Warum hält ein Exmo keine 900.000 km ?
Der hält doch 1 Million Kilometer, höre ich von Passanten neben meinem Fahrzeug genau so oft wie: „Der geht ja überall durch.“ Beides geht komplett an der Realität vorbei.
Aber warum wird ein Exmo die Millionenmarke auf dem Kilometerzähler nicht übersteigen?
Das Vorurteil begründet sich daher, dass viele Neulinge bei der Entscheidung für das Basisfahrzeug falsche Testberichte und Eignerberichte lesen. Wer einen MAN TGS oder ein Mercedes Actros kaufen und als Basisfahrzeug für ein Expeditionsmobil nutzen will, landet bei Testberichten von Fernfahrern und Speditionsunternehmen. Typischerweise liest sich das so:
Chef einer großen Spedition in einem Fachmagazin:
„Wir haben über 100 Lkw, und die meisten davon habe ich in der Vergangenheit schon selbst gefahren und größtenteils selbst beim Hersteller abgeholt. Manche bleiben einem jedoch näher am Herzen als andere.
Wir haben drei oder vier verschiedene Hersteller in unserem Betrieb, und wie gesagt, der eine ist nicht besser als der andere, heutzutage sind sie alle auf einem ähnlichen Niveau. Dennoch liegen einem manche Fahrzeuge besonders am Herzen.
Zum Beispiel der schwarze 53er Mercedes, den haben wir damals zusammen mit einem Zwillingsbruder dazugekauft. Ich weiß noch, wie ich mit meinem Vater, dem Seniorchef, die Zuführung zum Einsatzort gemacht habe, wo er dann starten sollte, und ihn an die Fahrer übergeben habe.
Und heute sitze ich darin, fahre durch die Waschanlage und sehe, dass er fast 950.000 Kilometer gelaufen hat. Der „alte Mann“, sage ich mal, ist Baujahr 2021 und hat wirklich gute Dienste geleistet. Er hat uns nie im Stich gelassen. Eine Million Kilometer sind für die 53er keine Seltenheit und bei uns im Betrieb eher der Standard.“
Okay, dann kaufe ich einen 53er (gemeint ist damit der 530 PS starke Daimler Motor, wie er in den Actros-Modellen z.B. 1853 verbaut wird), dann hält der bei mir ewig und drei Tage.

Doch die Nutzungsbedingungen eines Expeditionsmobils unterscheiden sich extrem von denen einer Zugmaschine im Fernverkehr und somit ist auch die Lebenserwartung extrem unterschiedlich.
Für obigen Spediteur ist ein 5 Jahre altes Fahrzeug (Bj. 2021, Text von 2026) ein „alter Mann“.
950.000 km in 5 Jahren macht rund 190.000 im Jahr oder bei 250 Arbeitstagen im Jahr 760 km täglich.
Die 760 km täglich schafft der Fahrer nur unter idealen Bedingungen, heißt Autobahn in Zentraleuropa.
Keine extremen Steigungen und Gefälle auf bergigen Landstraßen.
Der Motor wird nur Sonntags mal kalt, hat nur 50 Kaltlaufphasen im Jahr. Alle 6 Wochen Ölwechsel. Im Nieselregen auf der A20 an der norddeutschen Küste entlang könnte man ohne Luftfilter fahren.
Wenn der Fahrer mit Verstand fährt, in der Kaltlaufphase nicht die volle Leistung abruft und vor allem den Motor nicht direkt nach der Vollgasfahrt abstellt, stecken auch deutlich mehr als 1 Million Kilometer in dem Motor drin.
Der Einsatz als Expeditionsmobil ist völlig anders. Diese Fahrzeuge beginnen jeden Tag ihrer Nutzung mit einer Kaltlaufphase. Früher sagte man als Faustformel, dass ein Kaltstart etwa einem Motorenverschleiß von 400-500 Kilometer unter optimalen Fahrbedingungen entspricht.
Und wie oft sieht man, dass im weichen Sand der heiße Motor aus dem Vollgas heraus abgewürgt wird (okay, nicht mit 530PS) und dann erstmal aus bleibt bis geschaufelt und Sandbleche gelegt sind, weil man meint, ein Laufenlassen des Motors im Stand sei schädlich für die Umwelt.
Das man in sandigen Terrain oder generell offroad keine 760 Kilometer am Tag schafft ist klar, aber Motor, Getriebe und Antriebsstrang haben an dem Tag mehr Verschleiß erfahren (unterschiedliche Temperaturzustände durch Vollgas, abwürgen, im Stand laufen etc.) als der Truck im Nieselregen auf der A20. Der eine hat am Ende des Tages 760 km auf der Uhr, der andere vielleicht 76.
Hinzu kommt, insbesondere in Wüstengebieten und Konvoifahrten, dass die angesaugte Verbrennungsluft immer extrem staubig ist und auch trotz Zusatzfilter und erhöhter Luftansaugung kaum den Reinheitswert von Luft an einem Regentag erreichen wird. Vielleicht ist unterm Strich sogar der Verschleiß insgesamt bei 760 optimalen Autobahnkilometer geringer als 76 km anspruchsvolles Offroadgelände. Heißt 1 Million Kilometer Fernverkehr oder 100.000 km Expedition.

Jetzt ist klar, 1 Mio km wird ein Expeditionsfahrzeug im Einsatz nicht erleben.
Jetzt bleibt nur noch das Vorurteil: „Der kommt überall hin.“









