wieder werden Unmengen Apfelsinen an uns verschenkt und alle lauschen dem Gespräch zwischen Schuldirektor, dem Chief und uns. Selbst die Kinder sind absolut leise.
ChiefMan will viel über Deutschland wissen, was für Früchte wachsen, wie ein Tagesablauf aussieht, ob wir wirklich immer Wasser und Strom haben, wie das Wetter ist, was wir essen.
Und wir sind überrascht, wie gut sie informiert sind.
Wir kommen zum Thema Politik und wieder überrascht uns ihr Scharfsinn und ihr Wissen. Sie (Schuldirektor und Dorfälteste) kennen die Probleme genau, Korruption, ungerechte Einkommensverteilung, unfähige Manager auf Vorstandsstühlen etc.
“Was sollen wir machen? Wir sind Farmer, arm und ohne jeden Einfluss.”
Ich frage sie zu ihrer Meinung zu den vielen Afrikanern, die sich auf den Weg nach Europa machen.
“Das sind alles Verbrecher”, so der Dorfälteste, “woher haben sie sonst das viele Geld, dass sie für die Überfahrt brauchen. Wenn einer aus unserem Dorf sich auf den Weg machte, der würde schon an der Provinzgrenze gefangengenommen und zurück geschickt. Einer von uns käme nicht mal nach Burkina-Faso. Diejenigen, die das Land verlassen, müssen viel Geld haben. Wenn sie das hier ehrlich verdienen, ginge es ihnen so gut, da würden sie nicht gehen. Aber viele machen ihr Geld mit kriminellen Geschäften und wenn sie erwischt werden schmieren sie die Polizei, damit sie nicht verhaftet werden und hauen ab. Frag doch mal in Deutschland einen Nigerianer, was er in Nigeria gemacht hat, er war bestimmt kein Farmer.”
Am nächsten Morgen steht das ganze Dorf an der Straße und winkt uns nach.
Gruppe

Der Tanz
Wir verlassen die Teerstraße und nehmen eine Piste als Abkürzung. Die Landschaft wird grüner und der Dschungel immer dichter. In den wenigen Dörfern winkt man uns freundlich zu und wir haben Spaß an der neuen Landschaft.
Bruecke in NigeriaPlötzlich stehen wir vor einer Brücke, halb verfallen und baufällig.
Wir gucken uns das Ding erst mal zu Fuß genau an. Ein Schild datiert das Baujahr auf 1932. Die Stahlbrücke scheint seitdem nicht mehr gewartet worden zu sein. Ein Brückenkopf ist abgerutscht, so hängt die ganze Brücke etwas schief. Durchgerostete Stahlträger wurden durch Bretter ersetzt. “Stabil sieht das nicht aus”, stellt Sabine treffend fest.
Inzwischen stehen drei Jugendliche um uns rum und ich frage: “Hält die Brücke?”
“No Problem, Sir.” Okay, welche Antwort hatte ich auch erwartet.
“Fahren öfters Lastwagen darüber?” bohre ich nach.
“Ja, wenn sie nicht zu schwer sind.”
BrueckeWas will ich mit solchen Sprüchen anfangen? Da hilft mir die klare Aussage von meinem Freund Karsten Riebold schon mehr: “Für einen Deutz gibt es kein zurück.”
Also los. Sabine will freiwillig Fotos machen und nicht mitfahren.
Ich bin fast in der Mitte der Brücke, als die Jungs einen wilden Tanz aufführen.
Drüben angekommen sind sie immer noch ganz aufgeregt: “The bridge was dancing, jeah, the bridge was dancing with you, she never did it before.”

Nigeria, wir kommen wieder – irgendwann.

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

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