Wolga M21, vergessen und verrostet in Sibirien
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Reisen in Sibirien – Die Story zum Bild

Ein Bild ist schnell fotografiert und auf die Webseite oder bei Facebook hochgeladen.
Ein ebenso schneller Blick, ein Daumen hoch geklickt und das Bild ist durch. Aber jedes Bild auch eine Geschichte, ein Erlebnis, dieses behält der Fotograf meistens für sich. Ich erzähle euch mal die Story hinter dem Foto des Wolga M-21.

Ich weiß nicht warum, mich faszinieren einfach alte, verrottete und verrostete Karren am Straßenrand. Insbesondere wenn sie aus den 50iger und 60iger Jahren sind.
Auf der Reise durch Sibirien entdecke ich einen alten Wolga M-21. Aufgebockt auf Baumstämmen trotzt er der Zeit.

Wolga m-21

Der Wolga M-21 wurde von dem russischen Unternehmen GAZ von 1957 bis 1968 in Serie gebaut.
Eine Anlehnung an den amerikanischen Stil jener Zeit ist deutlich zu erkennen. Um den damaligen Straßenverhältnissen der Sowjetunion angepasst zu sein, verfügte er für einen PKW respektable 20 cm Bodenfreiheit. Der Motor war kompromisslos auf Anspruchslosigkeit und Langlebigkeit ausgelegt.
Erreicht wurde dies, indem die Entwickler ein Verdichtungsverhältnis von nur 6,6 wählten. Ein hoher Benzinverbrauch von rund 15 l/100 km war die Kehrseite der Medaille.

Trink Bruder

Die Kamera liegt griffbereit in einer Staukiste neben meinem Sitz. Das Fotolicht ist nicht optimal aber auch nicht völlig unbrauchbar, also ein Tritt auf das Bremspedal und schnell ein paar Fotos geschossen.
Der Hund an der Kette verrät uns durch lautes Gekläff und sein Besitzer, dem wohl auch das Auto gehört, erscheint kurz später.

Die gute Stube.

Die gute Stube.

Mit dem Fotografieren ist es vorbei, sofort müssen wir mit in die Stube kommen, die Wodkaflasche steht schon auf dem Tisch. Ausreden und Einwände werden nicht akzeptiert. „Trink Bruder.“

Ich liebe Fischsuppe

Er hat die beste Fischsuppe gekocht, wir müssen probieren. Mit einer Scheppkelle schöpft er aus einem auf dem Boden stehenden Topf, trinkt aus der Kelle und reicht sie an mich weiter. Wehren kann ich mich so wenig wie gegen den Wodka. „Und, wie schmeckt meine beste Fischsuppe?“
Was soll ich antworten? Die Wahrheit wäre unhöflich. Dank dem Wodka fallen mir nur die russischen Worte ein, die man normalerweise einer Dame nach dem zweiten Drink ins Ohr flüstert: „Wow, ich liebe sie.“
Zack, Plastikteller auf den Tisch und drei ordentliche Kellen Suppe eingeschenkt. Die Fischsuppe ist drei Tage alt und eiskalt, aber sie riecht deutlich nach Fisch. Mit (ungewaschenen) Daumen und Zeigefinger fischt er zwei Katzenhaare aus meiner Suppe. „Wir sind hier auf dem Land“, lacht er dazu.
Mir ist es egal, ich finde alles toll. „Sa sdorowje“

Ich liebe alte, kalte Fischsuppe.

Ich liebe alte, kalte Fischsuppe.

Gegen ein Foto wie er in seinem Sessel sitzt, hat er nichts einzuwenden, möchte aber auch ein Foto von mir und Sabine machen.

Unser Gastgeber: Wir werden ihn in guter Erinnerung behalten

Unser Gastgeber: Wir werden ihn in guter Erinnerung behalten

Ich gebe ihm meine Kamera, erkläre kurz den Autofokus und zeige den Auslöseknopf. Auf dem verstaubten Schrank liegt eine ebenso verstaubte Fellmütze. Widerrede und Gegenwehr nutzt nichts, die Mütze muss auf meinen Kopf. Sabine vergeht das Lachen, auch sie muss eine Kopfbedeckung tragen.
Und damit es lustig wird, bekomme ich noch eine Holzkeule in die Hand gedrückt. Mir ist es inzwischen egal, der Wodka beginnt zu wirken.

Besoffen macht man jeden Quatsch mit.

Besoffen macht man jeden Quatsch mit.

Raus aus dem Haus, vor dem Wolga gehe ich für ein Foto noch einmal auf die Knie. Beim Aufstehen schwankt der Boden. Sabine fährt die restlichen Kilometer des Tages. Ich sitze breit grinsend auf dem Beifahrersitz und freue mich über mein Bild des Wolga M-21.

Burkhard Koch reiste im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad und Schlafsack frei durch Deutschland. Die Reiseleidenschaft wurde perfektioniert. Heute reist er ständig mit seiner Frau Sabine und einem Allrad-Lkw. Burkhard Koch schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine.

This article has 2 comments

  1. Mobilix

    Offensichtlich seid ihr wohlbehalten aus dem Koma erwacht – schöne Story! Alles in allem doch recht zivil, ihr musstet ja nicht einmal mit der Kalaschnikow den Wolga veredeln…
    Danke für solche Einsichten und Gruß,
    Mobilix

  2. Andreas

    Das Gewehr in der Küche ist eine Kalaschnikow AKS-74 mit einklappbarer Skelettschulterstütze – für Fallschirmjägertruppen bis Ende der 80ziger Jahre. Es fehlt der Gehäusedeckel und das Gasrohr, der Griff dürfte modifiziert oder ausgetauscht worden sein.
    Sehr umsichtig vom Gastgeber nicht eine voll funktionierende Waffe an die Wand zu hängen.

    Euer Gastgeber kann durchaus viel erlebt haben als russischer Fallschirmjäger in den 80zigern …

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