Naturpiste in Island
Island

Illegales Offroad fahren in Island

Bevor wir nach Island aufgebrochen sind, bekamen wir eine E-Mail u.a. mit einem Hinweis: „Allrad-Lkws sind in Island unerwünscht. Seid vorsichtig.“ Den Ratschlag hatte ich sowas von schnell bei Seite geschoben, was für ein Quatsch.
Später bat mich ein Freund, mal dem Gerücht nachzugehen, ob große Fahrzeuge in Island unerwünscht sind. Seltsam, was soll das? Ich lese in Internetforen nicht regelmäßig mit, vielleicht gibt es gerade irgendwo eine Diskussion und alle sind in Panik, aber dennoch checke ich die Situation.
Ein Gespräch mit der Straßenmeisterei ergab folgendes: „Nein, Allrad-Lkws richten keinen höheren Schaden an als andere Fahrzeuge, der Unterbau ist für Achslasten wie sie üblicherweise Allrad-Lkw-Fahrzeuge haben, ausgelegt. An Straßen oder Pisten auf denen dies nicht zutrifft, sind Gewichtsbegrenzungen oder Achslastbegrenzungen angebracht. Alle Pisten, die keine Gewichtsbeschränkung haben, sind für alle Fahrzeugen befahrbar.“
Bei der Polizei, exakt die gleiche Stellungnahme.

Es geht um Cash

Ein Reiseveranstalter, der Busreisen anbietet, wirft ein anderes Licht auf die Angelegenheit:
„Wir haben etwas gegen Reiseveranstalter, die mit ihren Lkws und Bussen vom Festland kommen, ihre Touristen am Flughafen abholen, in der Natur wild zelten und sich selbst versorgen. Hier wird unser Geschäft gefährdet und hier müsste unsere Regierung etwas unternehmen.“
Namentlich nennt er „WikingerTours“ und wörtlich: „… da werden Kreuzfahrten billig angeboten, die kommen mit Fähren und ihren eigenen Bussen. Die Touristen übernachten auf dem Schiff und werden dort versorgt. Für die Tagesausflüge bekommen sie Lunchpakete gepackt, was sollen wir mit diesen Touristen hier? Und ganz schlimm sind die Veranstalter aus Osteuropa. … Aber gegen euch, die mit ihrem Unimog hier umherfahren, hat doch niemand was.“
Ah okay, es geht um cash. Das kann ich verstehen und finde es auch legitim. Ich habe keinen Anhaltspunkt gefunden, der die Warnungen begründet.

Die Kriminalisierung

Wir sind inzwischen ein paar Wochen im Land, waren im Hochland und auf der Ringstraße unterwegs und bekommen eine E-Mail von der Polizei.

„…you need to contact the police, Iceland, due to information that we have received regarding your travels here in Iceland. We have reason to believe that, during your travels, you have driven your truck through parts of the country that are illegal to drive through as well as offroad driving…”

Die gesamte E-Mail war in freundlichem Ton, mit der Bitte unseren Aufenthaltsort bekannt zu geben und wann es uns möglich wäre, bei einer Polizeistation zu einem Gespräch zu erscheinen.

Jemand hat wohl Bilder auf unserer Webseite gesehen und diesen Link zur Anzeige gebracht. Es ging vor allem um die Bilder, die uns im Schlammloch zeigen. Die Polizei hat sich aufgrund der Anzeige intensiv die Bilder und Reiseerlebnisse auf unserer Webseite angesehen und auch die bei Facebook geposteten Bilder.
Bei der Polizei war die Angelegenheit schnell geklärt, die von uns befahrene Strecke war offen und ich hatte Bilder die zeigen, dass wir exakt auf der Piste gefahren sind.

Steyr 12m18 steckt fest

Steyr steckt fest.

Der gelbe Stecken ist die deutliche Pistenmarkierung.

Andere Bilder z.B. dieses bei Facebook, wurde ebenfalls beanstandet. Wir übernachten neben der Piste, dies ist illegal. Es bleibt bei einer mündlichen Verwarnung.

Camp neben der Piste

Camp neben der Piste

Illegales Übernachten direkt neben der Piste. Nicht im Bild zu sehen (unten links) ist eine Stelle, wo mit dem Bagger Sand für den Pistenbau geholt wurde.

Harte Auslegung

Die Pisten und Fahrspuren mit dem Fahrzeug zu verlassen, ist in Island verboten und wird von allen Reisenden akzeptiert und mehr als das, auch gefordert, denn nur so lässt sich der einzigartige Natur- und Landschaftsraum am nördlichen Polarkreis erhalten. Schwarze Schafe werden hart bestraft und das ist richtig.
Wenige Tage später treffen wir andere Reisende, in einem ähnlich großen Fahrzeug wie unsere Pistenkuh. Sie hatten vor ein paar Tagen mit einem Ranger genau über dieses Thema gesprochen und dieser sagte: „ Alles, was nicht “on the road” ist, ist zwangsläufig “off the road”. Sobald die Räder die Fahrspur verlassen, zählt es als illegales Offroad Fahren. Für Pausen muss ein markierter Parkplatz gefunden werden, bei Gegenverkehr muss einer so lange zurückfahren, bis eine markierte Ausweichstelle erreicht wird.“

Das war mir so, selbst nach dem Gespräch bei der Polizei, nicht klar, also achte ich in den nächsten Tagen verstärkt auf das Verhalten anderer Reisender. Ich bleibe konsequent mit dem Steyr in der Spur, jeder weicht aus, es ist das normalste der Welt, keiner setzt seinen Wagen zurück. abgesehen davon ist es fernab der Realität, es gibt Strecken, die sind über zig Kilometer (z.B. Faxasund-Piste) nur ein schmales Bündel Reifenspuren. Wer fährt bei Gegenverkehr 54 Kilometer in der flachen Wüste zurück?
Ich frage die Fahrer der Fahrzeuge, die mir ausgewichen sind, ob sie wissen, dass sie sich illegal verhalten haben. Ausnahmslos jeder meinte, ich scherze.
Zwei Land Rover stehen neben der Piste, genau so, wie wir es bisher auch machten, nicht 2 Meter neben der Piste, sondern direkt neben der Piste. Sie glaubten mir nicht, dass dies illegal sei.

Piste in Island

Piste in Island

Typische Piste im Hochland. Es wird erwartet, bei Gegenverkehr soweit zurück zu fahren, bis ein Passieren ohne verlassen der Piste möglich ist.

Ich könnte an einem Tag im Hochland nach diesen Kriterien 30 bis 40 Anzeigen erstatten. Aber warum ist kein einziger Reisender darüber informiert?
Also mal schnell gegoogelt: Man findet nichts, keine offiziellen Verhaltensregel, kein Bußgeldkatalog, nichts. Es stehen große Schilder am Straßenrand, die auf die Zerstörung der Natur durch illegales Offroad Fahren aufmerksam machen, diese Schilder zeigen Fahrspuren in der Landschaft, bei denen jeder sofort sagt: „Das ist ein Verbrechen und muss mit harter Geldstrafe geahndet werden.“
Beim Verlassen der Fähre wird jeder Geländewagenfahrer kurz von der Polizei darauf hingewiesen, dass Offroad Fahren verboten ist. Warum zeigt man nicht kurz ein Foto, das einen Geländewagen direkt neben der Piste zeigt und sagt: „Das kostet xx Kronen.“
Warum zeigen die großen Schilder zu Beginn der Pisten nicht ein klares Bild, das deutlich macht, dass es keine Toleranz neben der Piste gibt?

Diesen Text stellte ich auf die Webseite. Die ersten Reaktionen waren: „Naja, wer weiß was ihr gemacht habt, man bekommt ja keine Anzeige, wenn man sich ordentlich benimmt. Vielleicht habt ihr ja auch Müll liegen lassen.“
„Das ist bestimmt nur die halbe Wahrheit, ich kann mir nicht vorstellen, dass man eine Anzeige bekommt, wenn man ein Schlammloch umfährt.“

Ich habe den Text am nächsten Tag auf der Seite gelöscht und bin zum dritten Mal zur Polizei. Ich wollte genaue Regeln. Der Polizist sagte: „Die Ranger sind nicht die Polizei, wenn wir nach diesem Grundsatz handeln (Gemeint war: On the Road is on the Road and off the Road is offroad and illegal), brauchen wir uns um nichts anderes mehr zu kümmern, außer um Jeepfahrer.
Genaue Regeln konnte er mir aber auch nicht mit auf den Weg geben, alles etwas schwammig wie: „Man verhält sich so, dass man die Landschaft so wenig wie eben möglich beschädigt, alles anderes ist strafbar.“ Oder: „Wer seinen gesunden Menschenverstand gebraucht, verhält sich richtig.“

Wir machen uns wieder auf den Weg, verhalten uns korrekt, jedoch stelle ich keine Übernachtungsplätze mehr auf Facebook oder die Webseite. Natürlich übernachten wir frei neben der Piste. Ich parke auf Felsplatten oder an den Erweiterungen von Furten. Obwohl wir jetzt hoch sensibilisiert sind, verhalten wir uns falsch. Ein Freund schickt mir einen Link zu einer Diskussion im LKW-Allrad Forum. Dort berichtet jemand, er musste einen dreistelligen Eurobetrag bezahlen, weil er ohne Schaden anzurichten exakt neben der Piste übernachtet hat.

Zufälle gibt es

Seltsamerweise haben wir unterwegs nur Lkw Fahrer getroffen, die Anzeigen kassiert haben. Die Einheimischen benehmen sich auf ihren Pisten ganz ungeniert, insbesondere wenn sie mit Quads unterwegs sind. Fragt man die Isländer, kommt die Antwort schnell und gleichlautend: „Die meisten illegalen Offroad Fahrer sind Touristen und besonders die, die sich Geländewagen mieten.“
Bekäme ich heute eine E-Mail mit dem Inhalt: „Allrad-Lkws sind in Island unerwünscht. Seid vorsichtig.“ Ich würde länger darüber nachdenken.

Oder klärt man Touristen absichtlich nicht auf, um sich die Einnahmequelle nicht zu verbauen. Ästhetik der Landschaft nur als Vorwand? Es geht nur um Cash? Nein, das wäre ja ungeheuerlich.

Welche Erfahrung habt ihr gemacht?
Natürlich behandele ich die Infos vertraulich.
Email an info@pistenkuh.de

Eine lesenswerte Reaktion und ein sehr interessantes Rechtsverständnis findet ihr hier: Reaktion auf illegales Offroad fahren.

Offroad Strecken in Island

GPS Offroad Reiseführer Island PistenkuhZu den legal befahrbaren Offroad-Strecken und sogenannten „nummernlosen Jeeptracks“ in Island haben wir einen GPS-Offroad-Reiseführer Islandzusammengestellt. Er enthält eine genaue Beschreibung, zudem alle Waypoints, Tracks und Routen als GPX-Format fürs NAVI zudem eine Karte von Reise-Knowhow und einiges mehr.

Offroad Impressionen Westalpen PistenkuhZum Einstimmen auf die faszinierende grün schwarze Insel gibt es einen Reisefilm Offroad Impressionen Island von uns.

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw.
Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

This article has 1 comment

  1. Alex

    Hallo, lieber Burkhard.

    Wir waren mit unserem Land Cruiser für 3 Monate auf Island. Wir hatten uns im Vorfeld informiert und auch von den drastischen Strafen gelesen, die Offroad-Fahren dort mit sich bringen. Soweit so gut.
    Trotzdem war für uns nicht nachvollziehbar, warum man die Pisten nicht wenigstens so breit macht, dass zwei Fahrzeuge im Schritttempo aneinander vorbeikommen oder – und das wäre das Mindeste – in regelmäßigen und nicht zu großen Abständen Ausweichstellen schafft. Die ließen sich z.B. locker mit einem Hochlandpass finanzieren, den jeder Hochlandreisende, wie beispielsweise in Australien für die National Parks, bezahlt und der wahlweise für ein paar Tage, Wochen oder Monate gültig ist.
    Uns sind hin und wieder diese riesigen 4×4 Reisebusse entgegengekommen. Die haben jeweils die ganze Piste beansprucht und ganz ehrlich, es wäre uns niemals in den Sinn gekommen, wegen denen auch nur 2 km, geschweige denn noch weiter im Rückwertsgang zu einer Ausweichstelle zu kriechen, um dann womöglich kurz darauf gleich wieder ans selbe Problem zu geraten. Überhaupt haben wir uns immer wieder gefragt, wer denn nun, wenn wir ein anderes Geländefahrzeug kreuzten, den „Rückzug“ hätte antreten müssen. Dies steht nirgendwo geschrieben und man hat ja auch wirklich keinen Bock darüber zu diskutieren, wer nun da den kürzeren Weg hat.
    Es ist ja schön und gut, wenn einem bei Ankunft in Island ein Fleyer mit den Fahrregeln in die Hand drückt, aber das ist definitiv nicht die Lösung.
    Ein Beispiel zum Kopfschütteln erlebten wir, als uns ein junger Ranger entgegenkam. Wir hätten gut 18 Kilometer bis zu einem Parkplatz zurückfahren müssen, deshalb haben wir ganz am Rand der Piste angehalten. Der Ranger hat uns aufs übelste beschimpft und mit der Polizei gedroht, weil wir – es ist echt wahr, wir haben es gemessen – eine Daumenlänge neben dem Track standen. Ich bin ruhig geblieben und habe auf die Zähne gebissen, auch wenn ich ihm am liebsten gesagt hätte, die Isländer würden sich viel Ärger ersparen, wenn sie ihre Pisten etwas breiter machen würden. Er wollte daraufhin, dass wir rückwärts fahren, ich sagte, dass es für ihn doch mit knapp 4 km bis zu einer Hütte viel kürzer wäre. Darauf rief er uns noch irgendeine Nettigkeit auf isländisch zu, dann fuhr er weiter und bog uns dabei noch den Rückspiegel um.
    Übrigens ist es uns auch einmal passiert, dass wir eine Track fuhren, der dann am Ende mit „Geschlossen wegen Unpassierbarkeit“ ausgeschildert war. Wir hatten uns vorher erkundigt, da hieß es, der Track sei offen. Später erfuhren wir dann, dass er schon seit Wochen zu war. Was hätte man uns da wohl für eine Strafe aufgebrummt, wenn zufällig am Ende der Piste ein Ranger gestanden hätte …?
    Unser Fazit: Naturschutz 100% ja, aber Island sollte auch dringend etwas tun, um des Problem der schmalen Tracks zu begegnen. Auf Dauer und mit dem sicher in der Zukunft noch weiter ansteigenden Tourismus wäre eine Verbreiterung der Pisten, finanziert durch einen Hochland-Pass, unserer Meinung nach die bessere Lösung, als immer mehr Vorschriften und Strafen, die kaum Sinn machen.

    Herzlicher Gruss,
    Alex
    http://www.alex-winter.com

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