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Breites Grinsen – Drogentest

Silber-blauer Kombi mit Blaulichter auf Schleichfahrt durch den Wald bedeutet in der Regel, dass da zwei Polizisten Ärger suchen. Tatsächlich, der Wagen geht auf Kollisionskurs zur Pistenkuh und stoppt bei unserer kleinen Waldlichtung, auf der wir vorübergehend leben. Was wollen die, frage ich mich. Mein TÜV läuft erst nächsten Monat ab, meine Reifen haben genügend Profil und der Grill ist aus.
Trotzdem ist es besser, dass ich zu denen gehe, als dass die zu nahe an meine Kuh kommen.
„Kann ich Ihnen weiterhelfen? Oder wollen Sie sich nur einmal umsehen?“, frage ich, als würde ich ein Autohaus betreiben.
„Wir gucken nur mal nach dem Rechten.“
Und schon setzt der Wagen seine Schleichfahrt fort. Das war ja klasse, denke ich mir, kein Ärger, keine Schikanen, kein Ordnungsgeld, keine Diskussionen, so könnte es immer laufen.

Um mich ein kleinwenig dankbar dafür zu zeigen, dass man unser völlig normales aber in Deutschland halb illegales Nomadenleben duldet, möchten wir am übernächsten Tag eine kleine Film-DVD bei der Polizeiwache im Dorf abgeben.

„Unser“ Dorf ist ein kleines Dorf, wie es sie zu hunderten in Deutschland gibt, Tankstelle, ALDI, Getränkemarkt, teurer Metzger, Autobahnzubringer. Bevölkert von Anzugträgern, Weißkittel, Blaumännern und ein paar Arbeitslosen. Kleinkriminelle, Steuerhinterzieher, notorische Falschparker und der Spinnerte mit violettem Kopftuch, der seit sieben Jahren mit einem breiten Grinsen durch die Gegend läuft, gehören natürlich auch dazu und die schon erwähnte Polizeiwache.

Vor der Zufahrt zur Polizei steht gut sichtbar das Verkehrszeichen Nr. 253, jenes das in einem roten Kreis ein LKW-Symbol zeigt. Wir haben den Deutz noch nicht richtig eingeparkt und schon kommen zwei Polizisten schnellen Schrittes auf uns zu.
„Sie haben das Verkehrszeichen gesehen?“, ist, statt erstmal höflich die Hand zu reichen, die Frage. „Na klar, aber das hat mich doch nicht zu interessieren“, antworte ich mit einem Grinsen.
„Zeigen Sie mir bitte mal ihren Führerschein.“
Okay, das ist normalerweise der Moment wo ich mir erstmal den Dienstausweis zeigen lasse, aber die Beamten sind freundlich und nett, also bin ich es auch und murre nicht rum.
„Sie wissen, dass Sie eine Ordnungswidrigweit begangen haben, indem Sie mit Ihrem Fahrzeug, das sicherlich schwerer ist als 3,5 Tonnen, dieses Zeichen überfahren haben?“
„Nein, ich habe ja ein Sonstiges-KFZ Wohnmobil, ich darf das, genau wie Busse auch.“ Verunsichert bin ich dennoch.
„Busse brauchen eine Sondergenehmigung und das Schild gilt für alle Fahrzeuge über 3,5 Tonnen“, klärt mich der Polizist mit grauem Kinnbart auf.
Dafür gibt es doch das Schild mit dem roten Kreis und der Tonnagenzahl in der Mitte, denke ich mir, will aber jetzt dem Polizisten nicht widersprechen. Widerspruch, auch wenn im Recht, erhöht nur das Ordnungsgeld, also lautet mein Ziel Schadensbegrenzung, bzw. Ordnungsgeld klein halten.
„Nein, das tut mir echt leid, ich dachte wirklich, das Schild gilt für mich nicht, Fahrschule ist ja über 20 Jahre her.“
„Dann kommen Sie mal mit zur Wache.“
„Genau da will ich hin. Ich will Ihrem netten Kollegen was schenken.“
Die wenigen Meter sind schnell gegangen, ich lege die DVD auf den Tresen und erkläre, dass sie für den netten Polizisten von vor zwei Tagen gedacht ist. Die beiden Polizisten verschwinden ohne das ich es bemerke.
„Können Sie sich an den Namen des Kollegen erinnern?“, frage der Polizist hinterm Tresen.
„Nein, ich habe mir seinen Ausweis nicht zeigen lassen, ich könnte ein Phantombild zeichnen und ich weiß nur, dass er nett war.“
Durch eine Tür, durch die die beiden Polizisten verschwunden sein müssen, betritt ein neuer Staatsdiener die Bühne des Geschehens und hört unserem Gespräch zu.
Die DVD ist übergeben, man wird nach dem Kollegen fahnden und sie ihm zukommen lassen. Nichts wie raus aus der grün-weißen Bude bevor die Diskussionen um Schild Nr.253 von neuem los gehen.
Vor der Eingangstür im grellen Sonnenlicht höre ich plötzlich hinter mir: „Einen Moment bitte.“ Der Dorfpolizist, der dem Gespräch lauschte, hält mich auf.
„Ach ja, Sie wollen noch meinen Führerschein sehen“, schlussfolgere ich.
„Nein, kann ich Sie etwas fragen?“
Im ersten Moment habe ich bestimmt etwas verdutzt geguckt. Dachte dann aber, wir sind im Dorf sicherlich bekannt wie ein bunter Hund, vielleicht kennt er uns und will etwas privates wissen, wie man so klar kommt auf so wenig Raum, was wir am meisten unterwegs vermissen oder mit welchen Tricks in anderen Ländern Ordnungsgelder kassiert werden. Als er dann die rechte Hand hebt, dachte ich, er wolle sie mir reichen und erwidere den Gruß, doch er wollte sich lediglich die Krawatte glatt streichen, wie man es sonst nur von Versicherungsvertreter kennt, aber jetzt kommt es erstmal zum Handschlag.
„Na dann fragen Sie mal los.“
„Nehmen Sie Drogen?“
„Was? Ich?“ Breites Grinsen. Bin froh, das es nur um Drogen geht und nicht um Verkehrszeichen.
„Nein, ich rauche noch nicht mal.“
„Ich möchte einen Drogentest mit Ihnen machen.“
„Einen Drogentest? Mit mir?“ Ich kann mein Lachen kaum zurück halten. Polizist im Praktikum denke ich mir, aber mit um die Mitte 40 wohl dafür etwas zu alt.
„Ja, wir haben einen Test, der Abbauprodukte der Drogen im Urin nachweist.“
„Dann geben Sie den Becher mal her, das ist doch schnell geklärt, ich piesel da gerade mal rein.“ Jetzt habe ich das breiteste Grinsen seit Monaten.
„Der Test zeigt nach drei Minuten das Ergebnis und es wird Drogenkonsum nachgewiesen, der auch schon länger zurück liegt.“
„Ja, ist alles okay, wo ist der Becher? Ich habe damit kein Problem. Das mache ich gerade hier vor der Tür.“
„Wir machen das gleich, aber aus Rechtsgründen muss ich Sie vorher belehren und wir können das nicht abkürzen.“ „Okay.“
„Das Ergebnis wird vor Gericht wie ein Bluttest anerkannt, …. Es werden verschiedene Arten von Drogen nachgewiesen, nicht nur Hasch sondern auch …. Sind Sie mit einem Test einverstanden?“
„Na klar, habe ich doch schon gesagt, holen Sie mal den Becher.“
„Sie haben wirklich noch nie Drogen genommen?“
„Nein, das sehen Sie doch gleich, in drei Minuten. Jetzt will ich aber pieseln.“
Ich öffne schon mal demonstrativ den obersten Knopf meiner Jeans.
„Nein, nein, nicht hier vor der Tür. Aber wir können uns das auch sparen.“
„Sie haben damit angefangen, jetzt will ich das auch zu Ende spielen, holen Sie mal den Becher.“
„Man kann es auch an den Pupillen erkennen, ich glaube Ihnen, Sie können gehen.“
„Kein Becher?“ „Nein, auf Widersehen.“

Das Verkehrszeichen Nr. 253 lässt mir keine Ruhe. Jahrelang bin ich an diesem Schild immer vorbei gebrettert, hat mich nie interessiert, war das die ganzen Jahre nur Glück, dass ich dafür nie was zahlen musste?
Noch mal zurück zur Polizei. Neuer Polizist. Wie viele Polizisten arbeiten wohl hier?
Die Sache ist schnell geklärt, die Polizisten haben Quatsch erzählt, es gilt nur für Lastwagen, nicht für Busse und nicht für Sokfz Womo.
Er möchte die Namen der Polizisten wissen, die diesen Unsinn erzählen. Ich habe mir die Namen natürlich wieder nicht behalten. Alle vier Wochen gibt es eine Schulung, wo er das Thema ansprechen wird.
Dorfpolizisten, die Verkehrszeichen nicht kennen, aber Drogentests durchführen wollen.
Wundert man sich da noch, dass der Bürger den Respekt vor der Polizei verliert?

Zur Ehrenrettung sei darauf hingewiesen: Ich bin zur Polizei gegangen, weil es da auch mindestens ein nettes Team gibt, die Menschen nicht danach beurteilen, ob sie eine grüne Kappe oder ein violettes Tuch tragen.

NACHTRAG:

Inzwischen haben mich mehrer E-Mails erreicht, die alle behaupten, die ersten Polizisten hätten Recht gehabt und man hätte mich zur Ordnung rufen müssen. Hier der Text einer der E-Mail:

Hallo Burkhard,

schade dass Du den Drogentest nicht machen musstest.
Leider glaube ich, dass die ersten Polizisten Recht hatten was das Schild 253 angeht:

„Verbot für Kraftfahrzeuge mit einem Zulässigen Gesamtgewicht über 3,5t, einschließlich ihrer Anhänger, und Zugmaschinen, ausgenommen Personenkraftwagen und Kraftomnibusse“
http://verkehrszeichen.kfz-auskunft.de/verkehrszeichen_vorschriftzeichen3.html

Dies beschränkt sich eben leider nicht auf LKW sondern handelt generell von Kraftfahrzeugen…also auch dem Deutz…
Aber ich würde mich immer auch so raus reden 😉

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

This article has 1 comment

  1. Peter Kopineck

    Ich lese ihn immer wieder gerne, diesen Bericht.

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