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Ich reduziere den Reifendruck auf 1,8 bar.
Allrad-Technik und Tipps

Offroadreifen – Schlauchlos oder mit Schlauch

Fährt man die Offroadreifen am Expeditionsmobil lieber schlauchlos oder mit Schlauch?

Ich bin von schlauchlos völlig überzeugt und werde nie wieder auf Schlauch umrüsten. Wie es zu der Überzeugung kam, schildere ich mal ausführlich.

Magirus Deutz

Auf Testfahrt mit dem Magirus Deutz in Marokko

1996 kauften wir unseren Magirus von der Bundesbahn, im früheren Leben arbeitete er dort als Werkstattwagen. Er war mit 8,25 R20 Schlauch-Reifen ausgerüstet. Da diese Größe für Reisen völlig ungeeignet waren, kaufte ich billig gebrauchte Komplett-Räder in der Größe 12.00 R20, ebenso mit Schlauch-Reifen. Die Reifengröße ist für den Magirus etwas besser, aber bei weitem nicht optimal. Die Reifen sind zu schmal, aber es waren die Einzigen, die damals ins Budget passten.

Damals hatten wir noch reguläre Jobs, die Reisen beschränkten sich auf Europa mit einer Dauer von maximal vier Wochen, der Asphaltanteil lag bei 95 % der zurückgelegten Strecken. Die Räder waren zwei Jahre montiert. Auf jeder Urlaubsfahrt gab es mindestens einen Platten ohne ersichtlichen Grund. Schnauze voll von Schlauchreifen. Das Budget gab es her, dass ich viel Geld investieren konnte und neue Felgen und Reifen kaufte. Ich kaufte 10.00V20 Sprengringfelgen und einen neuen Bridgestone in der Größe 365/80 R20. Schlauchlos. Drei Jahre fuhr ich diese Kombination ohne auch nur einen Platten.

Offroadreifen für die Weltreise

Für die „Weltreise“ war mir der Reifen zu klein, insbesondere im Sand war er nicht optimal. Ich wollte die Größe 14.00 R20 fahren. Diese passen ebenso auf die 10.00V20 Felge.
Ein Freund meinte, für eine Langfahrt, die mehrere Jahre um die Welt führen soll, währen Schlauchreifen auf jeden Fall geeigneter als schlauchlos. Die Probleme, die mir der 12.00 Reifen machte, lägen vermutlich am Alter des Schlauches, evtl. Rost an der alten Felge und meine negativen Erfahrungen seien ein Einzelfall. Ich hatte Glück, konnte die Felgen und Reifen gut verkaufen und mir neue Felgen fertigen lassen. Wieder 10.00V20 Sprengringfelgen, aber mit einem Ventilschlitz statt Ventilbohrung. Dazu kaufte ich neue Schläuche, neue Karkassenbänder und gebrauchte Offroadreifen vom Militär. Noch waren wir nicht auf Langfahrt, es waren vierwöchige Urlaubsfahrten. Bei der ersten Reise zischte in Lyon aus dem Hinterreifen Luft. Ein Schaden war nicht zu erkennen. Der Reifendienst meinte, es sei vielleicht ein Montagefehler und ich hätte evtl. den Schlauch eingeklemmt. Kann sein. Ich montierte zwar schon immer meine Reifen selbst, aber viel Erfahrung hatte ich damals noch nicht.

Am Strand mit 14.00R20

Im folgenden Jahr einen Luftverlust in Italien und einen in Griechenland. Wieder war kein äußerer Schaden am Reifen erkennbar. Ich bereute den Verkauf der Schlauchlos-Felgen. Zum Glück verkaufte unser damaliger Freund, der mich von Schlauchreifen überzeugt hatte, nebenbei Allrad-LKWs und so konnte ich die Schlauchfelgen mit geringem Verlust verkaufen. Ich kaufte wieder 10.00V20 Sprengringfelgen mit Ventilbohrung, also in der Schlauchlos-Variante. Auf diese montierte ich 14.00 R20 MIL Reifen mit sogenanntem Nato-Profil.

Damit starteten wir dann nach Afrika. Seit dem fahre ich 17 Jahre schlauchlos. Inzwischen habe ich einige platte Reifen repariert, aber immer war klar, warum der Reifen Luft verliert.

Erfahrungen mit Schlauchreifen

In der Sahara sind wir vor einigen Jahren ein Teilstück mit einem Begleitfahrzeug gefahren. Ein 15 Tonner MAN mit 14.00 Schlauch-Reifen. Weite Sandpassagen gingen durch Dünen, wir reduzierten den Luftdruck auf etwa 1,8 bar. Nach etwa 180 Kilometer wollten wir den Reifendruck wieder auf Pistendruck von etwa 3,5 bar erhöhen. Schlauchlos kein Problem. Bei unserem Freund hatten sich an zwei Reifen die Schläuche verschoben. Das heißt, das Ventil war nicht mehr sichtbar. (Es hätte auch abreisen können.) Mit 1,8 bar Druck ist es aber nicht möglich, den Sprengring zu öffnen, dazu sollte der Reifen drucklos sein. Es blieb nichts anderes übrig, als mit einem Schraubenzieher durch den Ventilschlitz ein Loch in den Schlauch zu stechen, den Reifen zu demontieren und den Schlauch neu auszurichten. Die Folge war, dass der MAN-Fahrer aus Angst den Reifenfülldruck nicht mehr unter 2,5 bar reduzierte. Damit waren Dünenfahrten erschwert oder nur noch eingeschränkt möglich.

Sand im Offroadreifen

Jahre später haben wir in V.A.E ein Reiseteam mit Unimog getroffen. Dieser berichtete, dass durch den reduzierten Reifenfülldruck wohl Sand durch den Ventilschlitz zwischen Reifen und Schlauch gelang. Nach einigen 1000 Kilometern waren die Schläuche dadurch dünn gerieben. Einen Ersatzschlauch hatte er dabei und ein komplettes Ersatzrad. Zum Glück konnte er in Dubai neue Schläuche auftreiben. Ich will nicht daran denken, 1000 Kilometer vom nächsten Händler entfernt im Nirgendwo mit vier porösen Schläuchen zu stehen.

Offroadreifen reparieren

Ein Vorteil der Schläuche sei, dass man den Reifen leichter reparieren kann, denn man bräuchte ja „nur“ den Schlauch flicken bzw. würde gleich einen neuen Schlauch, den man dabei habe, einziehen.

In der Praxis sieht es jedoch anders aus:
Ein Offroadreifen lässt sich mit Reparaturpflaster genau so schnell und einfach reparieren wie man einen Schlauch flickt. Bei beiden Varianten muss der Reifen von der Felge genommen werden. Hier bietet der Schlauch keinen Vorteil.
Bei einem Riss im Reifen MUSS der Reifen ebenso repariert werden, denn ein nicht behandelter Riss führt innerhalb einiger 100 Kilometer zu einem weiteren Schaden am Schlauch. Das heißt, Schlauchfahrer müssen nicht nur den Schlauch flicken sondern auch den Reifen reparieren.

Und bei der Reparatur hat der Schlauchfahrer weitere Nachteile. Sollte Sand, und das wird in der Wüste nicht zu vermeiden sein, in den Reifen gelangen, wird sich der Schlauch dünn reiben.
Zudem besteht bei der Montage die Gefahr, dass man den Schlauch irgendwo einklemmt und dieser nach einigen hundert Kilometer am Knick undicht wird.

In Südafrika und auch in Australien schwören einige Farmer und Overlander auf Schlauch-Reifen. Oft mit dem Argument, man könne den Schlauch hundert mal flicken, was bei Akazien-Dornen häufig nötig sei.
Richtig, die Gefahr ist gegeben, aber statt einen Schlauch zu flicken, habe ich schneller einen Kombi-Reparatur-Pilz im Reifen montiert. Manchmal denke ich, die Farmer sind 25 Jahre zurück.
Ein weiteres Argument der Farmer für Schlauch ist, dass auf einer verbeulten Felge ein Reifen nicht mehr dichtet. Okay, mag sein. Aber moderne Alufelgen verbeulen nicht, die brechen.
In dem Fall, dass ich eine Felge derart im Gelände demoliere, dass der Reifen nicht mehr dichtet, montiere ich einfach das Ersatzrad und besorge eine neue Felge.

Gelegentlich hört man das Argument, für die Montage der Schlauchlosreifen benötige man Druckluft. Das ist richtig, aber bei einem Expeditions-Lkw ist Druckluft mit ausreichend Druck von der Bremsanlage vorhanden und einen Lkw-Reifen wird niemand mit einer Fußpumpe aufpumpen wollen. Notfalls kann man mit einem Ratschengurt, den man über die Lauffläche spannt, den Reifenwulst an das Felgenhorn pressen.

Den Nachteil, dass Schlauch und Karkassenband zusätzliches Gewicht ist (zudem an der ungefederten, rotierenden Masse) und damit Tragringe und Achsschenkel mehr belasten, lassen wir mal außer acht. Obwohl die zusätzlichen 10-15 kg pro Rad für mich ein weiterer Grund für Schlauchlos wären.

Ein weiterer Nachteil des Schlauches ist, dass durch die Reibung zwischen Schlauch und Reifen der Reifen insgesamt wärmer wird. Diese Reibungswärme bedeutet, dass der Treibstoffverbrauch mit Schlauch höher ist als bei schlauchlos Rädern.

Reifen-Reparatur-Set für Offroader

Für die Reparatur von Schlauchlos-Reifen habe ich ein Set zusammengestellt und eine detaillierte Anleitung geschrieben. Damit lassen sich alle Schäden, auch Risse in der Schulter oder Seitenwand unter Expeditionsbedingungen reparieren.

Zum Inhalt der Box

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

This article has 7 comments

  1. jhb

    der Schlauchlosfahrer kann im Notfall Schläuche einziehen, andersrum geht es nicht 🙂

    Das hab ich immer als Argument für Schlauchlos gehört, oder ist das ein Mythos/ nur ein Spruch?

    • Burkhard Koch

      Der Spruch ist halb richtig. Richtig ist, dass es theoretisch geht. In der Praxis müssen jedoch einige Voraussetzungen dafür erfüllt sein, die meistens nicht erfüllt sind.
      Eine Voraussetzung ist, dass das Ventilloch in der Mitte der Felge sitzt. Dies ist bei Schlauchlosfelgen aber nicht unbedingt gegeben. Ist das Ventilloch nicht mittig, würde man den Schlauch verdrehen müssen Die Folge wären Knicke und Falten des Schlauches, die nach einigen 100 Kilometern zu Undichtigkeiten führen.
      Aber nehmen wir an, die Felge wäre geeignet:
      Auf den Schlauch muss ein Ventil geschraubt werden, in das dann der Ventileinsatz geschraubt wird. Dieses Ventil muss gebogen sein, denn sonst stößt es an die Radnabe oder die Bremse. Das Ventil muss vor der Reifenmontage auf den Schlauch geschraubt werden. Einfach ist die Montage, wenn die Felge dafür einen Schlitz hat. Hat sie nur eine Bohrung, erfordert das Montieren Übung, die derjenige, der nur alle 5 Jahre mal einen Reifen repariert, nicht unbedingt aufbringt.
      Aber ja, mit passender Felge, passendem Ventil und etwas Übung wäre es möglich einen Schlauch in einer Schlauchlosfelge zu montieren. Ist aber gesetzlich innerhalb der StVo verboten. Unter Expeditionsbedingungen steht die StVo aber nicht an erster Stelle, ich will es aber erwähnen.

  2. Theresa

    Sind Alufelgen bei LKWs denn so verbreitet?

    • Burkhard Koch

      jaein, der Anteil der Alufelgen im Expeditipnsmobilbereich über 7,5 t steigt kontinuierlich.
      Allerdings ist die Gefahr, dass man sich im Gelände die Felge beschädigt höher, je kleiner das Rad und je niedriger die Flanke. Bei Gelände-PKW ist das Risiko höher als bei Gelände Lkw. Bei den PKW sind die Alufelgen aber (bisher) deutlich verbreiteter als bei den Lkw.
      Stahlfelgen verbiegen sich mit weniger Kraftaufwand als das Alufelgen brechen.
      Bei einer verbogenen Stahlfelge fängt der Dorfschmied (in Afrika und Asien) an zu hämmern, bei einer gebrochenen Alufelge guckt er dich mit großen Augen an.
      Ob Alu oder Stahl, da kannst du dir die Kröte aussuchen, die du schlucken willst.

  3. Markus Gagel

    Hallo Burghard
    Früher waren die Gummiwürste beliebt um Stichverletzungen in Schlauchlosreifen zu reparieren ohne den Reifen zu demontieren. Heute setzt man Pilze von innen in den Reifen.
    Was ist deiner Meinung nach sinnvoller, wenn man den Reifen für längere Zeit nutzen will/muss?
    Danke schon mal.

    • Burkhard Koch

      Hallo Markus,
      die Gummiwürste sind auch heute noch beliebt. Ich verwende sie ebenso und habe damit gute Erfahrungen gemacht. Im Zuge der Recherchen zu unserem Buch 4×4-Expedition Desert Terrain, habe ich dann mitbekommen, dass diese Art der Reparatur eigentlich nur zur Not erlaubt ist, um mit verminderter Geschwindigkeit zum nächsten Reifendienst zu fahren. (Ähnlich einem Notrad).
      In der Vergangenheit habe ich die so reparierten Reifen ohne Einschränkung genutzt, also Vollspeed und ohne zeitliche Begrenzung, weil ich nicht wusste, dass diese Art der Reparatur eigentlich nicht zugelassen ist. Hat aber auch nie Probleme gegeben, die Gummiwürste sind schon gut.
      Besser sind auf jeden Fall die Pilze, weil damit eine fachmännische Reparatur möglich ist, bei der der Reifen uneingeschränkt genutzt werden kann und dies auch vom Gesetzgeber (Deutschland StVo) erlaubt ist.

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